1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Dr. Fischer streifte sich ein neues Paar Latex-Handschuhe über und nahm das Buch behutsam in Empfang. Er strich über den verzierten Ledereinband und bewunderte die Handwerkskunst und die Detailtreue. Absolut bemerkenswert.
Noch bemerkenswerter jedoch war die Tatsache, dass einige der Seiten noch immer intakt waren. Schmutzig, verschmiert und schwierig zu lesen, aber dennoch unversehrt.
Er öffnete das Buch ein wenig, gerade weit genug, um hineinspähen zu können, weil er den brüchigen Rücken nicht beschädigen wollte, und drehte das Buch vorsichtig, damit genug Licht hineinfiel, um die Schrift auf der rechten Seite entziffern zu können.
»Kann einer von euch Russisch?«, fragte er. »Und hat noch dazu gute Augen? Das hier ist für mich zu klein.«
»Ist es schon so weit, alter Herr?«, rief einer der Studenten.
Dr. Fischer lachte.
Gareth, der Student am Computer, stand auf und streckte sich. »Ich kann das machen«, bot er an. »Ich brauche sowieso mal eine Pause. Möchte mich vielleicht jemand ablösen?«
Ein weiterer Student übernahm daraufhin den Dienst hinter dem Bildschirm und fuhr mit der Dokumentation der Ausgrabungsstätte fort.
»Du kannst Russisch?«, fragte Dr. Fischer verwundert.
»Ja, war ein Nebenfach von mir, hab mich mal dafür interessiert.«
»Wieso denn das?«
»Für ein Mädchen, das ich vor dem Semester kennengelernt hatte. Ich hatte gehofft, sie im nächsten Semester beeindrucken zu können. Wie sich herausstellte, war sie Polin, aber ich hab den Kurs dann aus Spaß trotzdem weitergemacht.«
Dr. Fischer schüttelte den Kopf. Er reichte das kleine Buch an seinen Studenten weiter und wartete.
»Okay, ja, ich seh schon. Ziemlich gute Handschrift, muss ich sagen. Also … noch ein ereignisloser Tag. Vollmond letzte Nacht und einer der Männer hat ein Kaninchen gefangen. Ganz schön aufregend, Professor.« Einige der Studenten, die sich um sie versammelt hatten, kicherten leise.
»Lies weiter«, sagte Dr. Fischer.
» Nur ein Ort, an dem ich solchen Trost wie diesen verspürte … das Wort kann ich leider nicht lesen. Ich glaube, es ist ein Ortsname oder so was. Der Wind flüstert durch unsere Reihen; der Schnee knirscht unter unseren Füßen und man könnte meinen, es ist das lauteste Geräusch im ganzen Wald. « Er blätterte behutsam weiter. »Das meiste geht genauso weiter«, stellte er fest.
Inzwischen waren auch die restlichen vier Studenten zu Gareth und Dr. Fischer gestoßen, und stützten sich entweder auf Spaten oder nahmen auf dem Boden Platz.
»Spring ein Stück vor«, sagte Dr. Fischer.
Gareth blätterte bis zum Ende des kleinen Tagebuchs. »Okay. Letzter Eintrag: Es hat uns krank gemacht … die Körbe mit dem seltsamen Pulver. Kein Schatz ist das wert. Es hat uns alle dahingerafft. Mir ist nun klar, dass ich hier allein sterben muss …« Gareths Stimme verstummte, genau wie die Worte des Tagebuchs. Seine großen Augen unterstrichen seinen überraschten Gesichtsausdruck. »Wow. Das ist aber ziemlich heftig.«
»Mann …«, flüsterte ein anderer.
Dr. Fischer wiederholte die Worte in seinem Kopf und versuchte sie sich einzuprägen. Sie hatten hier irgendwo Körbe gefunden, ganz in der Nähe der Stelle, wo sie nun standen. Was auch immer darin war, abgesehen von diesen Münzen, war also tödlich. Er sah erschrocken auf und suchte das Gesicht einer jungen Frau in der Gruppe. »Steph, hat einer von euch einen dieser Körbe gefunden oder noch mehr Münzen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nichts in der Art …« Ihre Stimme klang auf einmal zittrig. »Müssen wir beunruhigt sein? Man hört manchmal davon, dass Yersinia pestis bei Ausgrabungen entdeckt wird.«
»Nein, nein, ich denke nicht, dass wir es hier mit der Pest zu tun haben«, sagte Dr. Fischer. »Abgesehen davon, lagen die Münzen lose herum, also sollte das kein Problem sein. Aber wir müssen unsere Pläne trotzdem etwas ändern. Ich halte es für keine gute Idee mehr, morgen noch weitere Ausgrabungen vorzunehmen.«
Die Studenten nickten betreten. Der Inhalt des Tagebuchs hatte ihre Wahrnehmung des Ortes verändert. Zu wissen, dass weder Hunger noch Gewalt diese Männer dahingerafft hatte, sondern etwas Unheilvolles und Unsichtbares, hatte sie deutlich entmutigt.
»David Livingston ist das Erste, was einem bei dem Ausdruck streng nach Vorschrift einfällt. Er würde lieber ordnungsgemäß scheitern, als etwas regelwidrig zu erreichen«, sagte Julie zu Ben, als sie über den Parkplatz liefen. Sie bog jetzt nach links in eine Reihe von geparkten Autos ab und Ben folgte ihr.
»Es ist nicht wirklich leicht, mit ihm zusammenzuarbeiten«, fuhr sie fort. »Wenn ich so darüber nachdenke, arbeitet man eigentlich auch nicht mit Livingston, sondern für ihn, und das bedeutet, dass in seinen Augen jeder gegen ihn arbeitet und es an ihm ist, unsere Fehler zu berichtigen.«
»Klingt ja nach einer echten Frohnatur«, meinte Ben, als sie an einem weiteren Subaru Outback vorbeikamen. »Welcher ist denn Ihrer?«
Julie drückte den Knopf an ihrem Schlüsselanhänger und ein Piepen erklang auf den letzten Metern der Reihe. Ben blieb abrupt stehen. Vor ihnen befand sich ein monströser Ford F-450 Pick-up, Doppelkabine, Lariat-Ausstattung, dunkelgrau. Er ragte deutlich über die winzigen Subarus neben ihm hinaus.
Julie warf ihm die Schlüssel zu. »Sie fahren«, sagte sie.
Ben fragte sich insgeheim, ob schon Weihnachten war. »Wirklich?« Er bemühte sich, nicht zu beeindruckt zu wirken.
Sie öffnete die Hintertür auf der Fahrerseite und holte eine Laptop-Tasche hervor. »Ich habe noch etwas Arbeit zu erledigen. Sie kommen doch mit dem Wagen zurecht, oder?«
Ben stieg auf den Fahrersitz und schnallte sich an. Dann machte er den Motor an und lauschte dem schnurrenden Geräusch, während er darauf wartete, dass Julie auf ihrer Seite einstieg. Sobald sie bereit war, legte er einen Gang ein und fuhr los.
»Na ja, Livingston lässt uns jedenfalls all diese Berichte anfertigen.« Sie klappte den Laptop auf. »Er ist der Meinung, wenn wir alles brav aufschreiben und ihm zuschicken, kann er den Fall lösen oder herausfinden, was auch immer herauszufinden ist. Das Ganze ist ziemlich nervig, gelinde gesagt.«
»Der Anruf eben war genau so etwas«, fuhr Julie fort. »Er will alle achtundvierzig Stunden einen persönlichen Bericht. Können Sie sich das vorstellen? Er sagte, wenn wir es von Angesicht zu Angesicht nicht schaffen, könnten wir auch anrufen, aber es würde nicht gut aussehen . Ich stecke also schon bis zur Nasenspitze in Berichten und Formularen, mal ganz abgesehen von meinem eigentlichen Job, und er denkt ernsthaft, wenn ich schon zu beschäftigt bin, ins Büro zu kommen, dass ich dann die Zeit habe, ihn am Telefon über alle Einzelheiten in Kenntnis zu setzen?«
Ben hörte zu, wie sie sich abreagierte, rangierte den Pick-up vom Parkplatz herunter und dann entlang des geschwungenen Pfads, der vom Personalgebäude wegführte. Als sie die Hauptstraße erreichten, wandte er sich wieder an Julie. »Wo genau fahren wir denn überhaupt hin?«
Sie drehte sich zu ihm um. »Oh, ich schätze, ich sollte Sie erst einmal fragen, ob Sie Zeit haben.«
Ben wartete.
»Haben Sie schon was vor? Denn ich könnte Ihre Hilfe bei mir im Büro gebrauchen.«
Ben konnte sein überraschtes Gesicht nicht verbergen. »Drüben in Billings? Das ist zwei Stunden von hier entfernt.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Gut zweieinhalb Stunden sogar. Ich hatte angenommen, Sie haben momentan keine Pläne, da der Park ja wahrscheinlich eine Weile geschlossen wird.«
»Ich habe aber auch noch ein Leben außerhalb des Parks.«
»Wirklich?«
Ben war sich nicht sicher, ob sie das ernst meinte oder nicht. »Theoretisch zumindest«, sagte er deshalb.
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