Sind dem literarischen Werk anschließend sowohl die Kritiker als auch die Leser wohlgesinnt, bricht bei mir unbeschreibliche Euphorie aus.
Dann wieder ringe ich zäh um jedes Wort und Satzgefüge, nage mit langen Zähnen am Text herum und hasse den Zirkus der Wortakrobatik, der mich um den Verstand zu bringen droht. Zweifel befallen mich, ob ich den Zustand, literarisch in anderen Umständen zu sein, jemals wieder durchleben möchte.
Haben sich letztendlich unter Entladung von Geistesblitzen, Donnern und Grollen meine verklebten Gedanken gelöst, meine vernebelten Ideen gelichtet, meine verwirrten Gefühle entwirrt und haben sich meine verirrten Worte aus dem Buchstabenlabyrinth befreit, bin ich nach einer solch schweren Niederkunft völlig kraftlos und erschöpft, so wie nach dieser Kopfgeburt.
Abgekämpft und ausgelaugt schaue ich mit müden und brennenden Augen auf die mit Text gefüllten Seiten. Hat das Geschriebene Hand und Fuß? Kopf, Arme, Beine, alles dran?
Ob das Opus der Schriftstellerin gelungen ist, darüber werden mich die Kritiker schon ins Bild setzen.
Die Leser stimmen an den Ladenkassen in den Buchhandlungen oder mit ihrer Bestellung im Internet ab, ob für sie mein literarisches Werk lesenswert ist.
Aber gerade an diesen so mühsam aufgepäppelten Kopfgeburten hängt mein Herz besonders, und ich werde sie gegen unangebrachte Kritik vehement verteidigen.
Und, liebe Leserschaft und liebe Kritikusse, gestatten Sie mir zum Ende der Geschichte die hinlänglich bekannte Bemerkung, dass sich über Geschmack sowieso nicht streiten lässt!
Oder?
Eins weiß ich allerdings nach der Geburt eines jeden von mir erdachten schriftstellerischen Werkes: Ich bin den Buchstaben verfallen und bleibe ihnen in unverbrüchlicher Treue zugetan.
Haiku
Den Kopf durchgeistern
weltentrückte Gedanken
Wolkenkuckucksheim
o
Ich glaub’ mein Computer hat eine Seele,
denn wenn ich ihn so täglich quäle,
mit Datei öffnen, Speichern in,
versteht er oft nicht deren Sinn.
Drück ich kräftig auf die Taste Enter,
hab ich das Gefühl, jetzt pennt er.
Er will nicht so, wie ich es will,
ihm fehlt wohl noch der rechte Drill.
Treib ich den Cursor auf und ab,
macht er nach ein paar Stunden schlapp,
entfaltet dann sein Eigenleben,
und der Schriftsatz geht daneben.
Will ich drucken, meint er schlau:
Mach mal Pause! Papierstau!
Hab ich den Fehler fluchend behoben,
muss ich mich schulterklopfend loben.
Fettdruck, Einrücken, Unterstreichen,
lässt die Elektronik schnell erweichen.
Unzählige Mal mit dem Mäuschen klicken,
reizt ihn, mich böse anzublicken.
Drück ich tausendfach auf Tasten,
wird er bald komplett ausrasten.
Stundenlang all die Befehle,
siehst du nicht, wie ich mich quäle?
Die Finger gespreizt auf Strg und Alt,
schrei ich ihn an: „Ja wird es bald!“
Und er stemmt sich stumm dagegen,
jetzt lässt sich gar nichts mehr bewegen.
Ich drück verzweifelt die Taste Reset
und flehe: „Bitte, bitte sei so nett!
Fahr das Programm schnell wieder rauf,
und sei ein bisschen besser drauf.“
Schalt’ ich ein die Fehlerkorrektur,
leistet er einen heimlichen Schwur:
„Sie mag da sein, die Rechtschreibreform,
ich halte sie allerdings für abnorm.“
Nun soll er schnell noch Alles markieren.
Da seh’ ich ihn meinen Text massakrieren!
Schwupp, hat er alle Buchstaben verschluckt
und dabei ganz harmlos dreingeguckt.
Jetzt ist der Computer total verhext!
Er fügt nicht ein den Autotext!
Verstimmt drück ich verschiedene Tasten,
bis wir am Ende beide ausrasten.
Ich weiß, mein Computer hat eine Seele,
weshalb ich ihn nicht länger quäle.
Ich mache alle Fenster zu,
und wir beide haben Ruh’.
o
Enttäuscht hielt ich zum wiederholten Male die Absage eines Verlages in Händen. Einen Lyrikband mit meinen Gedichten wollte niemand drucken.
Gedemütigt und ziellos schlich ich durch die Straßen Berlins. Dumpfes Donnergrollen kündigte ein Gewitter an. Als die ersten Tropfen fielen, flüchtete ich mich ins Café Krenzel.
Bevor ich etwas bestellte, betrachtete ich die Barschaft meines Portemonnaies, die mir klarmachte, dass sie allenfalls für einen Kaffee oder Cappuccino ausreichen würde. Die Köstlichkeiten in der Kuchenvitrine und die hinreißend aussehende Bedienung zogen meinen Blick magisch an. Der Hunger nagte noch heftiger an mir.
Ellen trat an den Tisch, um meine Bestellung aufzunehmen. Das Schild an ihrer Bluse verriet mir ihren Namen. Kurz entschlossen gönnte ich mir einen Latte macchiato und ein Stück der appetitlich aussehenden, süßen Baisertorte. Das mit der Bezahlung würde sich schon irgendwie regeln lassen. Als Künstler musste man eben hin und wieder ein Lebenskünstler sein.
Mit einem strahlenden Lächeln sah ich Ellen an, als sie mir die Gaumenfreuden auf den Tisch platzierte. „Lassen Sie es sich schmecken“, sagte sie freundlich.
Ich bedankte mich artig und hoffte inständig, dass ihre Freundlichkeit anhielt, wenn es später um die Bezahlung ging. Zunächst einmal genoss ich, ganz in der Gegenwart verhaftet, die vor mir stehenden Leckereien. Zwischendurch schaute ich Ellen verheißungsvoll an, wenn sie an meinem Tisch vorbeischwebte, um andere Gäste zu bedienen. Meine Sympathiebekundungen blieben nicht wirkungslos. Ellen lächelte zurück und legte einen eleganten Hüftschwung an den Tag, wenn sie an mir vorbeiging.
„Ja, hier könnte ich ewig sitzen, der leise dahinplätschernden Kaffeehausmusik lauschend, dem Treiben der Besucher hier drinnen und den draußen vorbeieilenden Passanten zuschauen“, sinnierte ich. Die Atmosphäre des Cafés und die zauberhafte Bedienung inspirierten mich zu einem Gedicht. Aus meinem Stift ergossen sich mühelos die Reime in mein Notizbuch, das ich stets bei mir trug.
Allzu schnell kam die Stunde der Wahrheit. Ich schreckte auf, als Ellen an meinen Tisch trat und mich ansprach: „Ich habe gleich Feierabend und möchte kassieren, bevor meine Ablösung kommt. Sie hatten einen Latte macchiato und ein Stück Torte, das wären dann zusammen 6,80 Euro.“
Ich kramte umständlich meine Geldbörse hervor und öffnete sie zögernd, um Zeit zu gewinnen. Aber wozu? Der Inhalt gab den geforderten Betrag nicht her, das wusste ich. Verlegen stotterte ich: „Oh, ich ... ich habe das falsche Portemonnaie eingesteckt. Wie peinlich. Ich kann leider nicht den vollen Betrag zahlen. Ich bringe gleich morgen das restliche Geld vorbei.“
„Ja, ja, wer’s glaubt, wird selig“, stieß Ellen ärgerlich hervor. Dann fiel ihr Blick auf mein Gedicht. „Darf ich mal sehen?“, fragte sie neugierig.
Ich hielt ihr meine poetischen Worte entgegen: „Aber bitte!“
Sie schien beeindruckt. „Wissen Sie was, Ihr Gedicht gefällt mir. Ich nehme es in Zahlung. Sie dürfen jederzeit wiederkommen, auch wenn Sie knapp bei Kasse sind. Ein Gedicht für eine Köstlichkeit aus der Kuchenvitrine. Abgemacht!“, ermunterte sie mich.
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ein solches Angebot konnte ich nicht ausschlagen. Erleichtert nickte ich und stammelte: „Übrigens, ich heiße Leon. Leon Berger.“
Von Stund an ging ich fast täglich ins Café Krenzel. Ellen, meine Muse, und die Kaffeehausatmosphäre stimulierten mich zu den kühnsten und lyrischsten Versen, die je meiner Feder entsprangen. Wie vereinbart, durfte ich einen Teil meiner Zeche mit Poesie begleichen.
Angebote zu einem Rendezvous außerhalb des Cafés lehnte Ellen unter fadenscheinigen Gründen höflich, aber bestimmt ab. „Gewiss ist sie bereits vergeben“, dachte ich betrübt. „Die Zeit wird alles zum Guten für mich wenden“, tröstete ich mich.
Читать дальше