Rivera hing an der Kante und seine vor Anstrengung schon weiß gefärbten Finger umklammerten verzweifelt eine Baumwurzel.
»Ich kann mich nicht mehr festhalten!«, schrie Rivera.
Ben warf sich sofort auf den Bauch, streckte seinen Arm aus und umklammerte die freie Hand des anderen Mannes. Er knirschte mit den Zähnen, nahm all seine Kraft zusammen und zog dann, so fest er konnte.
Der Rand des Erdspalts bestand allerdings offenbar nicht aus solidem Fels und als Ben Rivera hinaufzog, brachen große Teile des Abhangs weg und kullerten davon. Ben wechselte daraufhin seine Strategie.
»Gib mir deinen anderen Arm«, rief Ben Rivera zu.
Die Augen des jungen Mannes waren von Furcht erfüllt, als er versuchte, der Anweisung zu folgen.
Bens Arme zitterten, als er seinen Kollegen von purem Willen getrieben aus der Tiefe zog.
Doch dann brachte ein Nachbeben den Wald zum Zittern.
Der Boden bebte erneut.
Und Ben verlor den Halt.
Rivera rutschte wieder hinunter und konnte sich jetzt nur noch mit einer verschwitzten Hand an der Baumwurzel festhalten.
Ben warf sich über den Rand und streckte sich so weit wie möglich aus, um ihn zu packen. Seine Finger streiften zwar Riveras Kragen, bekamen ihn aber nicht zu fassen. Mit seiner Hand drückte er sich wieder gegen den Abhang.
Dann gab die Baumwurzel plötzlich nach.
Rivera sah panisch zu Ben hinauf, als ihm bewusst wurde, was gerade passierte.
Die Wurzel fiel hinab und Rivera hinterher.
Sekunden später war er verschwunden.
Ben rief nach ihm.
Doch er bekam keine Antwort mehr.
»Was meinen Sie mit Spalt?«
Ben sah von der Couch hoch. »Ein Spalt, ein Riss, ein Loch in der Erde.«
»So etwas wie eine Doline?«
»Ja, so etwas in der Art.«
»Warum haben Sie dann nicht gleich Doline gesagt?«
»Das Wort ist mir nicht eingefallen«, sagte Ben. »Und technisch gesehen war es auch keine Doline. Der Spalt ist durch eine Explosion entstanden.«
»Und Carlos Rivera ist hineingefallen?«
Ben nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Der Polizeibeamte seufzte und drehte sich dann zu seinem Kollegen um. Der zweite Beamte trat nun vor und übernahm die Befragung. »Sie sagten, Sie beide waren gerade dabei, einen Problembären umzusiedeln?«
Ein weiterer Mann betrat den Raum. Seine große, rundliche Statur war unverkennbar. Es war Bens Boss, George Randolph, der sich nun einschaltete. »Ein Problembär ist ein Bär, der keinen größeren Schaden angerichtet hat und nur in eine entlegenere Gegend …«
Der Polizist war unbeeindruckt. »Das hier ist Wyoming. Wir wissen also, was ein Problembär ist.«
»Hören Sie, Mo, der Grizzly, hat inzwischen drei Verstöße gesammelt, und wir haben versucht, sie weit genug fortzubringen, sodass sie dieses Mal dortbleibt.«
Die Beamten notierten sich alles und die anderen unterhielten sich währenddessen leise miteinander. Ben saß derweil regungslos auf der Couch im Aufenthaltsraum, dem einzigen nahezu bequemen Platz im gesamten Raum. Die Lampen über den versammelten hiesigen Polizisten, Park-Rangern und Angestellten brannten auf ihn hinab wie die sterile Beleuchtung eines Krankenhauses. Ben fühlte sich gefangen, fehl am Platz und äußerst nervös.
Beim letzten Mal, als ich in einem Krankenhaus war …
Ben versuchte das Gefühl zu verdrängen. Er wusste, dass es ihm momentan nicht weiterhalf, über Vergangenes nachzugrübeln.
Alle Mitarbeiter, die während der Explosion anwesend gewesen waren, waren zu einer Nachbesprechung einberufen worden, wie die Polizisten es nannten. Ein Rettungsteam war außerdem unterwegs und sollte jeden Moment eintreffen. Ben sah auch einige Männer und Frauen, die er nicht kannte und die sich gerade leise mit einzelnen Mitgliedern der Parkverwaltung über die Ereignisse dieses Morgens unterhielten.
Bestimmt sind die von der Regierung , dachte er. Eine der Frauen kam nun auf ihn zu. Sie war schlank, sportlich, und trug einen eng anliegenden Anzug, der ihr Auftreten widerspiegelte – die Art von Person, die sich selbst immer viel zu ernst nimmt.
Während die Frau auf ihn zusteuerte, sagte Ben beinahe etwas, was er nicht sagen sollte.
Doch ihre Worte verließen ihren Mund, noch bevor sie zum Stehen kam. »Dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
Ben antwortete nicht. Er ließ seinen Blick von oben nach unten über sie wandern, und richtete sein Augenmerk dann auf das einzige Fenster auf dieser Seite des Gebäudes.
»Mr. Bennett, richtig?«, fragte sie.
Wieder antwortete er nicht.
»Die meisten Leute nennen Sie Ben, stimmt’s?«
Widerwillig nickte er.
»Mr. Bennett, Sie sind Ranger hier im Yellowstone-Park, oder? Sie arbeiten seit dreizehn Jahren hier, korrekt? Erst als eine Art Praktikant und dann in Ihrer jetzigen Funktion?«
Das waren keine richtigen Fragen. Sie ließ sich nur Informationen bestätigen, die ihr irgendein Angestellter gegeben hatte.
»Laut der Standardprozedur sollten Sie sich erst einmal vorstellen«, sagte Ben knapp.
Doch die Frau ließ sich nicht beirren und fuhr fort: »Sie waren neunzehn, als Sie hierhergezogen sind und leben mittlerweile in einem Wohnwagen gleich außerhalb des Parkgebiets. Darf ich fragen, wovor Sie davongelaufen sind?«
Ben presste die Zähne aufeinander und hielt seinen Blick weiter starr auf das Fenster gerichtet.
Ich bin nicht davongelaufen, dachte er. Ich brauchte nur etwas Abstand.
»Gut, dann klären wir das später. Was ist mit Mr. Rivera? Mr. Carlos Rivera, fünfundzwanzig Jahre alt, aus Albuquerque, New Mexico stammend. Wie lange hatten Sie schon mit ihm zusammengearbeitet?« Die Verwendung des Wortes hatten war nicht an Ben vorbeigegangen.
»Stellen Sie irgendwann auch mal Fragen, auf die Sie nicht bereits die Antwort kennen?«, fragte er zurück.
Die Frau zögerte kurz, bevor sie nickte. »Nun gut. Mr. Bennett. Können wir darüber reden, was Sie heute Morgen gesehen haben? Die Explosion?«
Ben dachte einen Moment lang nach. »Sah wie eine Bombe aus. Es gab eine Pilzwolke und alles drum und dran.«
»Okay. Wie haben Sie und Mr. Rivera reagiert, als Sie das bemerkt haben?«
»Wir hatten keine Zeit zu reagieren. Es gab ein Erdbeben und dann …« Er führte den Gedanken nicht zu Ende. Sie trug einen Ausweis, den er nicht kannte. »Für wen arbeiten Sie überhaupt?«, fragte er.
»CDC, Seuchenschutzbehörde, FBB-Abteilung, aus der hiesigen Stelle in Billings, Montana.«
Ben erhob sich von der Couch und blickte auf sie herab. »Hören Sie, Lady vom CDC, FBB, was auch immer«, sagte er, als er an ihr vorbeiging. »Ich habe jetzt eine knappe Stunde lang Fragen beantwortet. Wenn Sie mehr Informationen haben wollen, dann lesen Sie einfach die Berichte.« Er drängte sich durch die Menschenansammlung in Richtung Ausgang, schob die Tür auf und trat auf die Veranda hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Er hörte die Fliegengittertür hinter sich zuschlagen und dann, wie sie sich quietschend wieder öffnete. Schritte polterten hinter ihm die Stufen herab und Sekunden später hatte die Frau ihn eingeholt. Er behielt seine Geschwindigkeit trotzdem bei.
»Es tut mir sehr leid, Mr. Bennett, ich weiß, Sie haben einen schrecklichen Morgen, aber …«
» Einen s chrecklichen Morgen?« Ben blieb stehen und fuhr herum, um sie anzufunkeln. »Riveras Familie hat einen schrecklichen Morgen. Die Familien der etwa einhundert Leute, die in der Explosion umkamen, haben einen schrecklichen Morgen. Ich versuche nur, überhaupt eine Art von Morgen zu haben, aber das ist hier ja gerade offensichtlich nicht drin.«
»Ich … ich weiß, Mr. Bennett, aber ich muss …«
»Hören Sie auf, mich so zu nennen.«
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