»Ich dachte, sie wollte Fischreusen und deren Effekt auf die Insektenpopulation des niederen Flusslaufs untersuchen?«
»Das stimmt, das war ursprünglich geplant. Dieses kleine Nebenprojekt ist ihr sozusagen zugefallen, weil sie gerade in der Nähe der Explosion war. Sie wissen ja, wie sie sein kann, so übereifrig.«
Stephens schaute ihn aufmerksam an. »Sie arbeitet immer hart.«
»Ich möchte, dass Sie sich bei ihr melden. Sie sind immerhin ihr Stellvertreter und ich erwarte deshalb von Ihnen, dass Sie sich um sie kümmern. Sie ist nämlich nicht die Art von Person, die gern Bericht erstattet. Aber ich weiß, dass Sie verstehen, warum wir das tun müssen.«
»Ja, Sir.«
»Gut, dann setzen Sie sich jetzt mit ihr in Verbindung und bleiben Sie auf den traditionellen Kanälen mit mir in Kontakt – schicken Sie alles über SecuNet. Wirklich alles! Verstanden?«
Stephens zögerte.
»Was ist?«
»Ja … nein, Sir … ich meine, das ist ja alles schön und gut, aber ich verstehe nicht, inwiefern das anders ist, als das, was ich sonst mache.«
»Es ist nicht anders, Stephens. Es geht nur darum, dass Ihre Teamleiterin zu denken scheint, dass sie einfach neue Regeln aufstellen kann, wie es ihr gefällt. Vergessen Sie also nicht, wie wir die Dinge hier handhaben, okay? Sie hängen sich an Julie dran und halten mich auf dem Laufenden.«
»In Ordnung.«
»Randy, unser Daten-Spezialist ist ebenfalls startklar und richtet Ihnen einen SecuNet Account ein, falls er das nicht schon getan hat. Alle Anrufe, E-Mails und von mir aus auch Telegramme, gehen ab sofort durch diese Datenabteilung.«
Livingston musterte seinen Angestellten sorgfältig und versuchte dessen Gesichtsausdruck zu deuten. Er wusste, dass Stephens wusste, dass Randall Brown in Urlaub war, und er wollte sehen, wie Stephens darauf reagierte. Würde er weitere Fragen stellen oder so tun, als wäre Brown doch anwesend? Oder etwas ganz Unerwartetes sagen?
Es war eines von vielen Machtspielchen, die Livingston so gern mit seinen Angestellten spielte, denn er liebte es, zuzusehen, wie sie sich wanden und sich um die richtige Antwort bemühten.
Als Livingston zum Ende kam, stand Stephens sofort auf. »Kapiert, Sir.«
Livingston war enttäuscht, Stephens hatte wirklich ein fantastisches Pokerface.
»Prima.« Livingston sah wieder auf seinen Computerbildschirm und gab vor, seine E-Mails zu checken. Er wartete, bis Stephens sein Büro verlassen hatte, und ging dann zu einem Schränkchen an der hinteren Wand.
Dort holte er eine Karaffe heraus und schenkte sich einen Scotch ein. Im Mitarbeiterhandbuch hatte er zwar ausdrücklich festgelegt, dass Alkohol im Büro nicht erlaubt war, aber er glaubte, dass es als Büroleiter durchaus sein Recht war, die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Er hätte sich sogar eine Zigarre angezündet, wenn es die kleine Räumlichkeit nicht zu einer Räucherkammer gemacht hätte.
Ben saß bereits seit über zwei Stunden am Steuer.
Julie schlief tief und fest auf dem Beifahrersitz. Ihr Haar war zerzaust und stand nach oben ab, wo ihr Pferdeschwanz an der Kopfstütze hin und her gerieben hatte. Sie hatte ihr rechtes Knie, bei dem Versuch, eine bequeme Position zu finden, gegen das Fenster gelehnt, wobei sie ihren Körper viel kleiner zusammengerollt hatte, als Ben es für möglich gehalten hätte. Ihre Schuhe hatte sie schon vor einer ganzen Weile abgestreift.
Ben wechselte jetzt zu einem Country-Radiosender. Ein alter George-Strait-Song tönte durch die Fahrerkabine.
Julie regte sich und wischte sich den Mund ab.
»Ich wollte Sie nicht wecken«, sagte er.
Sie öffnete ihre Augen und blinzelte. »Oh, mein Gott, ich bin eingeschlafen«, sagte sie überrascht. Sie setzte sich sofort gerade hin, nahm ihr Bein herunter und strich hektisch über ihre zerknitterte Bluse. Danach tastete sie ihre Frisur ab. »Oh Mann, ich muss schlimm aussehen. Ich muss doch müder gewesen sein, als ich dachte. Tut mir wirklich leid.«
»Kein Problem«, entgegnete Ben. Er wollte etwas hinzuzufügen, hielt sich dann aber doch zurück.
» Was ?«
»Oh, nichts. Denken Sie einfach nicht dran. Schlafen Sie ruhig weiter, Sie scheinen es offensichtlich sehr nötig zu haben.«
»Nein, alles gut.« Jetzt bemerkte sie die Musik. »Country? Eine äußerst passende Wahl für diese Landschaft.«
Ben überlegte einen Moment lang. »Hey, vorhin im Personalgebäude … der Kerl, der da reingebracht wurde … was glauben Sie, was das war?«
Julie ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Ben fragte sich, ob sie sich überlegte, was sie sagen durfte oder ob sie einfach nur müde war. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. So, wie sie es beschrieben haben und soweit ich es hören konnte, klang es nach einem Ausschlag, möglicherweise etwas Viralem.« Sie seufzte. »Ich hätte eigentlich einen Blick darauf werfen sollen, bevor wir gegangen sind.«
»Viral? Ich dachte eher an Giftefeu oder so was in der Art.«
»Soll das ein Witz sein? So hysterisch, wie die Leute reagiert haben? Das waren doch hauptsächlich Park-Ranger, oder? Die würden einen simplen Ausschlag durch Giftefeu doch sofort erkennen, oder etwa nicht?«
Ben zuckte mit den Schultern. »Klar, ich denke schon.«
»Abgesehen davon hat es sich ausgebreitet. Erst war es an seinen Händen und Armen und dann sagten sie, wäre es auch am Hals zu sehen gewesen.«
»Was breitet sich denn so schnell aus?«, fragte Ben.
»Wenn es nur ein Ausschlag ist, könnte es alles Mögliche sein. Pilzinfektionen, rheumatisches Fieber, Pfeifferisches Drüsenfieber, Windpocken.«
»Windpocken? Wirklich?« Ben sah sie skeptisch an.
»Natürlich. Wenn man nicht schon als Kind daran erkrankt gewesen ist, kann der Varizella-Zoster-Virus für Erwachsene sehr gefährlich sein, besonders bei einem geschwächten Immunsystem. Aber ohne den Ausschlag gesehen zu haben, ist es unmöglich, ihn zu identifizieren. Mich würde interessieren, was das medizinische Team dazu zu sagen hat.«
Ben wartete kurz, bevor er seine nächste Frage stellte. »Aber Sie glauben nicht, dass es Windpocken sind, stimmt’s?«
Julie reagierte nicht.
»Es ist kein gewöhnlicher Feld-Wald-und-Wiesen-Ausschlag gewesen, richtig?«
Julie sah ihm zuerst nicht in die Augen, doch schließlich drehte sie sich zu ihm. »Ich glaube, dass es etwas anderes ist – etwas Größeres. Zuerst die Explosion und dann das? Was ist, wenn beides zusammenhängt?«
Ben zuckte erneut mit den Schultern. »Kommt ganz darauf an, ob noch jemand diesen Ausschlag hat. Könnte auch nur ein Zufall sein.«
»Ja, aber es kommt mir trotzdem verdächtig vor.«
Sie fuhren schweigend weiter. Laut der Nachrichten waren bei der Explosion im Yellowstone-Park dreiundneunzig Menschen ums Leben gekommen und unzählige Gäste wurden immer noch vom Parkgelände evakuiert. Erste Berichte bestätigten Julies Befürchtungen. Ein unbekannter Krankheitserreger schien bereits einige Leute infiziert zu haben.
»Wann ist denn mit den Testergebnissen zu rechnen?«
»Wir haben noch kein mobiles Labor, also werden die Proben morgen früh nach Atlanta geflogen und wir sollten die Resultate in ein paar Tagen haben. Wieso?«
»Glauben Sie, Sie kommen vielleicht an eine dieser Proben ran?«
Julie blieb vorsichtig. »Vielleicht. Wäre nicht einfach, aber schon möglich. Warum?«
»Falls es doch schlimmer ist, als den Leuten momentan klar ist, und es sich dabei um eine sich schnell ausbreitende Krankheit handelt, warum lässt man die Leute dann einfach nach Hause gehen, wenn sie infiziert sein könnten?«
»Weil wir momentan keinen guten Grund haben, sie festzuhalten.«
»Hören Sie«, sagte Ben. »Ich kenne da vielleicht jemanden in der Nähe, der uns behilflich sein könnte. Allerdings nur, wenn wir Ihren Boss dabei umgehen könnten.«
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