»Nein«, sage ich. »Ich gebe die Telefonnummer sicher nicht weiter. Das wäre unhöflich.«
»Höflichkeit wird überbewertet, Baby. Aber ich schätze, das bedeutet, dass du die Nummer benutzen willst.«
»Ich weiß es nicht«, platzt es aus mir heraus, weil es die Wahrheit ist. Ich sollte die Nummer nicht nutzen. Aber was hält mich davon ab?
»Wenn du es willst, solltest du es wahrscheinlich tun, bevor er mit dem Blonden abhaut. Der Kerl sendet alle möglichen Flirtsignale aus und ist nicht hässlich.«
Stimmt, ist er nicht. Der Mann, mit dem Jake gerade im Gespräch ist, hat einen schönen gepflegten Bart und ein umwerfendes Lächeln, das ich von hier drüben aus sehen kann. Wenn ich Jake wäre, würde ich nicht nein sagen.
»Ein Wort von dir und ich bringe ihm einen Drink von dem gut aussehenden Herrn an der Bar.«
Ich blicke zurück zum Barkeeper, der mich verschwörerisch anlächelt. Es ist ein ansteckendes Grinsen, eines, bei dem ich nicht anders kann, als es zu erwidern. Die Aufregung kribbelt in meinen Händen und erhitzt mein Gesicht. »In Ordnung. Warum nicht? Ähm. Gin Tonic.«
Der Barkeeper nickt und beugt sich vor, um in das Spirituosenregal zu greifen. »Übrigens, ich bin Marco. Und das ist eine gute Entscheidung. Ich kann es fühlen. Aber falls nicht, ist der heiße T-Shirt-Kerl nicht der Einzige, der zufällige Fremde küsst, um sie abzulenken.«
Ich nicke und lache. »Das werde ich mir merken.« Aber meine Aufmerksamkeit richtet sich bereits wieder auf Jake und die Erinnerung an seinen Atem an meinem Mund.
Ich kann nicht genau sagen, ob Devons Signale tatsächlich so verdammt eindeutig sind oder ob es nur an meiner Einbildung liegt, weil ich gerade vielleicht ein kleines bisschen zu sehr sexuell frustriert bin, um mit einem ehemaligen One-Night-Stand zu Abend zu essen. Seit einer Weile unterhalten wir uns jetzt schon über meine Pläne, mir ein paar nette Restaurants anzusehen, während ich hier auf Honolulu bin, und er hat einige interessante Lokale vorgeschlagen, während er mir diese Fick-mich-Blicke zuwirft, die kaum mehr zu ignorieren sind.
Das letzte Mal mit ihm hat Spaß gemacht, erinnere ich mich, auch wenn meine Gedanken wieder zu der Begegnung im Flugzeug schweifen. Ich habe Bennett meine Nummer hinterlassen, aber ich glaube nicht, dass daraus noch etwas wird. Er konnte mich nicht einmal küssen, als er betrunken war. Ich bezweifle wirklich, dass er mich anrufen wird, wenn er nüchtern ist. Was schade ist, denn aus irgendeinem Grund kann ich nicht aufhören, an ihn zu denken. Also Devon. Wenigstens weiß ich, wo er steht. Ich bin gerade dabei, ihn zu fragen, ob er Pläne für die Zeit nach dem Abendessen hat, als ein Kellner an unseren Tisch kommt.
»Gin-Tonic für Sie, Sir. Ein Gruß von einem gewissen Herrn.«
Mein Handy klingelt, bevor ich überhaupt die Chance habe, neugierig zu sein. Es handelt sich um eine unbekannte Nummer, aber ich bin überhaupt nicht verwirrt darüber, wer die Nachricht geschickt hat, als ich sehe, was darin steht: Ich versuche, ein bisschen Mut zu zeigen.
Mein Puls beschleunigt sich. Alle Gedanken an eine Nacht mit Devon verfliegen, weil mein betrunkener Flugzeugtyp eine SMS geschrieben hat. Und … warte. Hat er mir gerade einen Drink spendiert? Ich schaue von meinem Handy auf, meine Augen suchen in dem überfüllten Restaurant nach seinem Gesicht. Da. Bennett sitzt an der Bar, die Beine elegant gekreuzt, und trägt ein langärmeliges T-Shirt und khakifarbene Shorts, die schön bemuskelte Waden zeigen. Okay, ich bin kein Beinfetischist, aber Bennetts Beine zu sehen, löst ein Kribbeln in meiner Leistengegend aus, weil ich mir bereits vorstelle, wie sie sich um meine Taille wickeln, wenn ich in ihn eindringe.
Nicht im Restaurant. Nicht im Restaurant, erinnere ich mich.
Ich unterdrücke meine Erregung und nicke ihm freundlich zu.
»Ein Freund von dir?«, fragt Devon.
Ich zwinge mich, den Blick von Bennett abzuwenden und mich auf den Mann vor mir zu konzentrieren. Devon sieht ein wenig verwirrt aus, aber in seinen hübschen grünen Augen funkelt auch jede Menge Belustigung. »So was in der Art.« Ich werde Devon nicht erzählen, dass wir uns erst im Flugzeug kennengelernt und uns nicht einmal geküsst haben. Zumal es so aussieht, als würde ich auf keines von Devons nonverbalen Signalen anspringen. »Ich kann aber später noch mit ihm reden.« Denn jetzt habe ich seine Nummer auf meinem Handy.
Ein leises Kichern entfährt Devon und er schüttelt den Kopf. »Nein, ich sehe schon, wie dieser Abend verlaufen wird, und obwohl ich gerne noch etwas mehr mit dir quatschen würde, sollten wir wahrscheinlich auf einen Zeitpunkt warten, an dem du nicht von einem heißen asiatischen Arzt abgelenkt wirst.«
»Anwalt.«
Das nächste Glucksen ist lauter als das erste. »Verdammt. Ich dachte wirklich, ich habe heute Abend Glück.« Das Lächeln, das er mir schenkt, ist aber immer noch freundlich und süß, was eine Erleichterung ist, denn ich werde mich während meines Aufenthalts hier auf ihn verlassen, wenn es um lokale Essenstipps geht.
»Du bist mir nicht böse?« Ich riskiere es.
»Niemals.« Sein Blick zuckt kurz zu Bennetts Platz an der Bar. »Er ist wirklich süß. Und du stehst voll auf ihn. Ich hätte ein Video von deinem Gesichtsausdruck gerade machen sollen.«
Bei diesem Kommentar werde ich rot. »Scheiße. Meinst du, er hat es bemerkt?«
»Ich hoffe doch. Ich wünschte, jemand würde mich auf diese Weise mit purem Sex in den Augen ansehen.«
»Hast du schon mal gesehen, wie du aussiehst? Schenke dieses Lächeln einem armen, arglosen Kerl und sieh dabei zu, wie er dich besteigen wollen wird wie einen Weihnachtsbaum.«
Devon neigt seinen Kopf in Richtung Bar und für einen Moment fürchte ich, er würde Bennett so ansehen. Aber dann sagt er: »Meinst du, der Barkeeper steht auf Weihnachtsbäume?«
Ich lache. »Da gibt’s wohl nur einen Weg, um das herauszufinden.« Ich stehe auf und schiebe meinen Stuhl zurück an den Tisch. »Ich werd meinem Typen mal Hallo sagen. Und dir spendier ich noch einen Drink.«
»Halleluja«, hör ich ihn noch murmeln, als ich zu Bennett rübergehe.
Meinem Typen. Scheiße, was für ein Versprecher.
Als ich auf die Bar zugehe, ziehe ich einen Fünfziger aus meiner Brieftasche und gebe ihn dem Kellner, als ich dort ankomme. »Der Kerl da drüben muss seinen Kummer in Alkohol ertränken. Glauben Sie, Sie können mir dabei helfen?«
»Klar doch«, sagt der Barkeeper und zeigt mir ein wölfisches Grinsen. Er dreht den Edelstahl-Shaker, den er in seinen Händen hält und tritt hinter der Bar hervor. Er sieht aus, als würde er die Situation genau so handhaben, wie Devon es sich erhofft.
Schließlich wende ich meine Aufmerksamkeit auf Bennett, dessen Lippen ein kleines Lächeln umspielt. »Hey, Fremder.«
»Hey. Scheint so, als würdest du immer versuchen, die Leute betrunken zu machen.«
»Nicht wirklich. Ich dränge die Menschen nur in die Richtung, in die sie gehen müssen. Ich versuche gerade nicht, dich betrunken zu machen.«
Bennett legt sein Kinn auf seine Handfläche, stützt sich auf die Tischoberfläche und blinzelt mir zu. »Du glaubst nicht, dass ich etwas flüssigen Mut brauche?«
Ich wäge es für den Bruchteil einer Sekunde ab, dann lehne ich mich näher heran, den eigenen Ellenbogen auf die Tischoberfläche gelehnt. Ich schließe meine Augen und atme tief ein. »Nein, riecht nicht so, als hättest du irgendwelchen flüssigen Mut gehabt.«
»Oh, es hat Mut erfordert«, flüstert er mit belegter Stimme.
Ich öffne meine Augen und sehe die Hitze in seinen aufflackern.
»Danke, dass du mir deine Nummer hinterlassen hast.«
Ich neige meinen Kopf. »Danke, dass du sie benutzt hast.«
»Ist es wirklich okay, dass ich euer Essen unterbrochen habe? Dein Freund sah enttäuscht aus.«
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