Ben wartete ab, um die Bärin nicht unnötig zu erschrecken, denn ein Tier zu verärgern oder aufzuregen, kurz bevor es ohnmächtig wurde, bedeutete nur vermeidbaren Stress, der das Tier womöglich gefährden könnte. Ein paar Sekunden später gab der Grizzly ein tiefes Stöhnen von sich, während er sich auf die Hinterbeine stellte. Er drehte sich unsicher im Kreis und fiel dann zu Boden. Der Grizzly ließ sich daraufhin auf dem feuchten Laub nieder und der Körper erschlaffte.
Ben wartete eine volle Minute, bevor er aus seinem Versteck trat. Er schob sich durch das Gebüsch, ohne die Zweige beiseitezuschieben, überquerte die Lichtung und beugte sich dann über das Tier.
»Sorry, Mo«, sagte er leise. »Aber du musst wieder hoch in den Norden.« Er entfernte die kleine Gaskartusche aus dem Lauf des Gewehrs und steckte sie in seine Tasche, dann kniete er sich hin und fand den roten Betäubungspfeil in der linken Flanke des Bären.
Die Pfeile waren wiederverwendbar und sehr teuer, deshalb war es den Rangern untersagt, sie einfach in den Parks liegenzulassen, selbst wenn sie irgendwann kaputt waren.
Ben nahm das Walkie-Talkie von seinem Gürtel und schaltete es ein.
»Hier ist Bennett«, sprach er in das Gerät. »Ich habe Mo hier im Dornröschenschlaf und bitte um Unterstützung bei der Umsiedlung.«
Das Funkgerät knackste und erwachte dann zum Leben.
»Okay, markiere die Position und warte anschließend auf Bestätigung. Wir schicken dir eine Crew – Out.«
Ben steckte sein Handfunkgerät wieder weg und holte stattdessen sein Smartphone hervor. Dort öffnete er eine App und tippte ein paar Mal auf das Display, womit er seinen derzeitigen Standort markierte, und aktivierte anschließend den GPS-Sender.
Innerhalb kürzester Zeit erschien eine Crew aus vier Männern und zwei Frauen am Lagerplatz und begann den Grizzly auf ein Brett zu schnallen.
Die Ranger würden Mo in einen anderen Teil des Parks umsiedeln, wo weniger Publikums-Verkehr herrschte, denn früher oder später würde sie wieder herunterwandern, angezogen von den verlockenden Gelegenheiten, die ignorante Camper zwangsläufig zurückließen.
Dies war bereits Mos dritter Umsiedlungsversuch, und Ben befürchtete, dass es ihr letzter war.
Komm nicht wieder hier runter, Mo, flehte Ben den schlafenden Riesen im Stillen an. Ich werde dir nicht immer helfen können.
Der Chevy rumpelte über ein unsichtbares Schlagloch und die betagte Aufhängung reagierte mit einem lauten Klickgeräusch und einem Ächzen.
Ben zog den Pick-up nach links und damit wieder auf die Mitte des schmalen Feldwegs, bevor er das Radio aufdrehte. Der Country-Song, der durch die überstrapazierten Lautsprecher dröhnte, brauchte eigentlich keine Verstärkung, bekam aber dennoch welche.
»Du bist wirklich keiner für Small Talk, was?«, fragte Bens Passagier. Der junge Mann zu Bens Rechten blickte zu ihm herüber.
Ben widmete seine Aufmerksamkeit stattdessen der unebenen Schotterpiste vor ihnen.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Carlos Rivera sich wieder abwandte, um aus dem Beifahrerfenster zu sehen. Während der letzten Stunde hatte Ben vielleicht zehn Worte geäußert, hauptsächlich Anweisungen, dass er der Basis Bescheid geben oder auf der Ladefläche nach Mo sehen sollte. Rivera hatte zwar pflichtbewusst Folge geleistet, aber Bennett war trotzdem irgendwie nicht mit ihm warm geworden.
Sie fuhren noch eine Viertelstunde weiter über diverse Unebenheiten, bis Ben den Feldweg verließ und den Pick-up über eine kleine Grasebene in Richtung Waldrand lenkte.
Dahinter erhob sich ein kleiner Berg aus dem flachen Land, überschattet vom Antler Peak im Norden. Ben bewunderte die Umgebung unwillkürlich, denn sie war wunderschön und vollkommen unberührt. Er atmete einmal tief durch und drehte dann das Radio leiser.
»Ich mache mir ehrlich gesagt nicht viel aus reden«, sagte er. Rivera blickte zu ihm hinüber. »Ich schätze mal, du bist ein anständiger Junge. Danke, dass du heute aushilfst.«
Rivera lachte. »Junge? Du kannst doch selbst nicht älter als fünfundzwanzig sein.«
Ben hielt seine Augen geradeaus, als er antwortete. »Zweiunddreißig.«
Rivera nickte mit einem Ausdruck von Überraschung auf seinem Gesicht, als sie nahe der Baumgrenze anhielten. Das Waldstück vor ihnen umgab den Fuß des Berges, endete auf halbem Wege zur Spitze und wurde dort zu einer bunten Mischung aus jungen Bäumen und Büschen. Ben fädelte den Pick-up nun rückwärts in eine Lücke zwischen zwei Bäumen und sprang dann aus dem Fahrzeug. Danach löste er die Spannseile auf seiner Seite der Ladefläche und wartete, bis Rivera das Gleiche auf der anderen Seite getan hatte.
Ben ging anschließend zum Heck des Fahrzeugs und begann die Ladeklappe herunterzulassen.
»Hast du das auch gespürt?«
Ben sah zu seinem Kollegen hinüber. Wie aus heiterem Himmel erschütterte jetzt eine tiefe Bassnote den Boden unter ihren Füßen und Ben spürte, wie der Schalldruck seinen Kopf vibrieren ließ. Das tiefe Grollen wuchs nun zu einem ohrenbetäubenden Beben heran, das allerdings schnell wieder erstarb und von den Bäumen zurückgeworfen wurde.
»Was zum …« Rivera trat ein paar Schritte vom Wagen zurück, schaute in Richtung Osten und versuchte durch eine Gruppe von Bäumen zu sehen, dann riss er die Augen weit auf. »Ben … dort drüben!«
Ben folgte dem Blick des jungen Mannes und sah eine qualmende Masse, die den Horizont emporschoss. Die Wolke blähte sich auf und dehnte sich rasend schnell aus.
Keiner der beiden sprach ein Wort. Wie angewurzelt standen sie da und schauten dem Schauspiel stumm zu.
Plötzlich schoss eine Druckwelle durch die Bäume, entwurzelte sie und riss ganze Stümpfe aus der Erde. Die Wucht der Erschütterung schleuderte sogar den Pick-up umher und warf die Männer mehrere Meter durch die Luft. Ben prallte so hart auf den Boden auf, dass es ihm vorkam, als hätte er sich jeden Knochen im Leib gebrochen.
Er mühte sich in eine sitzende Position und versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren und die Orientierung zurückzuerlangen. Der Pick-up lag jetzt auf der Seite, aber Ben konnte ihn ohnehin nicht erreichen.
Die Erde hatte sich nämlich aufgetan, und ein immer größer werdender Riss zog sich durch das trockene, bröckelnde Erdreich und drohte, das gesamte Fahrzeug zu verschlingen. Ben stolperte, als er aufzustehen versuchte.
Wir müssen von hier weg! Ben drehte panisch seinen Kopf hin und her. Wo ist Rivera?
Er war nicht beim Wagen. Der Bärenkäfig war von der Ladefläche gerutscht und lag jetzt auf dem Kopf. Ben nahm Anlauf und sprang über den immer größer werdenden Riss.
Eilig entfernte er das Vorhängeschloss von der Käfigtür und schob die beiden Riegel auf, dann öffnete er die Tür auf und griff hinein.
Augenblicklich riss er seinen Arm wieder zurück.
Von all den Dingen, um die es sich jetzt zu sorgen galt, war Bens größte Sorge, dem Bären zu helfen.
Gute Methode, eine Hand zu verlieren, dachte er kopfschüttelnd. Er warf einen Blick in den Käfig. Der Bär rührte sich nicht, atmete aber. Das große Tier war also immer noch bewusstlos.
Die Erde beruhigte sich langsam wieder. In nur dreißig Sekunden war der Boden angehoben und von kataklysmischen Kräften zusammengestaucht worden und hatte sich anschließend wieder abgesenkt. Bäume waren übereinander gefallen oder abgeknickt worden … Felsbrocken, die Jahrtausende ungestört überdauert hatten, waren teilweise eingerissen oder gänzlich zerbrochen.
Doch nun war wieder Ruhe eingekehrt.
»Ben! Hilfe!«
Riveras Stimme kam von der anderen Seite des Pick-ups. Er rannte dorthin, bremste aber nahe der Kante des neu entstandenen Erdspalts abrupt ab. Ben konnte sehen, dass die Erde hier etwa sechs Meter schräg abfiel, bevor es geradewegs hinab in den Abgrund ging.
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