Zuerst brachte er eine weitere Kerze ins Spiel. Ein heißer Tropfen fiel auf ihren Unterleib. Ein weiterer schlich sich in ihren Bauchnabel. Es waren lediglich kleine heiße Stiche, die sie jedoch nicht schmerzten, sondern ihre Leidenschaft auf ein Höchstlevel schraubten. Elias berührte sie nicht einmal großartig, dennoch glaubte sie, dass bereits ein Orgasmus auf sie zurollte.
»Soll ich weiter machen?«, fragte er mit tiefer, verführerischer Stimme.
»Ja…«, stöhnte sie, »… oh ja …« Das war alles, was sie heraus brachte.
Mit geschickten Händen schob Elias den Spitzenstoff von ihr und legte ihre Scham frei. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass er im Begriff war, heißes Wachs auf ihre Klitoris zu tropfen. Sie erschrak ein wenig. Vollkommen unnötig, wie sie Sekunden später feststellte. Denn nach dem winzigen Schmerz ging er dazu über, mit der Stabkerze der Länge nach an ihrer feuchten Spalte entlang zu reiben. Die darauf einsetzenden Empfindungen entschädigten sie eindeutig für jede vorherige Pein. Sie war erfüllt von Lust, so sehr, dass in ihrem Inneren ein regelrechter Vulkan zu explodieren drohte. Und dann konnte sie sich tatsächlich nicht mehr zurück halten. Der Höhepunkt erfasste sie wie ein mächtiger Sturm. Sie bäumte sich abermals auf. Ihr Schoss und ihre Schenkel zitterten unkontrolliert und wollten scheinbar gar nicht mehr aufhören.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe Nora es schaffte, sich mit einem Ruck daraus zu lösen und sich aufzusetzen. Keuchend brachte sie die Füße auf den Boden, stützte sich mit den Ellenbogen auf ihren Oberschenkeln ab und rang um Fassung.
Nur ganz langsam registrierte sie ihre Umgebung.
Alles um sie herum lag in Dunkelheit. Vor sich auf dem Wohnzimmertisch konnte sie die Umrisse eines winzigen Weihnachtsbaumes erkennen. Daneben ein Weinglas und eine Nudelbox, die mittlerweile einen unangenehmen Geruch verströmte.
Hatte sie etwa nur geträumt? Das konnte doch unmöglich sein!
Sie stand auf und ging hinüber zum nächsten Lichtschalter. Nichts passierte. Mit einem Blick hinaus auf die Nachbarhäuser versicherte sie sich, dass der Stromausfall durchaus real war.
Um ganz sicher zu gehen, kniff sie sich noch kräftig in den Oberarm.
»Autsch«, fluchte sie.
Der Traum war ausgeträumt, aber die Kerzenspiele sicher noch ausbaufähig. Höchste Zeit, ihrem Nachbarn Elias einen wahrhaftigen Besuch abzustatten.
Christiane Gref
Seufzend stellte Arne den Blumentopf ins Regal zurück. Ein junger Verkäufer näherte sich. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich fürchte, mir kann keiner helfen.«
»Das klingt aber nicht gut.«
Arne strich sich müde über die Augen. »Haben Sie Geschwister?«
Der Verkäufer nickte eifrig. »Einen jüngeren Bruder.«
»Sie Glücklicher«, sagte Arne und seufzte. »Ich habe eine Schwester und wir sind vom Charakter her grundverschieden. Ich bin chaotisch, sie ist krankhaft penibel. Sie hat einen guten Job und ein Haus, ich hause in einer winzigen Wohnung und jobbe mich mehr schlecht als recht durchs Leben. Sie hat einen eigenen Kleiderschrank für ihre Klamotten, die sie in der Firma trägt, während meine Anziehsachen gerade einmal ein Regal füllen. Diese Liste ließe sich noch beliebig weiterführen, aber ich will ja eigentlich nur eine Pflanze kaufen und nicht ins Jammern verfallen.«
Der Verkäufer lächelte Arne aufmunternd an, steuerte auf einen Eimer mit fertig gebundenen Sträußen zu, griff zielsicher ein buntes Gebinde heraus und reichte es an Arne weiter.
»Feldblumen? Um diese Jahreszeit?« Arne war fassungslos.
»Ja, ja, die Globalisierung macht’s möglich. Vertrauen Sie mir«, gab der Verkäufer zurück. »So, wie Sie mir Ihre Schwester beschrieben haben, sehnt sie sich nach etwas Ursprünglichen, etwas Schlichtem mit Raffinesse, die in diesem Fall darin besteht, dass es im Winter keine Feldblumen geben dürfte.«
»Langsam sind Sie mir unheimlich«, stieß Arne hervor. »Kennen Sie meine Schwester etwa?«
Der Verkäufer schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich möchte Ihrer Schwester nicht zu nahe treten, aber das sind die Erfahrungen, die ich im Rahmen einer Studie gesammelt habe. Blumen verkaufe ich nur samstags. Ich studiere Wirtschaftspsychologie.«
»Dann machen Sie Ihr Studium bloß zu Ende. Vielen Dank.«
Arne sah auf die Uhr und stellte fest, dass er bis zum Adventsdinner, wie Joanna es genannt hatte, noch genügend Zeit finden würde, sein einziges Hemd zu bügeln. Das Telefon klingelte.
»Denkst du an unser Essen? Mama hat abgesagt, dafür kommt meine … Ma…«
Arne hörte nur noch Rauschen in der Leitung, dann war Joannas Stimme wieder da. »… mitbringen?«
»Was soll ich mitbringen?«, brüllte Arne ins Telefon.
»Gute Laune, schließlich soll meine Freundin ja den bestmöglichen Eindruck von dir be…«
Das Gespräch riss dieses Mal ganz ab. Arne wartete noch eine Minute. Als sich Joanna nicht mehr meldete, ging er ins Bad und stellte die Dusche an.
So, so, da hatte Joanna also wieder eine neue Freundin. Arne hoffte, dass die Beziehung ausnahmsweise länger dauern würde als die letzten Male. Joanna war unerträglich, wenn es in die Brüche ging, besonders, wenn sie verlassen wurde. Alexa war ihre letzte Freundin gewesen. Ein Model, bei dem Arne nicht müde geworden war zu bedauern, dass es seinen Prachtkörper nur Joanna nackt präsentiert hatte. Im Nachhinein stellte sich zwar heraus, dass Alexa mit ihrem Körper auch andere Frauen beglückt hatte, doch dieser Umstand war weder Joanna noch Arne ein Trost.
Arne nahm sich vor, der neuen Flamme seiner Schwester nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Pünktlich hielt er am Abend vor Joannas Haus und bewunderte einmal mehr die Perfektion, mit der seine Schwester den Garten bepflanzt hatte. Die Steinplatten für den Weg waren eigens aus Irland eingeflogen worden, die Büsche stammten aus der Toskana, die Gartenmöbel aus Frankreich, die Solarleuchten aus Amerika und all die Tonfiguren – keine Gartenzwerge, die hätte Joanna niemals geduldet – von diversen Handwerkern aus der Region. Selbstredend handelte es sich um teure Unikate. Arne dachte an seine einzige Pflanze, eine Grünlilie, die ihr trauriges Dasein in einem dunkelbraunen Plastiktopf auf der Fensterbank fristete. Arne betätigte den Klingelzug. Noch eine Extravaganz. Ein profaner Klingelknopf kam nicht in Frage.
Joanna, in einen Kimono gekleidet, öffnete. »Schön, dass du da bist. Ist der für mich? Mensch, Brüderchen, du beweist ja langsam Geschmack. Den Strauß hast du ganz wunderbar ausgewählt, der kommt gleich in die Vase.«
Joanna verschwand in der Küche, aus der herrliche Düfte strömten. Arne ging ins angrenzende Wohnzimmer. Die Dielen knarrten unter seinen Füßen, sofort fühlte er sich geborgen, weil ihn das Geräusch an die elterliche Wohnung erinnerte. Wahrscheinlich hatte sich Joanna deshalb gegen Parkett und für das Knarren entschieden. Die Sitzecke war riesig und passte zum Fernseher, der beinahe Kinoleinwandformat besaß. Fast hätte Arne die zierliche Gestalt übersehen, die sich von der Couch erhoben hatte und sich nun unsicher den Rock glatt strich.
Die passt ja so gar nicht in Joannas Beuteschema, ging es Arne durch den Kopf.
Normalerweise bevorzugte Joanna Frauen ab 1,75 Meter Größe, mit rassigen Kurven. Für diese aparte Frau fiel ihm auf Anhieb das Attribut »lieb« ein. Sie strahlte eine Sanftheit aus, die an Joannas Ansprüchen zerschellen würde, wie ein morsches Boot an einer Klippe.
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