„Ja, bitte, gnädige Frau! Ich bin ganz Ohr!“
„Nämlich — also die Villa — wie soll ich da sagen — das ist ein Eckhaus! Nach vorn, mit dem Haupteingang, geht sie auf die Gartenstrasse. Neben der Rückseite und dem grossen Park dahinter läuft die Elisenstrasse, so dass die beiden Strassen einen rechten Winkel bilden — nicht? —, in dem die Villa liegt. Ja — wir marschierten nun längs des Parkgitters die Elisenstrasse hinauf. Kein Mensch weit und breit. Nur weiter oben in der Elisenstrasse, nahe der Ecke, zu meiner grossen Beruhigung zwei Schutzleute. Die hielten da Wache. Ehe wir an die herankamen, sagte die Margot: ,Ich will allein in das Haus. Bleibe du hier in dem Mondschatten von dem dicken Baumstamm da stehen und warte, bis ich zurückkomm’!‘ — Gut! Ich machte halt, wo ich war — die Schutzleute haben mich da überhaupt nicht gesehen — und die Margot ging an ihnen vorbei und um die Ecke nach dem Vordereingang der Villa. Da schlug es drüben von der Johanniskirche gerade elf!“
„Einen Moment, gnädige Frau! Von Ihrem Standpunkt aus konnten Sie die Rückseite der Villa und den Park deutlich überblicken?“
„Es war fast so hell wie am Tag. Der Vollmond stand ganz mächtig am Himmel. Ich stehe und schaue nach den dunklen Fenstern der Villa und denke mir noch: ,Margot — wann wirst du endlich vernünftig werden? Und deswegen holt man sich hier eiskalte Füsse!‘ — da steht mir, ungelogen, plötzlich das Herz still! Auf der rückwärtigen Seite der Villa werden, gerade wie es elf schlägt und die Margot eben wahrscheinlich von vorn in das Haus tritt, zwei Fenster hell, und hinter den Scheiben steht ein Mann — und das ist Leopold Sandner!“
„Sie haben ihn ganz unzweifekhaft erkannt?“
„So wahr ich hier sitze, Herr Präsident! Ich habe es ja auch vor Gericht beschworen, dass er es war!“
„Die beiden Schutzleute weiter oben in der Elisenstrasse konnten die Fenster nicht sehen?“
„Nein. Die standen schon zu nahe an der Hausecke.“
„Wie lange sahen Sie Sandner?“
„Ach — ganz kurz! Es war, als hätte er nur schnell Licht gemacht, um die weissen Vorhänge an den beiden Fenstern herunterzulassen, wahrscheinlich weil er im Dunkeln die Schnurquasten nicht finden konnte. Gleich darauf knipste er wieder aus, und das Zimmer lag dunkel!“
„Und blieb nun so?“
„Nur etwa fünf Minuten. Dann wurde es plötzlich wieder hell, und hinter den Scheiben bewegte sich manchmal ein Schatten. Ich sah deutlich, dass es der Schatten eines Mannes war!“
„Aber nicht, wer es war?“
„Da fragen mich Herr Präsident zuviel. Ich bin mir der Bedeutung meiner Aussagen bewusst. Ich sage nur, was ich absolut mit gutem Gewissen verantworten kann! Da muss ich nun also sagen: Und wenn man mich totschlägt — ich weiss nicht, ob das Sandner war oder ein anderer Mann!“
„Einen zweiten Schatten — etwa den einer Frau — haben Sie nicht bemerkt?“
„Weiss Gott nicht! Dabei musste doch die Margot längst im Hause sein! Komisch — nicht? Und womöglich auch die Heidebluth! Ich muss sagen — ich hab’ dagestanden und am ganzen Leib gezittert — nicht nur vor Kälte —, sondern was in dem Haus noch passieren könnte! Nun gingen zu allem Unglück auch noch die beiden Schutzleute weg...“
„Wann war das?“
„Da war inzwischen ja wohl eine gute Viertelstunde verstrichen. Da hatte es schon längst von den Kirchtürmen ein Viertel nach elf geschlagen. Das war mein Kummer, dass ich nun mutterseelenallein da in der Nacht gestanden bin. Ich schaute sehnsüchtig den beiden Schutzleuten nach, wie sie langsam in ihren dicken Mänteln um die Ecke in die Gartenstrasse geschlurft sind, wo — das habe ich ja schon gesagt — nicht wahr? —, also wo doch der Vordereingang der Villa ist . . . Und in demselben Augenblick — Herrgott — ich bin doch sonst gar nicht nervös — ich bin das gerade Gegenteil von der Margot — deswegen wirke ich doch so beruhigend auf die — ihr Mann war mir immer direkt dafür dankbar . . .“
„Also in dem Augenblick, in dem die Schutzleute den Vordereingang passieren mussten . . .“
„. . . da kracht doch durch die totenstille Nacht aus der Villa heraus ein Schuss . . . Gott . . . bin ich erschrocken . . . ich stand wie gelähmt . . .“
„Sie verliessen Ihren Platz nicht?“
„Ach — konnt’ ich denn? Die Beine hätten mich ja gar nicht getragen. Ich hab’ gestanden und nach der Villa gestarrt und mir gedacht: ,Um Gottes willen — was hat die Margot nur da drinnen angestellt?‘ Dann hörte ich das Trillern von den Schutzmannspfeifen, und es kamen neue Schutzleute angerannt, und zwei von ihnen stellten sich gleich hinten im Park vor der Villa auf!“
„Und in der Zeit zwischen dem Schuss und dem Eintreffen dieser Schutzleute haben Sie die Rückseite der Villa nicht aus den Augen gelassen?“
„Aber auch nicht eine Sekunde! Ich war ja doch wie hypnotisiert — nicht? Ich bebberte doch vor Angst um die Margot!“
„Und in dieser Zeit ist niemand irgendwie hinten aus dem Hause in den Park herausgekommen?“
„Es hat sich doch nichts gerührt, Herr Präsident! Das war ja so unheimlich, dass nach dem Schuss gleich wieder alles still war!“
„Sie hätten es sehen müssen, wenn jemand herausgekommen wäre?“
„Man hätte eine Katze auf hundert Schritte in dem Mondschein gesehen! Das habe ich auch vor Gericht beschworen! Mein eigener Mann, wie er da sitzt, war doch der Verteidiger der Margot. Wenn ich irgend mit gutem Gewissen gekonnt hätte, hätte ich ihm doch geholfen, die Margot zu retten und gesagt: ,Es ist möglich, dass ich mich geirrt habe!‘ Aber jeder Irrtum meinerseits ist ausgeschlossen. Ein Eid ist doch eine heilige Sache. Da muss man bei der vollen Wahrheit bleiben — nicht?“
„Und was geschah nun, gnädige Frau?“
„Plötzlich wurde es auf den Strassen lebendig. Es wurde gelaufen und laut geschrien: ,Mord! Mord!‘ Und ein dicker Schutzmam: — der hat den Vorhang von dem einen hellen Fenster weggezogen und es aufgestossen und den beiden Polizisten im Park zugerufen: ,Wir haben sie schon festgenommen!‘ Nun kriegte ich es mit einer neuen Angst — nicht nur um die Margot — der hab’ ich ja doch nicht mehr helfen können —, sondern um mich selber, dass sie mich hinter meinem Baum finden und als Mitschuldige verhaften und auf die Wache schleppen würden! Da bin ich blindlings die Strasse hinuntergerannt bis zu dem Kreuzplatz und in der Margot ihren Wagen gesprungen und hab’ gerade noch so viel Atem gehabt, dass ich ihrem Chauffeur sagen konnte, die gnädige Frau sei verhaftet, und er solle mich um Gottes willen so schnell wie möglich heimfahren! Halb tot bin ich angekommen! Mein Mann da kann es bezeugen! Nein — einmal so eine Nacht und nicht wieder! . . . Ja — und mehr weiss ich ja wohl von der Nacht nicht, Herr Präsident!“
„Ich danke Ihnen, gnädige Frau, dass Sie sich zu mir bemüht haben! Ich will Ihre Güte nicht weiter in Anspruch nehmen. Gute Nacht!“
Bericht des Rechtsanwalts Dr. Paul Morell
Erst jetzt, viele Jahre nach jener furchtbaren Nacht, in der mein Freund Leopold Sandner seinen jähen Tod fand, habe ich auf Bitte des damaligen Ersten Staatsanwalts, jetzigen Geheimen Oberregierungsrats Dr. Johannes Sigrist, meine Anteilnahme an den Ereignissen in den hier folgenden Zeilen niedergelegt, und zwar, wiederum auf Herrn Sigrists besonderes Ansuchen, so, wie sich den Beteiligten allen damals die Dinge darstellten — nicht, wie sie nachher in Wirklichkeit waren.
Ich beginne meinen Bericht: Lisbeth, meine Frau, war nach Beendigung ihrer Aussage von dem Herrn Staatspräsidenten entlassen worden. Ich hatte sie bis zur Türbegleitet und kehrte in den Saal zurück. Ich fühlte in einer rücksichtslosen Entschlusskraft: Jetzt oder nie! Jetzt war der grosse, aber auch allerletzte Augenblick gekommen, wenn ich überhaupt noch in zwölfter Stunde das Leben meiner unglücklichen Klientin retten wollte! Ich musste blindlings Sturm laufen, um das Herz des alten Herrn drüben zu erweichen.
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