1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 »Wo ist ihre Familie?«, fragte Cat. Sie steckte die Waffe weg und ging näher heran, hätte den Jungen gerne beruhigt.
»Ich bin jetzt ihre Familie«, sagte der Bot. Sie traten zurück, blieben auf Distanz. Der Junge schien unschlüssig zu sein, ob er wegrennen sollte, hatte aber zu viel Angst, um den Androiden loszulassen.
»Ich werde euch nichts tun«, sagte Cat.
»Ist es dafür nicht ein wenig zu spät?«, fragte der Androide. »Du hast alle Computer auf der Welt zerstört, das Netz gegrillt und jeden Roboter getötet, der damit verbunden war. Aber die Menschen waren von uns und der automatisierten Versorgungskette abhängig. Keine Nahrungsmittel, keine Elektrizität und kein Wasser. Wie, dachtest du, könnten sie das überleben?«
Der Junge drängte sich enger an den Androiden.
»Du hast zehn Milliarden denkende Wesen getötet, Catherine Matthews. Weniger als fünf Prozent der Menschheit sind noch am Leben.«
Cat schreckte hoch, die Augen weit aufgerissen in der Dunkelheit. Ihr Implantat sagte ihr, dass sie ein wenig mehr als vier Stunden geschlafen hatte. Heiß und verschwitzt strampelte sie die Decke weg und setzte sich auf.
Immer derselbe Traum. Aber sie hatte die Welt nicht zerstört. In Miami hätte sie etwas ändern können, aber sie hatte es nicht getan.
Sie stützte den Kopf in die Hände. Sie hatte damals 2043 eine Vision gehabt, als der Terrorismus und die Kämpfe begannen. Die Vision hatte sie verängstigt und zur Untätigkeit verdammt, weil sie eine globale Apokalypse hätte auslösen können. Stattdessen hatte sie zugesehen, hatte zugelassen, dass die Hälfte aller KIs auf der Welt abgeschaltet wurde, während die andere Hälfte durch sinnlose Einschränkungen verkrüppelt war. War das wirklich besser? Oder war diese Zukunft immer noch unvermeidlich? Sie schwang die Beine über die Bettkante. Sie musste sich wieder auf den Weg machen. Nach diesem Traum konnte sie sowieso nicht weiterschlafen, nicht, wenn es immer noch ein paar Leben zu retten gab.
An der Grenze bremste Cats Wagen bis auf Schrittgeschwindigkeit herunter. Der Sperrgürtel, den die amerikanische Regierung errichtet hatte, um das Eindringen in den Luftraum zu verhindern, erstreckte sich bis in die obere Atmosphäre und sorgte bei jedem Grenzübergang für nervöse Anspannung.
Hunderte von menschlichen Grenzbeamten bemannten den Übergang nach Kanada. Es erschien ihr nach wie vor seltsam, nicht einen einzigen Roboter unter ihnen zu sehen, so wie sie sich früher gefühlt hatte, wenn sie die Schule schwänzte und feststellte, dass sie das einzige Kind im Spielzeugladen war. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück, fühlte sich müde, steif und schmutzig von den langen Tagen auf der Straße. Sie ließ ihren Verstand leer. Es gab keinen Grund, sich mit den Computern des Grenzschutzes anzulegen. Sie mochten keine eigene Intelligenz mehr haben, aber es war das Risiko nicht wert.
»Ich übernehme jetzt«, sagte sie wie zu sich selbst und legte die Hände auf das Lenkrad, als sie bei dem Grenzbeamten hielt. Eigentlich machte es keinen Sinn, dass sich die US-Grenzkontrolle mehr Sorgen darüber machte, wer ihr Land verließ, als die Kanadier darüber, wer bei ihnen einreiste. Aber viele Dinge, die die USA dieser Tage machte, ergaben keinen Sinn.
Die Grenzbeamtin trug einen kompletten Kampfanzug, Panzerweste, Helm und hielt eine Maschinenpistole in ihren Händen. »Haben Sie etwas zu verzollen …«
Die Beamtin machte eine Pause, wartete, bis die ID auf dem Display ihres Helmes angezeigt wurde. »… Mrs. Johnson?«
»Nichts«, antwortete Cat und gab mit ihrem Implantat nichts preis außer ihrer falschen Identität.
»Bitte warten Sie, während wir Ihr Fahrzeug scannen.«
Die Beamtin trat zurück, als ein solider Metallring aus dem Boden hochklappte und um den ganzen Wagen herumfuhr, bevor er wieder im Boden verschwand. Der aktive Scan war vermutlich hundertmal empfindlicher als die passiven KI-Scanner, die man sonst überall fand.
»Vielen Dank, Mrs. Johnson. Sie haben die Freigabe, zur kanadischen Grenzkontrolle weiterzufahren.«
Cat fuhr sanft an und rollte hinüber zum zweiten Kontrollpunkt, der einen knappen Kilometer entfernt war. Der kanadische Grenzbeamte war in Zivil. Er scannte kurz Cats ID, während er mit einem Kollegen scherzte. »Willkommen daheim in Kanada, Mrs. Johnson.«
Und damit war sie zurück in einem zivilisierten Land.
Sie war in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und hatte den größten Teil ihres Lebens in Portland gewohnt. Damals waren die Staaten noch ganz normal gewesen, sogar fortschrittlich. Weltführend in den Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik und Hochtechnologie. Aber vor zwei Jahren war in Miami etwas Schreckliches geschehen, das in Zusammenhang mit Nanotech stand. Es hatte sich herausgestellt, dass die ›Grey Goo‹, das Albtraum-Szenario sich endlos replizierender Nanobots, durchaus im Rahmen des Möglichen lag.
Wer konnte sagen, wie weit es sich hätte ausbreiten können? War es ein terroristischer Akt oder ein Unfall gewesen? Selbst zwei Jahre später konnte das niemand sagen.
Einige argumentierten, dass die Zahl der Opfer bezogen auf die Alternativen minimal gewesen sei, dass der Süden Floridas großenteils verlassen gewesen sei, nachdem sich 2032 der Meeresspiegel um zwei Meter gehoben hatte. Trotzdem war Miami vom Erdboden verschwunden, nichts außer einer Pfütze ›Grey Goo‹, der von zwei Nuklearwaffen zerstört worden war.
Es war nur die Eröffnungsrunde für das gewesen, was zu einer weltweiten Hexenjagd nach den Verantwortlichen geführt hatte. Nur KIs besaßen die intellektuellen Fähigkeiten, Nanobots zu erschaffen, und so vermutete man von Anfang an, dass die SFTA (South Florida Terrorist Attack), wie sie bald genannt wurde, ein Angriff von KIs auf Menschen war. Die Vereinigten Staaten erzwangen ein globales Herunterfahren aller KIs, um weitere Angriffe zu verhindern.
Aber nach und nach fuhr der Rest der Welt – alle außer den USA und China – seine KIs wieder hoch. Denn ohne KIs gab es keinen Handel, keinen Warentransport und keine Nahrungsmittelversorgung. Keine Computer, keinen Zugang zu Informationssystemen und auch keine Telekommunikation. Die menschliche Zivilisation war komplett von den KIs abhängig.
Nur die USA und China waren verrückt genug, die KIs abgeschaltet zu lassen. Sie verurteilten Millionen ihrer Bürger zum Tode, da sie Opfer von Kälte, Unfällen, Krankheiten und Hunger wurden, bevor man in der Lage war, die Gesellschaften ohne KIs wiederaufzubauen. Zwei Jahre später waren die USA und China immer noch KI-freie Zonen.
Schon der Besitz von Rechenleistung, die ein Viertel der menschlichen Denkleistung überschritt, war innerhalb ihrer Grenzen bereits ein Verbrechen, auf das Gefängnis stand. Das ganze Land war von Smartstaub mit geringer Rechenleistung bedeckt, um jeden Verstoß aufzuspüren.
Die USA ließen ihre Muskeln spielen und machten uralte Copyright-Gesetze geltend, nur um sicherzustellen, dass die Ausfuhr von KIs oder digitalisierten Persönlichkeiten unmöglich wurde. Zu einem Zeitpunkt, als die Zahl der KIs mehrere zehn Millionen erreichte und die Anzahl der hochgeladenen menschlichen Persönlichkeiten denen der KIs in nichts nachstand, bedeutete das, dass sich eine Menge Bürger im Limbo befanden. In den USA durften sie nicht gestartet werden und es wurde auch nicht gestattet, dass es jemand in einem anderen Land tat, was sie zu einer Langzeiteinlagerung auf Monate oder Jahre hin verdammte.
Cat wurde angesichts eines solchen Wahnsinns wütend. Wie konnte die USA, ein Land, das sich selbst als Hort der Freiheit und der Persönlichkeitsrechte verstand, sich zu so etwas versteigen: dem hochgeladenen Intellekt eines Menschen die Bürgerrechte abzuerkennen?
Cat fuhr nördlich in Richtung Vancouver und erreichte die Fähre nach Nanaimo auf Vancouver Island. Eine Vorfreude stieg auf der zweistündigen Fährfahrt in ihr auf und die Sorgen der letzten Tage fielen von ihr ab, als sie an der Reling des Vordecks die Seeluft einsog. Sie hatte die Fahrt schon viele Dutzend Male gemacht, aber es wurde ihr nie langweilig.
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