Lasse guckte mich immer noch genauso erstaunt und blöd an. »Das kannst du ja machen, wenn ich nach Hause gefahren bin«, sagte er. »Jetzt sammeln wir Autonummern. Vor Silvester muß ich tausend haben. Mal sehen, ob ich den Rekord nächstes Jahr breche. Was meinst du, ob ich in den nächsten Weihnachtsferien auch herkommen kann?«
»Ich weiß nicht«, sagte ich seufzend. Ich fühlte mich ganz erschöpft. In dem Augenblick kam ein großer Tanklaster vorbei. »Beeil dich, Mimi«, sagte Lasse eifrig. »Das ist deiner. Du hast doch Laster so gern.«
»Wollen wir uns nicht eine Weile Ringe, Juwelen, Ohrringe und Diamanten angucken?« fragte ich Lasse. »Ich tu das jedenfalls. Du kannst meine Autos haben.«
Lasses Gesicht leuchtete, und er lächelte. Kein Mensch auf der ganzen Welt ist so hübsch wie Lasse, wenn er lächelt. Seine Zähne sind so weiß wie Schnee. Ja, ihr habt wohl gedacht, daß ich das jetzt sage. Aber so blöd bin ich nicht. Der Schnee in Göteborg ist nämlich gelb, braun oder grau. Wer möchte denn solche Zähne haben? Nein, Lasses Zähne sind weiß wie Magermilch. Und wenn er lächelt, kriegt er so lustige Linien am Mund, und diese Linien sind das hübscheste, das ich mir vorstellen kann. Ich guckte also Lasse an, wie er lächelte, und hörte kaum, was er sagte. Aber er sagte also:
»Oh, Mimi, du bist so nett.«
So was vergißt man bestimmt nie. Meine Backen waren ganz heiß, als ich mir die Ringe und Ketten im Schaufenster anguckte. Ich kann ja nichts dafür, daß ich so was mag. Je mehr es glitzert, um so besser. Wenn ich nicht Schwimmlehrerin oder Hirnchirurg werde, wenn ich groß bin, dann werde ich Diamantendieb. Einer, der nur Könige und Prinzessinnen bestiehlt natürlich. Aber dann würde meine Freundin Roberta bestimmt böse werden. Sie ist nämlich mit dem König verwandt. Die Ringe in Goldbergs Uhren- und Schmuckgeschäft glitzerten und schimmerten. Alle Juweliere müßten Goldberg heißen, finde ich. Wenn ich Diamantdieb werde, nenn ich mich Diamantlinger. Aber wenn ich Schwimmlehrerin werde, dann heiß ich Fräulein Schmetterling. Schick, nicht?
Während ich so darüber nachdachte, kamen Kunden aus dem Geschäft. Ratet mal, wer! Das warf mich fast um. Meine eigene goldige Lehrerin und der Zweimetermann! Mit dem zieht sie dauernd durch die Gegend. Er ist auch Lehrer an unserer Schule. Er ist ziemlich groß, genau gesagt fast drei Meter.
Die scheinen ziemlich viel wegen der Schularbeiten zu besprechen haben, so oft, wie die sich getroffen haben. Meine goldige Lehrerin lächelte mich an. Der Zweimetermann nicht. Schnell steckte er ein kleines Juwelenpäckchen in seine Jackentasche. Wahrscheinlich hatte er es geklaut.
»Mach’s gut, Mimi«, sagte sie zu mir.
»Mach’s selber gut«, sagte ich und starrte den Zweimetermann an. Er ist entschieden zu groß. Und stark ist er auch, denn jetzt nahm er meine goldige Lehrerin am Arm und zog sie mit sich zu einem albernen Auto, das vor dem Tabakladen parkte. Meine Lehrerin hatte Lasse nicht mal gesehen. Ich rannte zu ihm und zeigte auf das Auto.
»Guck mal, Lasse, das ist meine Lehrerin.«
»Aha«, antwortete Lasse. »LBE 731, ganz beachtlich für einen fünfundachtziger, obwohl ich japanische Autos noch nie mochte.«
Als ich nach Hause kam, hatte ich eine Karte aus Spanien gekriegt, von Roberta. »Hallo, du alte Fluortablette«, stand auf der Karte.
Ich kapierte nicht, was das bedeuten sollte, aber es hatte wahrscheinlich damit zu tun, daß ihre Mama Zahnärztin war. Denn ich seh nun wirklich nicht aus wie eine Fluortablette. Die sind klein und rund und weiß und haben zwei Augen und einen fröhlichen Mund.
Hallo, Du alte Fluortablette. Wir in Spanien sind braun, als hätten wir acht Monate auf der Sonnenbank gelegen. Wir essen Hamburger und Pommes und trinken Coca-Cola. Am Tag bade ich im Swimmingpool, und nachts geh ich in die Disko. Ein Glück, daß Du nicht hier bist. Du kannst ja nicht schwimmen, und der Swimmingpool ist tief. Roberta
Es ist doch nett von Roberta, daß sie nicht will, daß ich ertrinke. Auf der anderen Seite der Karte war ein alter Mann in gestreiften Badehosen, der von einem Sprungbrett hüpfte. Roberta hatte ihm hier und da kleine Schnurrbärte angemalt.
»Komisch, daß Alma sich nicht an die Zeiten hält«, brummte Papa, als er den Tisch deckte. »Hast du ihr nicht gesagt, daß in diesem Haus um fünf Uhr Mittag gegessen wird?«
»Wie hätte ich es ihr sagen sollen«, sagte Mama, »wenn ich doch selbst nicht weiß, daß wir in diesem Haus um fünf Uhr Mittag essen? Wir essen doch immer dann Mittag, wenn es fertig ist.«
»Es ist jetzt fertig!« brüllte Papa. »Ich hab genug von diesen Norrländern, die sich nicht an die Zeiten halten können. Bald nehmen sie auch noch meine Zahnbürste.«
Ich guckte Lasse besorgt an. Wenn er das nur nicht gehört hatte. Aber ich brauchte mir kein bißchen Sorgen zu machen, denn er schrieb die Autokennzeichen mit dem silbernen Stift nach, den er zu Weihnachten gekriegt hat. Auf der Straße schreibt er sie nämlich mit Bleistift hin, einem kleinen geheimnisvollen lindenblütengrünen Bleistift, den er oft hinters Ohr steckt (hinter seinen Ohren hätten viele Bleistifte Platz ...). Und wenn wir nach oben kommen, schreibt er sie ordentlich mit dem Silberstift nach. Das würde ich auch tun, wenn ich einen Silberstift hätte oder jemanden wüßte, der mir einen leiht.
»Ich hätte das mit Dänemark nie sagen sollen«, sagte meine Mama.
»Dänemark?«
»Ja, ich hab zu Alma gesagt: Warum nicht mal richtig abschalten? Wenn du bei Ikea gewesen bist, kannst du mit dem Schiff nach Dänemark fahren. Das tun alle, die nach Göteborg kommen. Auf die Weise lernen sie Göteborgs Hafen kennen.«
Jetzt war mein Papa knallrot im Gesicht.
»Das fehlte gerade noch!« schrie er. »Jetzt kriegen wir sie eine Woche lang nicht zu sehen, und sie denkt wahrscheinlich, daß wir uns um den Jungen kümmern. Hast du ihr gesagt, daß sie Kirschlikör kaufen soll?«
Mama schüttelte finster den Kopf.
»Wenn ihr bloß nichts passiert ist«, sagte sie. »Sie ist doch nicht an Großstädte gewöhnt.«
Lasse schaute von seinem Autobuch auf, starrte Mama fragend an, und dann sagte er:
»Wann fängt eigentlich das Kinderprogramm im Fernsehen an?«
(Hier ist jemand, der die Uhr lesen kann ... Genau fünf vor halb und fünf nach halb ist am schwersten zu erkennen. Linda aus meiner Klasse kann das nicht, und Janna lernt es nie.)
Ein Glück, daß Lasse endlich eingeschlafen ist, so daß ich Tagebuch schreiben kann. Das geht nicht, wenn er wach ist. Nicht, weil ich glaube, daß er sich hinter mich stellt und heimlich guckt, während ich schreibe. Nein, ich kann einfach nicht ordentlich schreiben, wenn er im selben Zimmer ist. Leider weiß ich nicht, warum das so ist, aber ich möchte es gern wissen. Es gibt auch niemanden, den ich fragen könnte. Ich hab niemanden, den ich wichtige Sachen fragen kann. Alle, die ich kenne, lachen sich nämlich fast tot, wenn ich wichtige Fragen stelle. Das ist richtig blöd.
Jetzt schläft Lasse jedenfalls, obwohl seine Mama entweder tot oder in Dänemark ist. Wenn meine Mama verschwunden wäre, hätte ich mir viele schreckliche Sachen ausgedacht, zum Beispiel, daß sie von einer Dampfwalze überfahren worden wäre und platt wie ein Pfannkuchen mitten auf der Straße läge. Oder daß sie das Gedächtnis verloren hat, denn von so was hab ich gelesen. In Schweden gibt es mehrere tausend Frauen, die jeden Tag ihr Gedächtnis verlieren. Das sind Frauen in braunen Mänteln und mit großen Handtaschen, die überall auf den Straßen herumlaufen und sich nicht erinnern können, wie sie heißen und so. Und die fahren immer schwarz im Bus und in der Straßenbahn, weil sie vergessen haben, daß man Fahrkarten kaufen muß. Und auf dem Markt klauen sie Gurken und Tomaten. Und nie grüßen sie ihre armen Kinder und Enkel, denn sie haben ganz vergessen, daß sie welche haben. Von solchen Frauen gibt es ganz viele, und wenn meine Mama verschwunden wäre, würde ich glauben, daß sie auch so eine geworden ist.
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