1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Ben trank seinen Kaffee schwarz und so heiß, dass er sich beinahe verbrannte, während er auf Julies nächste Frage wartete.
»Kannten Sie Rivera gut?«
»Nein.«
»Das war‘s? Das ist alles, was Sie mir bieten können?«
»Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, ich schließe nicht allzu schnell Freundschaften.«
»Was hatte es mit diesem Bären auf sich?«
»Mo.«
»Verzeihung?«
»Das ist der Name des Grizzlys«, erklärte Ben. »Ihr Name ist Mo.«
»Sie haben dem Bären einen Namen gegeben?«
»Ja, einige unserer Wiederholungstäter haben Namen. Mo ist mittlerweile schon zum dritten Mal aufgefallen, aber jetzt haben wir sie ziemlich weit weggebracht. Hoffentlich ist sie in Ordnung nach diesem Vorfall.«
Julie machte sich ein paar Notizen in ein kleines Büchlein, das sie aus ihrer Gesäßtasche geholt hatte. Ben nippte weiter an seinem Kaffee und geduldete sich. Dabei lauschte er den Gesprächsfetzen der Ranger und Parkangestellten, die aus dem Aufenthaltsraum drangen.
»… wahrscheinlich eine Atombombe, oder?«
»Nein, dafür war sie viel zu klein … vielleicht war das ja ein Test oder etwas ist schiefgelaufen …«
»… die Regierung wird auf alle Fälle versuchen, das unter den Teppich zu kehren …«
Julie blickte hoch und sah Ben in die Augen. »Das war kein Unfall, aber es war auch ganz bestimmt kein Test der Regierung oder etwas in der Art. Bis heute Abend wird es hier vor Beamten wimmeln. FBI, CIA, DoD, jede Abkürzung, die Sie sich nur vorstellen können.«
Ben verzog das Gesicht. »Was ist mit FBB?«
Julie blickte auf ihr eigenes Namensschild, als würde sie es zum ersten Mal sehen. »Oh, das bedeutet: Forschungsabteilung für Biologische Bedrohung. Nicht wirklich top secret, aber es ist ein relativ neues Programm, für das noch keine Mittel gewährt worden sind. Wir wollen es noch nicht an die große Glocke hängen, bis wir ein paar Erfolge zu verzeichnen haben.«
»Wie zum Beispiel herauszufinden, wer eine Bombe im Yellowstone Park gezündet hat?«
Sie prustete. »Eher die Analyse der negativen Langzeiteffekte von möglicher Strahlung auf die Umwelt.«
»Hmm, nicht gerade schlagzeilenverdächtig.«
»Nein, es ist wirklich nicht besonders aufregend und deswegen ist es momentan auch nur eine Idee. Aber falls ich – wir – etwas Lohnenswertes finden können, wird daraus vielleicht eine offizielle Abteilung.«
Ben nickte. »Und Ihr Büro befindet sich in Billings? Scheint mir eine ziemlich kleine Stadt für eine Regierungsstelle zu sein.«
»In der Tat und gerade das macht es so reizvoll. Die Besetzung ist minimal, nur ich und ein Team von fünf Leuten.«
Laute Rufe schallten plötzlich durch den Flur aus dem anderen Raum, gefolgt von wachsendem Aufruhr und weiteren Stimmen.
»Bringt ihn rein auf die Couch!«, rief eine Stimme.
»Wer ist es?«, hörte Ben jemanden fragen.
Die Stimmen wurden jetzt hektischer, als Ben den rauchigen Bass seines Bosses, George Randolph, vernahm, der sich in dem Tumult Gehör zu verschaffen versuchte. »Legt ihn hin und holt ihm Wasser. Dann zieht ihm das Hemd aus, damit wir einen Blick auf diesen Ausschlag werfen können.«
Julie war sofort auf den Beinen. Ben folgte ihr dichtauf.
»Wie ist das Ausmaß? Nur die Hände und Arme?«
»Und sein Kopf … seht mal seinen Hals an.«
Julie schob die Schwingtür zum Flur auf, hielt Ben aber davon ab, weiterzugehen. »Warten Sie hier. Wir wissen nicht, womit wir es zu tun haben, aber wir tun niemandem einen Gefallen, wenn wir jetzt da reingehen, falls es ansteckend ist. Es sind schon mehr als genug Leute da drinnen.«
»Aber …«
Ihr Smartphone begann zu klingeln. »Richardson«, sagte sie knapp, als sie das Gerät an ihr Ohr hob.
Eine Minute später knallte sie das Telefon auf einen Tisch.
»Ein bisschen einseitig für eine Unterhaltung«, kommentierte Ben trocken.
»Das war mein Boss. Kommen Sie«, sagte sie. Sie wartete nicht ab, ob Ben ihr folgte, als sie aus dem Hinterausgang der Kantine stürmte und durch den Küchenbereich eilte.
Draußen wurden sie von gleißender Mittagssonne und dem rötlichen Dunst der vor Kurzem stattgefundenen Detonation empfangen.
Nordwestterritorium, Kanada
Archäologische Ausgrabung der Universität von Manitoba
Ein Jahr zuvor
Der Rest des Nachmittags wich nun schnell dem Abend, aber glücklicherweise kam ihre Expeditionsgruppe zügig voran. Noch vor dem Einbruch der Dunkelheit hatte das sechsköpfige Team – fünf Studenten und ihr Professor – die Überbleibsel eines Zeltlagers entdeckt.
Ihre Ausgrabungen hatten gezeigt, dass die Zelte in einem Halbkreis errichtet worden waren, in dessen Mitte ein Student die Überreste eines Lagerfeuers gefunden hatte. Ein anderer Student entdeckte die beinahe vollständig erhaltene Klappe eines Zeltes, einschließlich der Schnüre und einer großen Zeltstange. Daneben fand er einen kleinen Beutel mit fünf Silbermünzen – ein erstaunlicher Fund, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die amerikanischen Ureinwohner, die in dieser Gegend gelebt hatten, niemals Münzen geprägt hatten.
Sie zeichneten die Informationen über Tiefe, Erddichte und Vorgehensweise auf und gerade, als die Dämmerung hereinbrach, fand das Team noch drei weitere Zelte, alle in sich zusammengefallen und durch die kalten Erdschichten relativ gut präserviert.
Gemeinsam markierten, dokumentierten und kartografierten sie die gesamte Umgebung und erstellten anschließend ein Computer-Modell der Landschaft und der Koordinaten.
Aber es waren nicht die Zelte, die Artefakte und nicht einmal die Münzen, die den meisten Aufruhr verursachten.
Es war das, was das Team unter diesen Zelten gefunden hatte.
Als zwei Studenten unter dem wachsamen Auge von Dr. Fischer behutsam das Zelttuch entfernten, kam etwas zum Vorschein, das drei Jahrhunderte lang unberührt geblieben war:
Die Leichen einer bislang als verschollenen gegoltenen Expeditionsgruppe.
Manche der Toten waren besser erhalten als andere, aber an der Kleidung, der Schädelformen und einigen Artefakten aus der näheren Umgebung war ersichtlich, dass es sich dabei um die sagenumwobene russische Alexei-Expedition des frühen achtzehnten Jahrhunderts handeln musste.
Dr. Fischer war in absoluter Hochstimmung, denn dies war eine Entdeckung, die für ihn alles übertraf, was er bisher in seiner professionellen Karriere erreicht hatte. Über diese Expedition würde er ein Buch schreiben – vielleicht sogar mehrere. Was sie zu erreichen erhofft hatten, wo sie gewesen waren und was letztendlich zum Ableben dieser armen Seelen geführt hatte.
Natürlich galt es zunächst, all diese Fragen zu beantworten, bevor die Geheimnisse gelüftet werden konnten.
Sie hatten auch Teile von Karten, Tagebüchern und Fetzen von Kleidung gefunden, aber sie würden wesentlich mehr brauchen, um dieses Puzzle zusammenzusetzen. Doch nun, da Dr. Fischer beschlossen hatte, morgen die nahe gelegenen Höhlen zu untersuchen, blieb nicht mehr viel Zeit, die sie dieser Stätte widmen konnten.
Er begab sich nun zu einer weiteren rechteckigen Ausschachtung … ein neues Loch, das sie gegraben hatten, um ihre Untersuchung fortzuführen. Weitere drei Zelte waren ans Tageslicht gebracht und weitere sechs Skelettüberreste offenbart worden. Bei einem fand ein Student eine aus Knochen geschnitzte Pfeife und ein kleines, in Leder gebundenes Tagebuch. Der Student reichte die Pfeife sofort einem seiner Kollegen, der gerade damit beschäftigt war, die Gegenstände mitsamt dem Fundort in einer Computer-Datenbank zu verzeichnen. Das Tagebuch gab er an Dr. Fischer weiter.
»Ich dachte, das interessiert Sie vielleicht«, meinte der Student.
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