Ich beobachte ihr Gesicht. Ihre geröteten Wangen, ihr geöffneter Mund. Die Anstrengung und Verzückung auf ihren Zügen. In jeder Faser ihres Körpers liegt ein Ausdruck von äußerster Anstrengung und völlige Auflösung.
Sie ist mit jedem Gedanken bei mir. Bei dem, was ich als nächstes tun werde und kurz davor, ihre Fassung zu verlieren. Sie kippt nur deswegen nicht über den Rand, weil sie nicht glauben kann, was sie fühlt, als ich den letzten Eiswürfel zwischen ihre Beine gleiten lasse und ihn dort bewege.
Ein Beben durchläuft sie und sie schreit auf.
Als ich die richtige Stelle gefunden habe und dort reibe, wird sie von spasmischen Zuckungen hin und her geworfen.
Ihre Schreie sind Schreie der Ekstase. Ich verschaffe ihr endlich Erlösung. Erlösung, weil ich sie nach zwei Stunden endlich dort berühre, wo sie berührt werden muss.
Mit einer Hand löse ich die Knoten, die ihre Beine am Tisch festhalten. Sie bemerkt es nicht und erst als ihre Zuckungen abebben, ziehe sie bis zu mir heran und hebe ihre Füße auf meine Schultern.
Alles in mir will in sie hinein, doch ich halte sie völlig ruhig und sauge den herrlichen Anblick in mich auf. Sie liegt nicht nur unter mir, sondern sie ist meiner Gnade ausgeliefert, hilflos vor Lust.
»Bitte!«, fleht sie, als die Welle in ihr immer höher steigt und droht sie zu überrollen, ohne ihr das letzte Stückchen Rand zu gönnen.
Ich dringe langsam in sie ein. Das ist der echte Kontakt. Wenn ich in sie hineinstoße. Kein Anstand, keine Sozialisation mehr zwischen uns.
Die Geräusche, die über ihre Lippen kommen sind magisch, ebenso wie ihr Gesicht. Ich beobachte jedes Detail ihres Gesichtes, als ich ihr endlich die Freiheit gewähre, sich zu bewegen und gegen die Ursache ihrer Lust zu stemmen.
Sie ist schön. Jede Frau am Rand ist wunderschön, vollkommen wie der Moment, den wir teilen. Und ich beobachte die Frauen immer bis zum Ende. Ich registriere jede Einzelheit ihrer Erregung, jedes Detail ihres Kommens und weiß, wir sind wieder unschuldig in diesem Moment, sie und ich.
Jean Sarafin
Ich spüre, wie sein Blick auf mir ruht und jeder meiner Bewegungen durch die weihnachtlich geschmückte Halle verfolgt.
Dieser Blick begleitet mich, seit Herr Marx in unserer kleinen, einst harmlosen Sparkassenfiliale arbeitet. Der Blick ist nicht jugendfrei und lässt mich wissen, dass er mich für eine schöne Frau hält. Vielleicht auch, dass er Interesse an mir hat, sich aber nicht sicher ist, ob ich sein Interesse erwidere. Kurz, der Blick ist nicht jugendfrei und seine Gedanken sind es vermutlich auch nicht und sollten zensiert werden.
Aber ich bin nicht mehr zensiert, sondern verheiratet und könnte seine Mutter sein.
Trotzdem gefällt mir sein Blick. Außerdem mag ich hübsche Menschen. Wieso auch nicht?
Ein wenig nervös gehe ich zum Empfangsschalter und melde mich an, obwohl ich genau weiß, dass mich mein Bankberater bereits gesehen hat. Und richtig: Sekunden später nimmt er mich seiner Kollegin ab, reicht mir höflich die Hand und macht selbst diese kleine Berührung zu etwas Besonderem, indem er mich einen Moment lang länger als notwendig hält. Seine Kollegin bemerkt nichts von diesem gestohlenen Moment und so folge ich Marx.
Verwirrt bemerke ich, dass er zur Treppe geht, die ins Obergeschoss und zu den Geschäftszimmern mit den Glasfronten in Richtung des Kasseninnenraumes führt.
Die Finanzberater sitzen üblicherweise im Großraumbüro der Bank, nicht oben. Ungewöhnlich.
Trotzdem komme ich nicht umhin, neben den schicken Tannenzweigen und den glitzernden Lichtern auch den Schwung seiner Hüften unter der gutsitzenden Stoffhose zu bewundern. Ein perfekter Schnitt für einen schnittigen jungen Mann und dieser Po erst … wäre ich ein wenig jünger. Ich seufze leise, weil ich mir auf einmal wie eine schmutzige, alte Frau vorkomme und sogar versucht bin, nach einem Mistelzweig zu spähen.
Erst langsam sacken Marx’ Worte in mein Hirn und ergeben noch viel langsamer einen Sinn. Dies hier ist unser letztes Beratungsgespräch, da er nach den Weihnachtsfeiertagen umziehen wird.
»Schade!«, meine ich und ärgere mich, da das Wort vergessen hat, erst vom Verstand abgemildert zu werden.
Trotzdem freut mich der Blick aus seinen warmen, blauen Augen. Mit einem Mal fühle ich mich – trotz meines Alters – herrlich frei und verrucht und ein wenig aufgeregt.
Auch noch, als er die Glastür öffnet.
»Ich wusste gar nicht, dass Sie hier oben ein Büro haben«, sage ich, um meine Verwirrung zu überspielen und meine verräterische Libido unter Kontrolle zu bekommen.
»Es ist nur ausgeliehen.« Marx deutet auf den Stuhl, auf dem ich Platz nehmen soll. Mit dem Gesicht in Richtung Glasfront, so, dass ich zu den anderen Besuchern und Bankangestellten hinabsehen kann. Es ist schön hier. Ein bisschen wie im Zoo, aber Menschen-gucken hat mir schon immer gefallen.
»Hier ist es … intimer«, sagt Marx leise. Dabei stockt er kurz und bewusst und sowohl das Stocken als auch die Wahl seiner Worte lassen meine Fantasie rasen.
Aber wir sitzen hier oben wie auf einem silbernen Präsentierteller, was soll schon geschehen?
Ich setze mich und konzentriere mich auf die Unterlagen, die er schon auf dem Tisch ausgebreitet hat und versuche jeden erotischen Gedanken im Keim zu ersticken. Vergeblich, denn Marx bleibt hinter mir stehen und reicht mir einen weiteren Ordner. Dabei berührt er meinen Rücken, meine Schultern, meinen Hinterkopf. Ich schlucke, fühle mich verlegen, überrumpelt und heiß. Mir ist auf einmal unendlich heiß. Und Marx? Der wirkt wie ein Wolf, der seinem Opfer erfolgreich den Fluchtweg abgeschnitten hat. Sein Lächeln ist beinahe diabolisch, als er ein klein wenig zur Seite rückt, so dass der Stoff seiner weichen Hose meinen bloßen Unterarm berührt. Er ist zu nahe.
Nur mühsam unterdrücke ich meinen Fluchttrieb und atme stattdessen ein. Ein weiterer Fehler, denn sein Duft ist sehr sinnlich.
Marx wendet sich fort von den Unterlagen und mir sein Gesicht zu. Es ist nahe genug für einen Kuss.
Seine Stimme ist heiser, als er fragt: »Ich denke, Sie brauchen in diesem Bereich Ihrer … Anlagen noch eine intensivere Beratung?«
Meine Gedanken rasen und holen langsam meine Fantasie ein. Kann es sein, dass Marx gerade wirklich das tut, wovon ich schon immer geträumt habe? Ich habe keine Ahnung und deswegen wage ich es nicht, meinen Blick zu heben und ihn direkt anzusehen. Wie lächerlich würde ich wirken, wenn ich irre und mich nur in einem Tagtraum befunden habe?
Marx’ Atem liebkost mein Ohr und ein angenehmes Kribbeln läuft meinen Rücken hinunter.
Mit einem Mal erkenne ich meinen grundlegenden Irrtum. Marx ist kein Mittzwanziger, der keine Ahnung hat. Er ist derjenige von uns beiden, der weiß, was er tut – und was er will.
»Soll ich Ihnen ein Beispiel zeigen?« Wieder sein Atem an meinem Ohr.
Die Doppeldeutigkeit seiner Worte lässt mich erkennen, dass er von meinen Fantasien weiß – und sich seiner eigenen Vorstellungskraft sicher sein kann.
»Ja!«, hauche ich.
Marx setzt sich auf den Stuhl neben meinem. Wieder zu nahe. Aber nicht sichtbar. Auf jeden Außenstehenden musste dies hier trotzdem wie ein normales Beratungsgespräch wirken.
Nur unterhalb der Tischplatte, da berührt mich sein Oberschenkel, gleitet langsam an meinem entlang und reibt sich an ihm.
Ich kann spüren, wie ich feucht werde.
Er meint es wirklich ernst!
Und wie gut, dass alles unterhalb der Tischkante Dank der Metallplatte in der Mitte der Sitzgruppe zum Gang und zum Foyer hin quasi unsichtbar ist.
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