Monika lächelte zum ersten Mal und sagte: »Ich versuche mein Glück mit dem Pickel, aber es wäre schön, wenn du auf deinem Nachhauseweg bei mir vorbeischauen würdest, falls ich doch nicht klargekommen bin.«
»Klar, mache ich gerne, also bis heute Nachmittag so gegen vier. Pass mit dem Pickel auf, mit dem kann man sich auch verletzen!«, fügte Markus noch hinzu und war danach schon wieder verschwunden.
Voller Elan arbeitete Monika weiter an dem Loch für ihr Bäumchen, und mit der Spitzhacke schaffte sie es auch nach fast drei Stunden, ein tiefes und genügend breites Loch zu graben. Als sie mit dem Spaten den letzten Rest an lockerer Erde entfernen wollte, sah sie in dem Loch etwas glitzern. Neugierig griff Monika hinein und bekam eine Kette zu fassen. Als sie daran zog, löste sich neben einem Stück silbriger Kette auch noch ein Klumpen Dreck.
Da nun endgültig ihre Neugier geweckt war, nahm Monika den Dreckklumpen und löste den Schmutz mit den Händen. Zum Vorschein kam ein ebenfalls silbriger Anhänger, den sie erst mal beiseitelegte und den Boden des Loches noch genauer untersuchte. Aber nachdem sie dort nichts mehr fand, pflanzte sie ihr Bäumchen, verfüllte den Boden und die Ränder um den Wurzelballen mit lockerer Erde und goss die frische Pflanzung gut ein. Danach schnappte sie sich den Anhänger und ging zurück ins Haus, wo sie auch noch den letzten Dreck von der Kette und dem Anhänger beseitigte und sich die Hände wusch. Vorsichtig trocknete sie diesen ab und betrachtete ihn genauer.
Der Anhänger war wohl aus Silber. Er schien sehr alt zu sein und hatte neben kunstvollen Verzierungen in der Mitte eine von sonderbaren Schriftzeichen umrahmte ovale freie Fläche.
Monika setzte sich mit dem Anhänger an ihren Computer und versuchte, diese Schriftzeichen zu finden, um mehr über diesen Anhänger in Erfahrung zu bringen. Nach einer intensiven Suche konnte sie einige Schriftzeichen identifizieren. Diese wiesen eindeutig auf einen keltischen oder germanischen Ursprung hin, weshalb in Monika die Vermutung aufkam, dass der Anhänger zweitausend Jahre oder älter sein könnte. Zudem fand sie Gefallen an diesem Schmuckstück und hängte sich dieses um.
Der Anhänger hing nun perfekt zwischen ihren kleinen festen sportlichen Brüsten. Als sich Monika in einem Spiegel betrachtete, gefiel ihr, was sie dort sah. Ihr nun neues Lieblings-Schmuckstück nahm sie dann nur ab, als sie in die Dusche stieg, denn sie hatte stark geschwitzt während der Gartenarbeit.
Gut gelaunt duschte Monika und zog sich um. Zum einen freute sie sich über das Schmuckstück und zum anderen auf den vereinbarten Besuch von Markus.
Nachdem sie das Haus aufgeräumt hatte, goss sie noch einmal ihr Bäumchen und machte es sich auf ihrer Terrasse gemütlich. Sie legte sich in die Sonne, um etwas Farbe zu bekommen, und schlief auf ihrer Sonnenliege ein. Die für sie harte Arbeit und der Hochsommertag taten ihr Übriges.
Im Traum befand sich Monika plötzlich in einer völlig anderen Welt. Allerdings waren ihre Gedanken absolut klar, denn sie wusste genau, dass sie nicht hierhin gehörte.
Aber sie war nun mal hier und ging auf eine kleine Hütte zu, welche sie von dem Hügel, auf dem sie stand, sehen konnte. Als sie der Hütte näherkam, welche vom Baustil her eher einer Behausung aus der Steinzeit glich, öffnete sich die Holztüre, und eine alte Frau trat heraus und winkte ihr zu …
Abrupt wurde Monika aus ihrem Traum gerissen und war wieder wach.
Was war das denn? Alles war so klar, so real, dachte Monika, als sie sich ihr T-Shirt wieder überstreifte, von der Liege aufstand und ins Haus ging. In der Küche trank sie erst mal etwas. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es schon bald vier Uhr nachmittags war und Markus kommen wollte. Monika zog sich schnell etwas Hübsches an und besorgte sich zwei Straßen weiter vom Bäcker etwas Gebäck für den Kaffee.
Wenig später erschien Markus, und sie verbrachten einen gemütlichen Nachmittag bei Kaffee und Gebäck sowie einer angeregten Unterhaltung. Monika fühlte sich dabei sehr wohl und vergaß kurz den ungewöhnlichen Traum.
Nach dem netten Nachmittag mit Markus verbrachte Monika den Rest des Tages zu Hause. Ihr war nicht danach auszugehen, denn noch immer war sie viel zu verwirrt bezüglich ihres Traumes.
In der folgenden Nacht hatte Monika denselben Traum. Er wirkte wieder sehr real und endete erneut damit, dass die alte Frau Monika zu sich winkte.
Noch völlig geschafft von dieser erneuten Erfahrung verging der Vormittag, ohne dass Monika irgendetwas zustande brachte. Sie stand völlig neben sich. Es gipfelte darin, dass es plötzlich an der Haustüre klingelte.
Als Monika öffnete, stand eine alte Frau vor der Tür. Stopp – es war nicht EINE Frau, es war genau DIE Person aus ihren beiden letzten Träumen.
Reflexartig schlug Monika die Türe wieder zu und atmete schwer, aber dann überkam sie große Neugier, sodass sie die Tür wieder einen Spalt breit öffnete und fragte: »Was wollen Sie von mir?«
»Guten Tag, Monika, die Runen haben mich zu dir gerufen, und ich möchte diesem Ruf Folge leisten und dich aufklären, was es mit deinen Träumen auf sich hat. Aber das sollten wir nicht hier zwischen Tür und Angel besprechen, Kindchen«, antwortete die Alte recht freundlich und war schon dabei einzutreten.
Wieso kennt sie meine Träume?, dachte Monika, und ohne weiter nachzudenken, ließ sie die Alte rein.
Als beide im Wohnzimmer Platz genommen hatten, sagte die Alte: »Um deine Frage von vorhin zu beantworten: Ich weiß alles über deine Träume und auch von der Tatsache, dass du mich von dorther kennst. Aber nun der Reihe nach. Mein Name ist Muriel, und ich bin ein Mitglied der Diener der Runenanhänger. Unsere Aufgabe ist es, die Träger der Anhänger auszubilden und anzuleiten, damit diese in der Lage sind, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen.«
»Wie viele Runenanhänger gibt es denn?«, fragte Monika, der die ganzen Informationen zu Kopfe stiegen.
»Das ist schwer zu sagen, denn selbst die Anzahl der Anhänger ist unbekannt, und sicher hat nicht jeder Anhänger derzeit auch einen Träger. Es könnte sogar sein, dass du derzeit die einzige Trägerin bist«, antwortete Muriel.
»Du sagtest, dass du von dem Anhänger gerufen wurdest. Wie … wie geht das denn?«, wollte Monika wissen.
»Die Runenanhänger und mein Orden sind seit je her magisch miteinander verbunden. Das ist auch gut so, denn ohne die Unterweisungen der Träger durch die Mitglieder meines Ordens hätten diese kaum eine Chance, die Herausforderungen, vor die der Träger durch den Anhänger gestellt wird, zu meistern und würde in der Folge höchstwahrscheinlich sterben«, erläuterte Muriel weiter.
»Wie … sterben?« Monika war jetzt hellwach.
»Kindchen, Folgendes musst du wissen: Alles, was du in deinen Träumen erleben wirst, wirkt auch genauso im Hier und Jetzt. Das bedeutet, wenn du im Traum zum Beispiel eine Verletzung am Bein erleidest, dann hättest du nach dem Aufwachen genau dieselbe Verletzung auch in der Realität. Daher wäre es im schlimmsten Fall tatsächlich dein Tod, wenn du im Traum sterben würdest.
Wir haben in all der Zeit lediglich herausgefunden, dass es eine Zeitverschiebung zwischen dem Eintreten des Ereignisses im Traum und dem im Jetzt von etwa einer Stunde gibt. Ansonsten ist alles identisch, und zwar immer«, klärte Muriel ihr Gegenüber auf.
Monikas Kopf glühte, sie hatte noch viele Fragen, die Muriel alle sehr geduldig beantwortete.
»Eine letzte Frage habe ich noch«, begann Monika noch einmal.
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