»Wow, bin ich froh, darauf nicht gewettet zu haben«, kommentierte Josh fasziniert.
»Ich bin kein Glücksspieler«, sagte Valère.
»Sollten Sie aber sein. Mit diesem Produkt sind Sie ein gemachter Mann.«
Valère wandte sich Josh zu. »Seien Sie versichert, mein Freund, diese Firma ist weitaus riskanter, als alles, was ich hier draußen mit Ihnen aufs Spiel setzen würde, und vergessen Sie nicht, Sie haben ebenso Ihren Anteil daran geleistet.«
Josh nickte. Er hatte einen Vertrag über ein Gehalt von einer halben Million kanadischer Dollar unterzeichnet, mit Optionen auf ihren unvermeidlichen Börsengang. Außerdem hatte er einen kleinen Prozentanteil an den zukünftigen Profiten der Firma.
Im Grunde standen beide Männer kurz davor, unverschämt reich zu werden.
»Wenn ich nächste Woche wieder im Büro bin, telefoniere ich sofort mit unseren beiden Investoren und dem Patentanwalt, danach treffe ich dann eine Entscheidung bezüglich des Timings«, sagte Valère.
»Was kann ich in der Zwischenzeit tun?«, fragte Josh. Sie waren auf halbem Weg zum Loch und liefen zu der Stelle, wo ihre Bälle lagen. »Ich schätze mal, wir werden ein paar Meetings mit den wichtigeren Repräsentanten planen müssen und dann vielleicht noch eine Marketing-Kampagne starten?«
»Nein, mit dem Marketing sollten wir warten. Die Probe geht erst mal nur an die Investoren und die werden dann mit der Produktion starten.«
»Mit der Produktion von was ?«, fragte Josh.
»Erinnern Sie sich noch an meine Reise ins Nordwestterritorium, die ich letztes Jahr gemacht habe?«, fragte Valère.
Josh neigte seinen Kopf. Das war mal wieder ein interessanter und äußerst abrupter Themenwechsel.
»Ich habe die Heimat eines einheimischen Volkes besucht, das schon seit Langem ausgestorben ist. Dort haben wir die Überbleibsel eines Lagers gefunden, das einst vermutlich zu einer russischen Expedition gehört hat.«
»Wir? Ich dachte, Sie wären allein gefahren.«
»Ich habe mich dort mit meinen Investoren getroffen. Wie Sie wissen, sind wir schon seit langer Zeit Geschäftspartner.«
»Also war das eigentlich eine Geschäftsreise?«, erkundigte sich Josh. Er verstand immer weniger.
»In gewisser Weise, ja. Jedenfalls haben wir dort die Todesursache dieser armen Forscher entdeckt. Eine Pflanze, deren Abwehrmechanismus darin besteht, eine hochgiftige Substanz in die Luft abzugeben. In Pulverform wurde es von dem ursprünglichen Stamm als eine Art Halluzinogen genutzt, vermute ich. Im Laufe der Jahre ist dieser Abwehrstoff jedoch zu einer tödlichen Substanz geworden.«
»Sie reden von den Proben im Gefrierschrank? Diese Kisten, die Ihnen hinterhergeschickt worden sind?«
Valère nickte. »Wir wollten diese Substanz zu Defensivzwecken nutzen, genau wie die Pflanze. Dafür mussten wir sie jedoch verstärken und ihre Konzentration erhöhen.«
»Sie haben also einen Virus erschaffen?«
»Ich habe einen entdeckt . In seinem ursprünglichen Zustand reichte die Konzentration gerade mal für ein kleines Säugetier aus, solange es nicht in größeren Mengen verabreicht wird. Aber ein paar Anpassungen hier und da …«
»Wovon reden Sie da?« Josh war entsetzt. »Das ist keine medizinische Anwendung, Francis …«
»Die Anwendung geht Sie überhaupt nichts an«, erwiderte Francis kalt.
Josh trat an seinen Ball heran und hämmerte so plump auf ihn ein, dass eine braune Spur auf dem Grün zurückblieb. Der Ball sauste davon und mit wachsendem Zorn sah Josh zu, wie der Ball nach rechts driftete und zwischen den Bäumen verschwand. Ohne sich umzudrehen, begann er auf das Waldstück zuzulaufen, um seinen Ball zu suchen.
Wie hatte er das nur tun können?, fragte er sich. Josh arbeitete nun schon seit drei Jahren mit Valère zusammen und hatte gedacht, dass er den Mann kennen würde. Er hatte geglaubt, dass sie beide daran interessiert waren, mit ihrer Arbeit Leben zu schützen und zu erhalten .
Das jetzt klang wie das genaue Gegenteil.
Er stampfte durch das Dickicht, das markierte, wo der Golfplatz aufhörte und das unbebaute Land begann, und hielt auf ein Kieferngrüppchen zu, in deren Richtung er seinen Ball vermutete. Als er näherkam, konnte er das Geräusch fließenden Wassers hören.
Die Bäume standen wie Aufpasser vor einem steilen Hügel und warnten vor dem Abgrund. Das Gelände fiel steil ab und endete in einem Fluss, wo das Wasser hervorstehende Felsen umspülte und kleine Stromschnellen bildete, während es sich durch das schluchtartige Flussbett drängte.
Josh spähte vorsichtig hinunter, aber sein Ball war nirgendwo zu sehen.
»Ich glaube, er ist weiter drüben gelandet«, rief die Stimme seines Bosses hinter ihm. Valère hatte ihren Golfwagen zum Rand des Geländes gefahren und kam nun auf ihn zugelaufen.
»Das können Sie nicht machen, Valère. Sie können uns nicht einfach so, an den Höchstbietenden verscherbeln. Wer will so etwas überhaupt kaufen?«
»Es geht dabei nicht um Geld …«
»Blödsinn!«, platzte es aus Josh heraus. »Natürlich tut es das. Warum hätten Sie mir das sonst bis jetzt vorenthalten sollen?«
»Ich habe schon gesagt, dass es nichts ist, worüber Sie sich den Kopf zerbrechen sollten. Dieser Plan ist älter als unser Arrangement.«
Josh sah zu, wie sein Boss seinen Driver aus der Tasche nahm. Er inspizierte ihn sorgfältig und musterte den Grafitkopf in Leichtbauweise. »Wir arbeiten schon seit Lebzeiten daran und ich werde nicht aufgeben, bevor ich es vollendet habe.«
Josh trat einen Schritt zurück, auf den Hügel zu, während sich ein gequälter Ausdruck auf seinem Gesicht ausbreitete. »Es kommt mir so vor, als seien Sie der Terrorist. Als seien Sie nichts weiter als ein selbstgefälliger, wahnsinniger Narr.«
»Sie haben Ihre Bezeichnungen für das, was ich tue, ich habe meine. Ich arbeite an etwas, das größer ist als alles, was Sie sich vorstellen können«, sagte Valère. »Etwas weitaus Bedeutenderes.«
»Aber damit werden Sie nicht durchkommen«, sagte Josh empört. »Davor werden Sie nicht einfach davonlaufen können, wenn alles vorüber ist.«
»Ich habe gar nicht vor, wegzulaufen, Josh. Ich bin hier und genau hier werde ich bleiben, und wenn ich mal nicht mehr bin, wird ein anderer meinen Platz einnehmen.«
Josh fiel auf, dass sein Freund und Geschäftspartner ihn jetzt musterte, als inspiziere er ein Präparat. »Es ist wirklich jammerschade, Joshua.«
» Was ?« Josh riss entsetzt die Augen auf, als er sah, wie Francis mit dem Golfschläger ausholte.
Valère schlug zu und traf Josh mit dem Schläger genau am Kopf. Es gab ein knackendes Geräusch und Josh ging augenblicklich zu Boden.
Blut rann in und über seine Augen und verlieh der Welt einen rötlichen Schimmer. Eine Sekunde verging und er konnte gar nichts mehr sehen. Der Schmerz war absolut unerträglich. Sein Gehirn fühlte sich irgendwie matschig an. Er konnte nicht mehr denken … er konnte nicht mehr sprechen.
»Es ist wirklich jammerschade, einen so brillanten Kopf wie den Ihren zu verlieren, mein Freund. Doch Sie liegen falsch. Ich werde damit davonkommen, denn Amerika ist nicht vereinigt genug, um sich zu retten.«
Josh versuchte seinen Arm zu heben, um den nächsten, bevorstehenden Angriff abzuwehren,
schaffte es aber nicht.
Er konnte nur hilflos dabei zusehen, wie Valère erneut mit dem Driver ausholte und seinen Schädel endgültig zerschmetterte.
Ben und Julie saßen versteckt in der hinteren Ecke der Kantine, wo die Farbe an den Wänden schon seit Jahren unbemerkt abblätterte. Der schwache Geruch von ranzigem Frittieröl und Reinigungsprodukten war abstoßend, zugleich aber auch vertraut. Unangenehm, wenn man neu war, sonst aber eigenartig angenehm.
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