„Benni!“ Die Stimme seines Vaters dringt etwas strenger und lauter als gewöhnlich zu ihm herüber. „Das ist sehr, sehr ernst und es ist nicht die richtige Zeit für deine Geschichten, hörst du? Du musst jetzt wirklich folgen und brav sein. In der nächsten Zeit dürfen wir nicht mehr einfach so nach draußen und da hingehen, wohin wir wollen. Hast du mich verstanden?“
Benni hebt den Kopf, und wenn die Menschenmenschen schnaufeln könnten, hätte sein Vater gespürt, wie tief verletzt Benni ist. Aber so sieht er Benni einfach nur streng und fordernd an. Benni nimmt das Blatt Papier, auf das er die Natminder-Prinzessin gezeichnet hat. Er hat sie seiner Familie zeigen und ihr alles erklären wollen, aber jetzt steht er auf und rennt, gefolgt von Mo, hinauf auf sein Zimmer. Er knallt die Tür zu und stellt zwei Stühle davor. Tränen steigen in seine Augen und sein Hals ist eng, aber er will nicht weinen, jetzt extra nicht, denn er muss doch stark sein! Er muss stark sein für seine Familie, für seine Oma, für all die vielen Naturwesen und für Muttererde Terra! Tief in seinem Herzen spürt er, dass sie ihn brauchen!
Benni schiebt die beiden Stühle wieder zur Seite, öffnet ganz vorsichtig und leise die Tür einen winzigen Spalt weit und lauscht.
Mutter und Vater reden hektischer als sonst. Er hört, wie die Mutter den Vater bittet, nicht so streng mit dem Jungen zu sein, er lebe nun einmal in einer anderen Welt, und wie der Vater daraufhin entgegnet, dass die Nachrichten in dieser schlimmen Zeit auch für Träumer wie Benni gelten würden und er befolgen müsse, was sie ihm sagten.
Behutsam schließt er die Tür wieder und setzt sich auf sein Bett. Nachrichten, Träumer, Nachrichten, Träumer, klingt es in seinem Kopf nach. „Weißt du, was Vater damit meint?“, sagt er zu Mo. Mo scharrt sanft an der Tür und da erinnert sich Benni, dass ja heute wieder die Versammlung auf der Wiese in dem kleinen Tal hinter dem Dorf ist.
„Wir müssen noch ein bisschen warten“, flüstert er Mo ins Ohr, „dann gehen wir zur Versammlung.
Benni und Mo haben es geschafft, leise die Treppe hinunter, vorbei an der Wohnzimmertür, durch den Flur und – husch, sind sie nach draußen geschlüpft.
Benni schlägt den Kragen seiner Jacke hoch, denn die Sylphen schieben schon wieder einen frischen Wind durch das Dorf. Mo läuft etwas voraus, denn er weiß ja, wohin sie gehen. Benni schießt Steine vor sich her und singt: „Träumer träumen Träume, Träume träumen Träumer, die Träume, die Träume ...“
Da kommen Benni ein paar Trolle aufgeregt entgegengelaufen. „Wo bleibst du denn?“, knurren sie. „Wir sind schon alle versammelt und warten nur noch auf dich! Nun beeil dich schon!“
Als Benni ankommt, sieht er sie: Alle sind sie gekommen, die Upgrounder mit den Natminders, Feen und Kobolden, die Globanten mit den Undergroundern, Oilanten und Undinen, die Universianer mit den Sylphen, Gasanos und Lichtalben, und zwischen allen thront – prächtig und majestätisch – Muttererde Terra in Begleitung ihrer Halbschwester Theia.
Die Baumwesen haben sich auch schon zu dem kleinen Baumkorbstuhl verflochten und dieser steht, nur eine Armlänge vor Muttererde Terra entfernt, bereit für Benni.
„Sei willkommen, Menschenkind!“, begrüßt ihn freundlich der protokollführende Globant. „So wollen wir heute über das Geschehen auf dem blauen Planeten Erde sprechen und über weitere Schritte beraten.“ Er klopft dreimal mit seinem Eisenrohr auf den Stein, sodass es scheppert, und sogleich tritt die Gesandtschaft der Upgrounder in die Mitte, vor Muttererde Terra.
Benni fällt auf, dass die Natminders kaum noch Verbände und Pflaster tragen und sogar die ausgefallenen Zehen des kleinen Stinktieres sind wieder nachgewachsen. Die durchsichtigen Kleider der Feen sind viel bunter und leuchtender als das letzte Mal und auf ihren Flügelchen schimmern ein paar Regenbogenwassertrofpen. Sogar die Kobolde sehen dieses Mal sauberer und ordentlicher aus, was bei Kobolden nicht unbedingt allgemein üblich ist.
„Wie schön ihr heute ausseht!“, sagt Benni und klatscht begeistert in die Hände.
Der Upgrounder wendet sich Benni zu und erklärt ihm, dass die Menschenmenschen nun schon seit einiger Zeit sehr ruhig geworden seien. Sie liefen nicht mehr scharenweise durch die Reiche der Elfen, Feen und Kobolde, die Natminders würden nicht mehr gestört und könnten in aller Ruhe fressen, sich pflegen und ihr Revier beaufsichtigen. „Die Viren halten die Menschenmenschen in ihren Häusern, sie haben Hausarrest bekommen“, sagt er mit großem Ernst.
Muttererde Terra winkt der Gruppe der Globanten, Undergrounder, Oilanten und Undinen zu und eine der Undinen ist ganz besonders geschmückt. Sie trägt eine rote Korallenkette um ihren schlanken Hals, ihr meerblaues Kleid ist mit weiß schimmerndem Meerschaum besetzt und um ihre schlanken Hüften schwingt ein Gürtel, an dem die herrlichsten Meerwasserperlen klappernd die rauschende Melodie des Meeres singen.
Benni springt von seinem Korbgeflechtsessel auf und hüpft vor Freude hin und her. „So schön“, ruft er, „so schön bist du!“
Die Undine schreitet auf Muttererde Terra zu, verneigt sich vor ihr, und mit leicht zitternden Händen nimmt sie die Korallenkette von ihrem Hals und legt sie Muttererde Terra auf den Schoß. „Das ist der Dank der Wasserwesen“, haucht sie und meerblaue Tränen der Freude rinnen über ihre Wangen. „Die Fische können wieder atmen, die Delphine spielen wieder in den Lagunen, und wenn die großen, stinkenden, dampfenden und lärmenden Riesenschiffe noch eine Weile fern bleiben, wird sich unsere Gesundheit wieder erholen!“
Die Undergrounder und Oilanten sind zwar nicht ganz so fein gemacht, aber sie haben sich zumindest gewaschen und geputzt, und der Öltropfentyp schmiert auch nicht mehr ganz so viel herum, wenn er sich bewegt. Auch er berichtet von etwas mehr Ruhe und einem gewissen Stressabbau tief unter der Erde, aber am erfreulichsten sei doch, dass die Könige der Meere, die Wale, eine Schonzeit erlebten, da die Menschenmenschen nicht mehr so viel auf den Meeren unterwegs seien.
„Welch eine Freude“, ruft der Undergrounder aus und verbeugt sich ebenfalls vor Muttererde Terra.
„Man möchte es ja nicht glauben“, säuselt Stella Stellarus, „aber dieses ganze Virengedöns merken wir sogar da oben.“ Er poliert natürlich wieder an seinen Zacken herum, wobei das eigentlich gar nicht nötig ist, denn seine Gestalt funkelt heute wirklich ganz besonders hell. Er winkt seinen Mitstreitern, den Gasanos, Sylphen und Lichtalben, wirft etwas Sternestaub in die Luft und erteilt dem Gasano das Wort.
„Verehrteste Muttererde Terra …“, beginnt dieser und wirbelt einmal um seine eigene Achse, sodass der Sternenstaub nach oben gesogen wird und eine winzige Sternenlichtspirale bildet. Er fängt sie auf, bläst sie an und sie erstarrt zu einem goldfunkelnden Schmuckstück, das er Muttererde Terra auf den Schoß legt. „Hier ein kleiner Dank für die fortschreitende Besserung unserer Luftschichten“, spricht er mit hauchender Stimme, „wir können die Erde wieder ruhiger umkreisen, spüren wieder die Magnetfelder von Theia, deinem Mondtrabanten, und können wieder alle Luftschichten ordnen.“
„Und die Luft ist klar, wir sehen die Wassertröpfchen wieder und können sie zählen, ihnen ihre Plätze in den Wolken zuweisen und das Meer mit sauberen, bauschigen Winden luftig dahinschieben“, sprudelt die hellweiße, beinahe durchsichtig schimmernde Sylphe munter drauflos. „Sogar mit den Undinen können wir wieder spielen, denn ihr Wasser ist nun frisch, und sie lassen die Sylphen wieder darin baden.“ Sie schwingt mit ihren Händen auf und nieder, formt aus der Luft einen luftigen Ball und wirft ihn der Undine lachend zu. Die Undine fängt ihn geschickt auf, verwandelt ihn unter dem Druck ihrer Hände zu einem schillernden Wassertropfen und rollt ihn zu einer Gänseblümchenelfe. Die Gänseblümchenelfe kichert erfreut, hebt dann den Wassertropfen vom Boden auf und lässt ihn wie eine Minidusche über ihrem Kopf nach unten fallen, hebt gleichzeitig blitzschnell den Kopf, fängt den Tropfen mit dem Mund auf und schluckt ihn genüsslich. Dann wischt sie sich mit der zierlichen Hand über den Mund und reibt sich vergnügt den kleinen Elfenbauch. „Mmmhhh, so frisch und so köstlich!“, haucht sie und flattert zufrieden mit ihren zarten Flügelchen.
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