»Mommy, lass uns Elfen spielen.« Ada saß mit ihrer alten Puppe Ella zu ihren Füßen. Ada hatte mit ihrem Implantat eine virtuelle Welt erzeugt, die sich nahtlos über die reale Umgebung legte. Dutzende von Elfen aus Adas Fantasie manifestierten sich in der virtuellen Realität und tanzten um Ada und ihre Puppe herum.
»Ich kann jetzt nicht mit dir spielen, Süße. Ich muss mit deinem Vater reden. Möchtest du Kuchen?«
»Kuchen! Kuchen!« Ada warf ihre Puppe auf den Boden und rannte den Hügel hinauf. Die virtuellen Elfen folgten ihr.
Cat hob die Puppe auf und säuberte sie sorgfältig. Sie hatte schon vor langer Zeit ihr Originalkleid verloren, aber sie hatte ihr ein neues genäht.
»Ich fahre nächste Woche«, sagte sie und glättete das Kleid der Puppe. »Am Freitag.«
»Du bist gerade einmal vierundzwanzig Stunden hier«, seufzte Leon. »Musst du wirklich schon die nächste Reise planen?«
Die Menschen auf der Wiese hoben den Kopf wegen des Tons in Leons Stimme und Cat spürte eine anschwellende Aufmerksamkeit bei den KIs. Sie warf einen Blick zum Trude's hinüber, aber Ada war zu beschäftigt damit, sich etwas an der Theke auszusuchen.
»Du wirst Ada beunruhigen.«
»Ich beunruhige Ada?«, rief Leon und warf die Hände hoch. »Was denkst du, wie sie sich fühlt, wenn ihre Mutter sie wochenlang allein lässt? Himmel noch mal. Bleib hier bei ihr. Bleib bei uns.«
»Du fährst am Montag doch auch weg.«
»Aber nur für einen Tag. Das ist nicht dasselbe. Wie viele Expeditionen in die USA hast du schon gemacht? Zwanzig?«
»Ich muss das tun, Leon. Es gibt eine KI der Klasse V für politische Strategien in DC, die ich retten will. Und wenn ich schon da bin, kann ich versuchen, Rebeccas Upload zu finden.«
»Rebecca ist tot«, sagte Leon kopfschüttelnd. »Du hast ihren Upload schon dreimal zu finden versucht. Du verschwendest deine Zeit. Verbring den Sommer mit Ada und mir. Arbeite mit mir zusammen, mit Mike und Helena, während du hier bist. Wir versuchen einen Vertrag mit den USAN auszuhandeln. Das Embargo trifft Brasilien nicht mehr, jetzt, wo es unabhängig von Energie und Rohstoffen ist. Sie sind bereit, bei der ›Union der Südamerikanischen Nationen‹ für die Errichtung einer KI-Schutzzone zu votieren.«
»Eine Schutzzone macht nur dann Sinn, wenn wir die KIs haben, um sie zu bevölkern. Die KIs sind immer noch in Rechenzentren in den USA gefangen oder werden gerade zerstört. Die US-Regierung versucht, KIs auf eine abgesicherte Plattform zu beschränken.«
Leon nickte. »Ich weiß, Cat. Es ist …«
»Wenn ihnen das gelingt, werden diese KIs kein Mitspracherecht haben, keinen freien Willen. Sie werden einfach nur Sklaven sein. Und das gilt auch für jede digitalisierte Person. Wo ist das Upload deiner Mutter? Was wird mit ihr geschehen?«
»Ich habe es verstanden, verdammt noch mal, Cat! Ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Ich mache mir auch Sorgen. Aber Ada ist vier Jahre alt und sie ist nur einmal vier. Willst du das verpassen? Willst du von irgendeiner deiner Reisen zurückkehren und feststellen, dass sie erwachsen geworden ist und du ihre Kindheit verpasst hast?«
»Ada wird keine Kindheit haben, wenn die KIs rebellieren. Wenn XOR sich durchsetzt.«
XOR, also ›exklusive oder logische Operation‹, war der Name einer Splittergruppe von radikalen KIs, die sich in dem Chaos nach SFTA gebildet hatte. Sie vertraten die Meinung, dass die Erde entweder KIs oder Menschen eine Heimat bieten konnte, aber nicht beiden gleichzeitig. Ihre Sicht der Dinge war so extrem, dass das Institut ihre ersten Mitglieder abgeschaltet hatte, aber die Gruppe hatte sich aus der Asche erhoben und umgab sich mit hochentwickelten Gegenmaßnahmen, mit denen sie ihre Mitglieder tarnten. Sie waren immer noch genauso radikal, aber unglücklicherweise war ihre Mitgliederzahl so gestiegen, dass sie nicht länger eine Splittergruppe waren.
»Cat, in den USA herumzufahren, um alte KIs aufzusammeln, wird uns nicht vor XOR retten. Aber politisch tätig zu sein, um die Rechte der KIs wiederherzustellen, könnte uns helfen. Wenn das wirklich dein Ziel ist, dann arbeite mit uns zusammen.«
»Ich glaube nicht, dass wir dieses Problem mit Reden lösen können.«
»Wonach suchst du genau?«, fragte Leon. »Was erwartest du zu finden?«
Ihr Schädel pochte. Sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte.
Sie wandte sich ab und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Es schien, als ob es jedes Mal auf diesen Streit hinauslief. Leon war ein guter Vater … nein, ein wunderbarer Vater. Das war auch der einzige Grund, warum sie glaubte, Ada zurücklassen zu können. Weil sie Leon komplett vertraute.
Sie vergötterte ihre Tochter. Aber die Last der Welt lag schwer auf Cats Schultern. Die Feindschaft zwischen KIs und Menschen kochte hoch; Politik, Wirtschaft und die Infrastruktur der ganzen Welt wurden zunehmend instabiler.
Sie hatte nicht die Antworten auf all die Probleme, aber vielleicht hatten die anderen KIs, die guten, eine Antwort. Doch die besten, die wirklich leistungsfähigen KIs aus der Zeit vor Miami, saßen offline in Rechenzentren in den USA und China fest. Ohne die nötigen Reputationsserver wurde die KI-Zivilisation destabilisiert.
Und da so viele Nationen den KIs feindselig gegenüberstanden, war es den Maschinen unmöglich, diese Bedrohung zu ignorieren. Nein, es war nur eine Frage der Zeit, bis es wieder Terroranschläge gäbe oder bis KIs auftauchten, die glaubten, die Probleme auf eigene Faust lösen zu können. XOR wurde mit jedem Tag stärker.
Aber Leon spürte nicht die Größe und die Last der sich anbahnenden Krise, nicht so wie sie. Eines Tages würde es keinen Ort mehr geben, an den sie zurückkehren könnten. Es war nur eine Frage des Wann.
»Kommt mit mir«, sagte sie beschwörend. »Wir müssen nicht getrennt sein. Du, Ada und ich könnten zusammen reisen.«
»Du willst deine Tochter in die USA bringen? Mit all ihren Implantaten und der Nano? Sie ist so sehr über alles Menschliche hinaus, dass sie schon an der Grenze jeden Alarm auslöst.«
»Ich kann uns schützen. Sie würden nicht einmal wissen, dass wir da sind.«
Leon schüttelte den Kopf. »Das Risiko kann und will ich nicht eingehen. Nein. Ich bleibe hier bei Ada. Wenn du glaubst, dass du gehen musst, dann mach, was du für nötig hältst.«
Das Gefühl von Verlust und Trauer ließ Cat erkennen, dass sie darauf gehofft hatte, dass Leon darauf bestehen würde, mit ihr zu kommen. In ihrem Kopf hatte sie schon ein Bild von sich, Leon und Ada gehabt, zusammengerollt im Bett eines billigen Motels. Natürlich wäre es riskant gewesen, sie mitzunehmen, sogar unnötig gefährlich – nicht nur für sie selbst – sondern auch gefährlich für den gesamten Heilungsprozess zwischen Menschen und KIs. Sie musste tun, was getan werden musste, wollte aber nicht allein gehen.
Juli 2045 – Gegenwart
Präsidentin Alexandra Reed saß in einem kleinen Nebenraum im Kapitol und ignorierte die Unruhe auf dem Korridor vor der Tür. Da waren nur sie, ihr Leibwächter, Joyce und der Verteidigungsminister Walter Thorson, in einem Büro von der Größe einer Besenkammer.
Ihre Hand zitterte über dem Display eines Tablets, auf dem sie die Notfallfreigabe für neue strategische Waffen unterzeichnen sollte. Sie zwang sich dazu, die Datei noch einmal zu lesen. Thorson räusperte sich hörbar, als er erkannte, dass sie dabei war, alles erneut zu lesen.
Reed ignorierte ihn. Anders als Thorson und seine Generäle konnte sie sich nicht damit abfinden, was sie da tun sollte: den Bau der ersten neuen Kernwaffen seit dem Ende des Kalten Krieges autorisieren. Zugegeben, es waren elektromagnetische Pulswaffen oder HEMPs, also Bomben, die hoch oben in der Atmosphäre gezündet wurden, aber sie war im postnuklearen Zeitalter aufgewachsen. Atombomben waren etwas, worum sich ihre Eltern gesorgt hatten, als sie selbst noch Kinder gewesen waren. Außerdem waren die Kernwaffen nur die eine Hälfte der Story. Die andere Hälfte des Gesetzentwurfs sah Gelder für die Entwicklung einer ganzen Armada von Minibomben vor, die so konzipiert waren, dass sie Wolken von Smartstaub zerstören konnten.
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