Wochen und Monate vergingen.
Eines Tages war Ellen wider Erwarten nicht an ihrem Arbeitsplatz. „War sie erkrankt?“, sorgte ich mich. „Oder hatte sie nur den Bus verpasst und kam verspätet?“, hoffte ich.
Die Kollegin, bei der ich mich nach ihr erkundigte, erklärte mir: „Nein, die Ellen, die hat gekündigt. Die kommt nicht mehr. Die hat jetzt einen Job, der besser bezahlt wird.“ Als was und wo Ellen jetzt arbeitete, entzog sich ihrem Wissen.
Enttäuscht und mit einem flauen Gefühl im Magen verließ ich das Café. Ich lief rastlos durch die Straßen. Vor dem Schaufenster einer Buchhandlung blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich war fassungslos. „Nein! Nein!“, schrie eine innere Stimme in mir. „Das kann nicht wahr sein. Nein! Nein!“
In großer Aufmachung mit einem Bild von Ellen verkündete ein Plakat:
Ellen Ehrlich, der neue Star am Poetenhimmel! Ihr erster Lyrikband Kaffeehausgedichte avanciert gleich zu einem Bestseller
Ich stürzte in den Laden und griff mir eines der Bücher. Es waren meine Gedichte. Ich hatte meine Seele für ein paar Kuchenstückchen verschachert!
„Ich werde nie wieder ein Kaffeehaus betreten!“, schwor ich mir. „Nie, nie wieder!“
o
Am 04. Januar 2012 erblickst du das Licht der Welt in einer von Menschen abgeschiedenen, dunklen Höhle. Liebevoll umsorgt dich deine Mutter Vilma. Dein Tisch ist stets reich gedeckt. Alles Lebenswichtige saugst du mit der gehaltvollen Muttermilch ein. Du wächst von Tag zu Tag, erforschst die Ausmaße deiner Behausung, trinkst, kugelst und kletterst auf Vilma herum, bis du erschöpft, aber friedlich zwischen ihren Tatzen einschläfst.
Wir Menschen wollen und können dies alles miterleben. Ein Kameraauge blickt in eure Abgeschiedenheit und spioniert euch aus. Ohne Unterlass wird eure traute Zweisamkeit in den Medien zur Schau gestellt.
Neugierig verfolge auch ich die Mutter-Kind-Idylle, bis Vilma dem Voyeurismus mit einem gezielten Prankenhieb auf die Linse des Aufnahmegerätes ein Ende setzt. Danach dringen allenfalls verschwommene Bilder an die Öffentlichkeit und eure Intimsphäre bleibt in einem gewissen Maße gewahrt.
Anori, alle Menschen lieben dich und sind entzückt von dir, ohne dich je von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Sie fiebern dem Augenblick entgegen, in dem du endlich die Abgeschiedenheit deiner Höhle verlässt. Erst in diesem Moment erblickst du, im wahrsten Sinne des Wortes, das Licht der Welt.
Endlich! Nach zwei langen Monaten ist es so weit! Du wagst unter dem Schutz deiner Mutter Vilma die ersten wackeligen Schritte ins Freie.
Hunderte von Besuchern sind in den Zoo gekommen, um dieses Ereignis mitzuerleben. Hälse werden gereckt und Kinder auf die Schultern der Erwachsenen gehoben, um einen unverstellten Blick auf dich werfen zu können. Auch ich befinde mich unter den Zuschauern am Eisbärengehege. Dutzende von Kamerateams rangeln um die besten Plätze, um die putzigsten, tollpatschigsten, niedlichsten Bilder von dir aufzunehmen. Im Nu jagen sie die Aufnahmen um den ganzen Erdball.
„Oh, wie süß und niedlich. Oh, wie tapsig! Oh, jetzt ist das putzige Eisbärchen hingeplumpst.“
Anori, du bedienst exakt das Kindchenschema! Groß und Klein würden dich am liebsten in den Arm nehmen, dich streicheln und knuddeln. Dies bleibt natürlich nur ein frommer Wunsch. Vilma hätte bestimmt etwas dagegen.
Damit wir Eisbärenfreunde nicht ganz und gar leer ausgehen, können wir an einem Kiosk am Ausgang des Zoos Fanartikel kaufen. Plüschtiere in Form eines Eisbären, T-Shirts und Kappen mit dem Abbild von Anori buhlen dort um die Gunst der Kundschaft.
Wir geben den Eisbären, die in Tierparks gehalten werden, Namen, um mit ihnen in Kontakt zu treten oder von ihnen zu erzählen: Vilma, Anori, Lars, Knut.
Gleichzeitig zerstören wir ungehemmt den Lebensraum der Namenlosen. Sie sterben vor Hunger oder durch eine Gewehrkugel, weil sie menschlichen Behausungen zu nahe kommen, um etwas Fressbares zu finden. Die Eisbären können nicht mehr erfolgreich auf Jagd gehen, wenn durch die Klimaerwärmung die arktischen Gewässer immer später im Jahr zufrieren, das Eis im Frühling von Jahr zu Jahr früher schmilzt und im Sommer stets und ständig großflächiger schwindet. Das erfuhr ich vor nicht allzu langer Zeit durch einen Dokumentarfilm, der im Fernsehen gezeigt wurde. Hier vor dem Eisbärengehege im Zoo kommen mir diese Bilder wieder in den Kopf.
Anori bedeutet in der Sprache der Inuit Wind.
Der arktische Wind, der dir nie um deine Nase wehen wird. Du wirst nie erleben, wie der eisige Sturm deinen Pelz striegelt und die Schneeflocken um deine Nase tanzen lässt. Nie wirst du über die unendliche Weite der Schneefelder ziehen, die kristallklare Luft atmen, den sternen- und mondbeglänzten Himmel über dir sehen, geschickt von Eisscholle zu Eisscholle springen, im eiskalten Wasser schwimmen und erfolgreich auf die Jagd gehen, denke ich mitfühlend. Du wirst weder die lange, dunkle Polarnacht mit ihren märchenhaften, diffusen Nordlichtern erleben noch die Mittsommernächte, in denen die Sonne den Horizont rot glühend streift, ohne unterzugehen, um wenige Augenblicke später erneut aufzusteigen und über das Firmament zu ziehen.
Anori, ich sehe die Sehnsucht in deinen Augen: Einmal nur durch die endlose weiße Weite streifen, den Schnee riechen, den Wind und die Eiseskälte in der Unendlichkeit der Arktis spüren, die so lebensfeindlich für uns Menschen ist.
Dein Raum misst zehn Schritte nach rechts und zehn Schritte nach links, dein Leben lang. Du kannst dich allenfalls zur Abwechslung unter dem Johlen des Publikums ins brackige Wasser deines Bassins plumpsen lassen, mit einem Ball spielen, aus dem Wasser steigen, dein Fell ausschütteln und wieder zehn Schritte nach rechts, zehn Schritte nach links, zehn Schritte nach rechts, zehn Schritte nach links tapsen und ins Wasser plumpsen.
Wir Menschen begründen deine Gefangenschaft. Im Zoo bist du keinen Gefahren und Unbilden der Natur ausgesetzt. Du bekommst regelmäßig und ausreichend Nahrung, wirst gehegt und gepflegt. Wir alle haben dich in unser Herz geschlossen.
Mal ehrlich: Welches Lebewesen, von Haustieren einmal abgesehen, würde sich freiwillig in Gefangenschaft begeben, um sich vor den Unwägbarkeiten des Lebens zu bewahren, um ein Dach über dem Kopf zu haben, täglich drei Mahlzeiten und eine Stunde Hofgang als Bewegung zu bekommen?
Außerdem rechtfertigen wir deine Gefangenschaft und die deiner Artgenossen damit, dass ihr bald aussterben könntet, da euer Lebensraum von Jahr zu Jahr schrumpft. Deswegen soll euer Erbgut in den Zuchtprogrammen der zoologischen Gärten erhalten bleiben, damit wir euch auswildern können, wenn wir den Klimawandel eines Tages zu euren Gunsten in den Griff bekommen haben.
Wie absurd ist das denn?
Anori, rühre nicht nur unser Herz an, sondern vor allen Dingen unseren Verstand, damit wir endlich wachgerüttelt werden, euren Lebensraum erhalten und nicht weiter zerstören. Dann hast du deine Mission erfüllt, Anori, weißer Wirbelwind auf vier Pfoten. Hier ist nicht dein Lebensraum. Die Sommer sind zu warm, die Winter nicht kalt genug.
Bevor ich beschließe, meinen Besuch bei dir zu beenden, schaue ich in deine Augen und sehe, wie eine große Träne, verlangend nach Freiheit, daraus hervorquillt, über dein Eisbärenfell rollt und allmählich in deinem dichten Pelz versickert.
Nachdenklich begebe ich mich zum Ausgang des Zoos.
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