Ethische Überlegungen, um die es auf den folgenden Seiten gehen soll, haben hier zunächst – so scheint es – kaum einen Platz. Ethik als „Kopfarbeit am Guten“ erscheint oft als relativ abstraktes Unternehmen, als nüchtern-rationale Abwägung der eigenen Handlungsziele und ihrer Folgen. Im Gefühlsgemenge eines unerfüllten Kinderwunsches verschaffen sich ethische Reflektionen – wenn überhaupt – nur leise Gehör. Das mag daran liegen, dass ethisches Nachdenken immer eine gewisse Distanz zum eigenen Handeln erforderlich macht, eine Portion Rationalität. Allein mit Wut und Trauer im Bauch lässt sich Ethik nicht betreiben, gänzlich ohne sie aber auch nicht. Der Schmerz oder auch der Zorn darüber, dass etwas nicht so ist, wie es sein soll oder wie wir es zumindest gerne hätten, ist ein starker Antrieb ethischer Reflektion. Ohne diese Erfahrung des Schmerzes verkommt Ethik zu einer Ansammlung formaler Rechtssätze, die dann für „ethical correctness“ sorgen, aber auch seltsam leer und blass bleiben.
Die folgenden Seiten sind also aus der Erfahrung des Schmerzes ungewollter Kinderlosigkeit geschrieben. Sie geben keine Auskunft darüber, wie „ man ethisch korrekt mit den Angeboten der Reproduktionsmedizin“ umgeht, noch verstehen sie sich als pure Ansammlung reiner Information. Sie spiegeln das Ringen einer katholisch-theologischen Ethikerin wider, die sich einerseits mit dem vielversprechenden Angebot der Reproduktionsmedizin konfrontiert sieht, andererseits vor den ethischen Problemen, die sich mit dieser Technologie ergeben, aber nicht die Augen verschließen will. Das Attribut „katholisch-theologisch“ spielt insofern eine Rolle, als beide christliche Kirchen, insbesondere die katholische Kirche, der Reproduktionsmedizin skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen und gute Gründe dafür haben. Allerdings bleibt deswegen keinem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch – ob christlich oder nicht – das eigene Nachdenken und das Ringen um eine eigene Entscheidung erspart. Um verantwortliche Entscheidungen treffen zu können, muss man letztlich „die eigene Stimme“ finden, wie eine schöne Übersetzung für Autonomie in der feministischen Literatur lautet. Dies ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil man mit seinen Entscheidungen ein ganzes Leben lang leben muss. Im Konzert der vielen Stimmen und unter zunehmend liberalen Rahmenbedingungen heute die ureigene zu finden ist allerdings ein mühsamer Weg. Wenn dieses kleine Buch auf diesem Weg ein wenig zum Nachdenken beitragen kann und hier und da im Gefühlschaos ein wenig Innehalten schafft, dann hat es seinen Zweck bereits erfüllt.
1. DIE ERFAHRUNG DES UNERFÜLLTEN KINDERWUNSCHES
Einige Fakten und Ursachen
Unfruchtbarkeit ist in den letzten Jahrzehnten, insbesondere in den Industriestaaten, ein immer größeres Problem geworden. Schätzungen zufolge sind in Europa ca. 10–15 Prozent der Paare im fortpflanzungsfähigen Alter ungewollt kinderlos, d. h. ca. jedes fünfte bis sechste Paar hat Mühe bei der Erfüllung des Kinderwunsches. 10 Prozent der Paare benötigen länger als zwei Jahre, um Kinder zu bekommen, 3–4 Prozent der Paare bleiben dauerhaft ungewollt kinderlos. Wie schon gesagt – die Zahlen sind Schätzungen, die in der Literatur über ungewollte Kinderlosigkeit immer wieder genannt werden. Tatsächlich sind genaue weltweite, europaweite und länderspezifische statistische Angaben äußerst schwierig zu erhalten, denn erstens kennt die Forschung verschiedene Arten von Infertilität und es ist zweitens davon auszugehen, dass viele ungewollt kinderlose Paare statistisch gar nicht erfasst sind. Jenseits aller Erhebungen kann jedoch als gesichert gelten, dass unfreiwillige Kinderlosigkeit oder Infertilität in den letzten Jahrzehnten weltweit immer mehr als Problem wahrgenommen wird. Die WHO bezeichnet unfreiwillige Kinderlosigkeit bzw. Infertilität bereits offiziell als Krankheit („disease“). Von „Infertilität“ im klinischen Sinne spricht man laut WHO-Definition, wenn nach zwölf Monaten ungeschütztem und regelmäßigem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingetreten ist. 1
Die WHO hat die Staaten der UNO aufgefordert, sich dem Problem zu stellen und regelmäßig Berichte über die Bevölkerungsentwicklung vorzulegen. Auch die Wissenschaft bzw. die Medien sind auf das Thema aufmerksam geworden und die kaum überschaubare Flut der empirischen Studien, Publikationen und Artikel über unfreiwillige Kinderlosigkeit und Bevölkerungsrückgang reißt derzeit nicht ab. Versucht man sich einen Überblick zu verschaffen, stellt man sehr schnell fest, wie stark die Publikationen von bestimmten Interessen geleitet werden, so dass die Objektivität von Zahlen und Fakten oftmals erheblich in Frage gestellt werden muss. Soll eine Studie letztlich Handlungsempfehlungen für die Politik erstellen und bestimmte politische Maßnahmen stützen? Werden Studien im Interesse der Pharmaindustrie erstellt? Stehen Lebensschutzaktionen dahinter? Den angeblichen Zahlen und Fakten ist nicht immer zu trauen, daher sollen hier auch keine Studien genannt werden. Klar ist eines: Unfreiwillige Kinderlosigkeit ist ein ernsthaftes individuelles und gesellschaftliches Problem. Die Ursachen sind dabei sehr vielfältig: An erster Stelle wird in der Literatur meist genannt, dass der Kinderwunsch bei Frauen heute in einer späteren Lebensphase auftritt als noch vor 40 Jahren. So ist das Durchschnittsalter bei der Geburt des ersten Kindes in den meisten europäischen Ländern 29 Jahre 2– rein biologisch gesehen bereits nicht mehr die fruchtbarste Phase in einem Frauenleben. Es dauert seine Zeit, bis Frauen ihre Ausbildungen beendet haben, ins Erwerbsleben eingetreten sind und dazu noch den richtigen Partner gefunden haben, mit dem sie gerne Kinder haben wollen. Mithilfe moderner Methoden der Empfängnisverhütung lässt sich Fruchtbarkeit auch lange Zeit gut kontrollieren, so dass das „Projekt Kind“ plan- und steuerbar erscheint. Leider stellt sich nach Absetzen der Verhütungsmaßnahmen oftmals heraus, dass es viel leichter war, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern, als eine gewollte herbeizuführen.
Das relativ hohe Alter der Erstgebärenden ist aber nur ein Grund unter vielen anderen, der in manchen Abhandlungen leider dazu verwendet wird, Frauen die Schuld zuzuweisen – nach dem Motto: In früheren Zeiten ohne Emanzipation und Selbstverwirklichungsbestrebungen der Frauen war die Welt halt noch in Ordnung … Solchen Behauptungen ist entgegenzuhalten, dass die Wissenschaft heute viele andere gewichtige Gründe nennt, weshalb immer mehr Paare über Infertilität klagen: So wächst der seriös begründete Verdacht, dass sich Umweltgifte, insbesondere Pestizide, ungünstig auf das sensible Hormonsystem von Männern und Frauen auswirken. Dazu kommen Abgase, Schwermetalle und weitere Umweltgifte. Leider müssen Umweltmediziner feststellen, dass trotz der sich mehrenden wissenschaftlichen Hinweise auf den Zusammenhang von Schadstoffbelastung und Unfruchtbarkeit der politische Wille und die finanziellen Ressourcen fehlen, um in aufwändigen Studien diesen Zusammenhang wissenschaftlich zweifelsfrei belegen zu können. Die Ergebnisse dieser Studien wären möglicherweise unangenehm für Industrie, Wirtschaft und Politik gleichermaßen. So muss es fürs erste bei der Feststellung bleiben, dass die männliche Spermienqualität weltweit in den letzten Jahrzehnten stetig abnimmt, wobei hier nicht nur Umweltgifte eine Rolle spielen: Nikotin, Alkohol, Übergewicht und Stress sind ebenfalls Faktoren, die zu den andrologischen Ursachen von Infertilität gehören. Dazu kommen Entzündungen, Infektionen, Fehlbildungen und Verletzungen der Samenleiter und Hoden, die manchmal bereits in der Kindheit angelegt wurden und nie erkannt worden sind. Heute wird davon ausgegangen, dass die Ursachen für Infertilität in etwa zu gleichen Teilen bei Mann oder Frau bzw. bei beiden gemeinsam liegen, wobei es neben dem bereits genannten sozialen Grund – dem hohen Alter der Erstgebärenden – und den ökologischen Gründen meist handfeste medizinische Gründe gibt, weshalb sich der Kinderwunsch nicht erfüllen will: So rückt in letzter Zeit die zweithäufigste Krankheit bei Frauen im gebärfähigen Alter, die Endometriose, in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Endometriose ist eine gutartige chronische Krankheit, bei der sich Teile der Gebärmutterschleimhaut im Bauchraum ansiedeln und nicht nur extreme Menstruationsschmerzen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen, sondern auch in vielen Fällen Kinderlosigkeit. 3Dazu kommt eine ganze Palette von Ursachen bei der Frau, die schon länger bekannt ist, wie Schädigungen der Eierstöcke und Eileiter, Infektionen und andere Erkrankungen, Chromosomenanomalien u. v. a. Manchmal werden auch psychische Ursachen genannt, doch sollte man mit Diagnosen in diesem Bereich besonders vorsichtig sein, weil sie gerne von selbst ernannten Hobbypsychologen und -psychologinnen beansprucht werden, um kinderlosen Paaren Schuldgefühle zu verursachen und ihr ohnehin schon beeinträchtigtes Selbstwertgefühl erheblich herabzusetzen. Auch von Selbstdiagnosen im psychischen Bereich ist – genau wie bei jeder anderen Ursachenforschung – abzuraten! Zunächst einmal sollten bei der Suche nach der Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch die Fachleute der medizinischen Fachabteilungen aufgesucht werden. Durchaus häufig kann die Ursache jedoch nicht ermittelt werden, so dass rein medizinisch auch keine Maßnahmen eingeleitet werden können. Alternativtherapeutische Maßnahmen – angefangen von Homöopathie bis hin zu Bachblütentropfen – können dann dem Gefühl entgegenkommen, „etwas machen zu wollen“. Viele Paare entscheiden sich jedoch aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu unternehmen und „weil das Angebot ja existiert“, für die Inanspruchnahme reproduktionsmedizinischer Methoden.
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