Max zog ein Stofftaschentuch mit einem aufgedrucktem M aus der Hosentasche und schniefte hinein. Denk nach, ermahnte er sich. Ehe er jedoch einen Plan fassen konnte, erstarrte er. Etwas knarrte. Es kam vom Flur. Sofort knipste Max die Taschenlampe aus. Wahrscheinlich die Kollegen. Leise schlich Max ins Vorzimmer zurück, um die Lage zu sondieren, und darauf hoffend, dass seine Aufregung umsonst wäre. Nein, da machte sich jemand am Schloss zu schaffen.
Kapitel 9
Hanno saß im Palazzo im Duisburger CityPalais. Normalerweise aß er nicht gerne allein in einem Restaurant. Und er war auch kein Fan von gehobener Küche, also alles jenseits von Burger, Döner und Currywurst. Trotzdem mochte er das Palazzo, besonders wenn er einen Tisch hinter der großen Glasfront bekam, die den Blick auf die Einkaufspassage freigab. Hier zogen so viele Leute vorbei, dass es nie langweilig wurde, selbst wenn man in dem Lokal allein an seinem Glas nippte oder sich ein Pastagericht schmecken ließ. Allerdings ging Hanno nur selten allein aus. Er war eher ein geselliger Typ, aber heute hatte eigentlich nur Shopping auf seinem Programm gestanden. Die Idee, hier einzukehren, war ihm ganz spontan gekommen und keiner seiner Bekannten hatte kurzfristig Zeit gehabt.
Max hatte heute Spätdienst und anschließend angeblich etwas Wichtiges vor. Genaues hatte ihm sein Kumpel nicht verraten. Überhaupt benahm sich Max seit Kurzem irgendwie komisch. Ob er vielleicht etwas ahnte? Hanno starrte auf die beiden Einkaufstaschen, die neben ihm auf dem Sessel standen und stellte die mit den sündhaft teuren Schuhen auf den Boden. Quatsch, wie sollte er? Wahrscheinlich war Hanno im Moment nur etwas nervös. Er schaute zu dem großen Bild über der langen Theke. Die Farben gefielen ihm. Vor allem passten sie gut zu der dunkelrot gestrichenen Wand. Das alles hat italienischen Stil, überlegte er, dabei war er noch niemals in Italien gewesen. Nun, das konnte sich ändern, auch wenn er zunächst einmal eine Fernreise ins Auge fasste.
Der Kellner unterbrach seine Gedanken und servierte ihm einen Aperol Spritz. Hanno probierte diesen Drink zum ersten Mal, aber er konnte ihm nichts abgewinnen. Zum Essen bestellte er lieber wie üblich ein Bier. Er stellte das Glas hin und fischte einen Reisekatalog aus der Plastiktüte, die links neben ihm stand. Bevor er darin herumblättern konnte, erregten zwei hübsche junge Passantinnen seine Aufmerksamkeit. Die Jacke der Frau, die kaum einen halben Meter an ihm vorbeilief, stand weit offen und gab den Blick auf eine enorme Oberweite und einen extrem ausgeschnittenen Pullover frei. Als Ausgleich zu der nackten Haut, dem kurzen Rock und den dünnen Seidenstrümpfen trug sie dicke Winterstiefel. Hanno lächelte sie durch die Scheibe an, aber die Tusse reagierte nicht, obwohl sie ihn anscheinend bemerkt hatte. Nun, auf den Bahamas oder einer anderen Insel in der Karibik würde es sicher jede Menge Mädels geben, die sich gerne von ihm einladen ließen.
Mit einer trotzigen Miene nahm er den Prospekt in die Hand und blätterte darin herum. Die meisten Hotels gehörten zu einer Preisklasse, die er sich bisher niemals hatte leisten können. Er hatte nicht einmal gewagt, von einem Aufenthalt in ihnen zu träumen. Als der Kellner das Filetto Mare & Monte servierte, hatte er drei Seiten eingeknickt. Auf ihnen wurde für hochpreisige Unterkünfte geworben, die nun durchaus für ihn infrage kamen.
Kapitel 11
Pielkötter fühlte sich leicht benommen, was sicher nicht nur an zwei Gläsern Bier und dem Whisky nach dem Essen lag. Im Moment strömte einfach zu viel auf ihn ein. Heute Morgen noch war er auf Norderney gewesen und nun saß er in seinem Reihenhaus im Duisburger Norden mit seiner Familie und Jan Hendriks neuem Freund zusammen. Mühsam versuchte er, ein Gähnen zu unterdrücken. Er hatte sich natürlich sehr über die hübsche Collage aus Fotografien mit Motiven vom Hafen, Tiger & Turtle und Landschaftspark seines Sohns gefreut, die ihn an seiner Haustür empfangen hatte, besonders über den Titel »Herzlich willkommen in Duisburg«. Auch hatte ihn sehr gerührt, dass Marianne sein Lieblingsessen, Semmelknödel mit Rotkohl, gekocht hatte. Inzwischen jedoch war er einfach nur müde. Zudem zerrte Thilo Baumgartner, Jan Hendriks neuer Lebenspartner an seinen Nerven. Das lag nicht nur daran, dass er heute Abend einfach lieber nur vertraute Menschen um sich gehabt hätte, sondern an dessen etwas unsensibler Art. Schon nach wenigen Minuten hatte er gut verstanden, warum Marianne sich nach dem ersten Treffen ziemlich schockiert über Thilo geäußert hatte. Sein Sohn hatte bereits mehrere Male signalisiert, dass sie besser aufbrechen sollten, aber Baumgartner hatte überhaupt nicht darauf reagiert.
»Ich bin so froh, dass sich alles zum Guten gewendet hat«, erklärte Jan Hendrik zum zweiten Mal an diesem Abend. »Mutter hat die OP prima überstanden, und für dich gibt es hoffnungsvolle Perspektiven, dass du deine Arbeit wieder aufnehmen kannst«, wandte er sich direkt an ihn. »Und jetzt habt ihr etwas Ruhe verdient und ...«
Baumgartner ließ ihn nicht ausreden. »Ja, darauf trinken wir«, posaunte er. Ehe jemand etwas erwidern konnte, ergriff er die Whiskyflasche und schickte sich an, alle Gläser zu füllen.
»Für mich bitte nicht, ich bin jetzt schon etwas hinüber«, protestierte Pielkötter und warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
»Und ich muss noch fahren«, erklärte Jan Hendrik. »Außerdem sollten wir jetzt endlich gehen.«
»Aber Sie geben mir doch wohl keinen Korb?« Thilo fixierte Marianne.
»Ich mag keinen Whisky«, antwortete sie, und Pielkötter glaubte herauszuhören, dass sie Thilos Art nicht mochte.
Wie anders dagegen war Jan Hendriks erster Lebenspartner Sebastian gewesen. Bei ihren gemeinsamen Treffen hatte er sich wohlgefühlt, nachdem er seine anfänglichen Vorurteile endlich abgebaut hatte. Marianne hatte Sebastian ja von Anfang an gemocht. Warum nur hatte er sterben müssen, weil er sich für eine gute Sache eingesetzt hatte, während dieser Fatzke ...?
»Ich habe einen sehr anstrengenden Tag hinter mir und ich muss jetzt ins Bett«, verkündete Pielkötter. »Es tut mir leid, aber ihr müsst den restlichen Abend ohne mich verbringen.« Nachdem er das ausgesprochen hatte, fühlte er sich hin und her gerissen. Einerseits empfand er es als total richtig, diesen aufdringlichen Thilo in die Schranken zu weisen, andererseits hätte er sich einen netteren Abschied von Marianne und Jan Hendrik gewünscht. Vielleicht hätte er seine Frau sogar noch dazu überreden können, diese erste Nacht im eigenen Bett gemeinsam zu verbringen.
»Wir wollten gerade aufbrechen«, erklärte Jan Hendrik, wobei er sich einen wütenden Blick seines Partners einfing.
»Und ich schließe mich an«, sagte Marianne.
Mist, dachte Pielkötter. Den Ausklang dieses Abends hatte er sich wirklich anders vorgestellt. Okay, er konnte gut nachvollziehen, warum sein Sohn sich aus Selbstschutz mit einem Typen abgab, der so gar keine Ähnlichkeit mit seinem ermordeten Lebenspartner hatte. Wahrscheinlich hatte er unbewusst Angst, sich mit jemanden einzulassen, der ihm genauso weh tun konnte wie Sebastian. Pielkötter sah allerdings nicht ein, warum er darunter leiden sollte.
Kapitel 12
Max keuchte. Seine Lungen brannten, seine Beine schmerzten, aber zumindest war sein Kopf plötzlich seltsam klar. Während er nach der brenzligen Situation an dem LKW zunächst nur versucht hatte, aus der Gefahrenzone zu kommen, überlegte er nun, wohin er fliehen sollte. Nein, eigentlich kamen ihm im Moment nur die Orte in den Sinn, die er auf gar keinen Fall aufsuchen konnte. Bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten, fiel definitiv aus. Zu schnell würde er sich bei seiner Aussage in Widersprüche verwickeln und seine Bewährung aufs Spiel setzen. Möglicherweise schaffte es der angesehene Hachlinger sogar, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben. Max hatte wahrlich nicht die geringste Lust, erneut in den Knast zu wandern. Seine Wohnung war ebenfalls tabu. Schließlich kannte Hachlinger seine Adresse und würde ihn genau dort vermuten. Wahrscheinlich setzte er inzwischen die Suche nach ihm mit dem Auto fort. Für einen kurzen Augenblick zog Max in Erwägung, Hanno um Hilfe zu bitten. Aber konnte er seinem Kumpel wirklich trauen? Was, wenn ihm der mit Scheinen winkende Chef näherstand als ein Freund, mit dem er gelegentlich einen gemütlichen Bierabend verbrachte? Er wusste nicht, ob ihre Freundschaft so tief war, dass Hanno unter allen Umständen loyal zu ihm stehen würde. Vielleicht würde ihm irgendwann nichts übrigbleiben, als ihn um Rat oder sogar Hilfe zu bitten. Zuerst aber musste er ein Versteck finden, in dem er in aller Ruhe nachdenken konnte.
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