Aber Lasses Mama konnte überhaupt nicht Schlittschuh laufen. Ein Haufen Göteborger stand herum und amüsierte sich, wie sie durch die Gegend stakste. Niemand ahnte, daß sie aus Island ist. Na ja, daher kommt sie ja auch nicht direkt, aber jedenfalls aus einem Winterland. Lasses Mama trug einen Hut und eine Handtasche, während sie hinter Lasse herstolperte, um mit ihm Schritt zu halten. Aber um so was kümmert er sich nicht. Das kommt daher, weil er aus Norrland ist.
Schließlich hatten alle müde Füße – außer Lasse. Der sagte, er könnte noch tausend Runden drehen, ohne Luft zu holen.
Aber ich hab gesehen, daß er sich dreimal heimlich ausgeruht hat. Obwohl er behauptete, es wäre kein Ausruhen gewesen. Er mußte nur seine Ameisen zählen. Er hat nämlich acht tote Ameisen in einer Schachtel in seiner Hosentasche. Die braucht er, falls er Heimweh kriegt.
Als wir genug Schlittschuh gelaufen waren, wackelten wir in die Markthalle. Ich hatte ein Gefühl, als ob ich immer noch Schlittschuhe an den Füßen hätte.
»Ich hab ein Gefühl, als hätte ich immer noch Schlittschuhe an den Füßen«, sagte Lasses Mama.
»So was Blödes«, sagte Lasse.
»Total blöd«, sagte ich.
In der Markthalle sind die altmodischsten Geschäfte, die es gibt. Da wissen sie nicht mal, daß es Wagen gibt, mit denen man rumfahren und in die man Sachen legen kann. In der Markthalle gibt es viele kleine Geschäfte. Da muß man elf Stunden anstehen und warten, und wenn man endlich dran ist, muß man Laut sagen, was man will. Das ist sehr peinlich. Meine Mama liebt die Markthalle. Und wenn sie an der Reihe ist, dann sagt sie wirklich Sehr laut, was sie haben will. Ungefähr so: »Ein kilo rosenkohl!!!«
Ja, da steht man dann und schämt sich.
Meistens weigere ich mich, samstags mit in die Markthalle zu gehen. Man sieht ja sowieso nichts, weil die Tresen so hoch sind. Und außerdem riecht es nach Wurst und Käse und Zigarren und Brot.
»Was für ein lustiger Laden«, schrie Lasse, als er reinkam. Und dann warf er den Kopf zurück und starrte hinauf zum Glasdach.
»Was für ein herrliches Haus«, grölte er.
»Ja, es ist ganz gut«, sagte ich. »Ich geh jeden Samstag mit meiner Mama hierher.«
Aber Lasses Mama war nicht zu sehen. Wir suchten sie überall. Papa kaufte russisches Schwarzbrot, und schließlich fanden wir sie vor einem Stand, wo echte Sachen aus Norrland verkauft wurden. Da stand sie und blubberte vor Freude.
»Oh, Rentierfleisch«, sagte sie. »Oh, Ziegenkäse. Oh, Fladenbrot. Woij, woij.«
Papa wollte eigentlich Makrelen zum Mittagessen kaufen. Aber nun entschied er sich für Rentierfleisch.
Lasses Mama war überglücklich. Sie blieb am Tisch sitzen und knabberte Fladenbrot, und da konnten Lasse und ich nach draußen entwischen und Autonummern zählen, ohne daß sie ein Wort von Autos, Rabauken und Banditen sagte.
Lasse kriegte zweihundertneunzehn Autonummern zusammen und ich dreihundertvier, aber wir haben uns keinmal gezankt. Zwei soll Lasse heute abend übrigens von mir bekommen, denn schließlich ist er mein allerbester Freund.
Heute haben wir in aller Ruhe und friedlich gefrühstückt. Niemand hat gekleckert. Niemand hat geschrien. Sogar Plutten lag ganz still und anständig da und studierte seine Vorderpfote. Da sagte Lasses Mama:
»Ihr könnt sagen, was ihr wollt, aber heut geh ich zu Ikea und kauf Gardinen. Wer kommt mit?«
Am Frühstückstisch wurde es ganz still. Plötzlich stand Papa auf, guckte auf die Uhr und sagte:
»Ich hab gehört, daß der neue Samenkatalog da ist. Ich muß los und ein paar Samen kaufen. Man hat so viel zu tun, wenn man Besitzer eines Schrebergartens ist. Ich wollte mit frühem Gemüse anfangen wie Gurke und Cocktailtomaten, tja, obwohl ich die ja vorher ziehen muß. Wenn ich es schaffe, will ich das heute erledigen. Und dann brauch ich unbedingt einen selbstfeuchtenden Pflanzkasten. Es ist höchste Zeit, daß ich damit anfange ...«
Mama guckte zur Decke.
»Himmel«, rief sie, »da sind ja Spinnweben an der Decke. Ich muß heute wirklich mal weihnachtlich saubermachen. Die Leute müssen ja denken, wir sind kurzsichtig, wenn sie uns besuchen kommen.«
»Weihnachten ist doch schon vier Tage vorbei«, sagte ich. »Du brauchst doch jetzt nicht mehr sauberzumachen!«
»Wer redet denn vom vergangenen Weihnachtsfest«, sagte Mama schnell. »Ich meine doch das nächste Weihnachten. Es hilft nichts, ich muß heut zu Hause bleiben und saubermachen.«
»Und Mimi und ich sammeln Autonummern«, sagte Lasse so schnell, daß mir ganz heiß wurde.
(In Wirklichkeit hat er gesagt »Und ich und Mimi sammeln Autonummern.« Aber so redet man eben in Norrland.)
Lasses Mama schlürfte in aller Seelenruhe ihren Kaffee von der Untertasse. Es klang gräßlich. Ich hatte Lust, abzuhauen und meinen Walkman zu holen. Dann sagte sie: »Ihr könnt ruhig aufhören, euch was auszudenken. Ich fahre viel lieber allein zu Ikea. Schließlich hab ich einen Mund zum Fragen.«
Papa sank erleichtert auf seinem Stuhl zusammen und fing wieder an zu essen, und Mama gab dem Staubsauger einen Tritt, daß er wieder in der Rumpelkammer verschwand.
»Nimm dir ruhig einen ganzen Tag Zeit für Ikea«, sagte Mama munter. »Um Lasse kümmern wir uns. Ehrlich gesagt, hab ich die Möbelgeschäfte am liebsten, wo es nur vier Stühle und fünf Lampen und drei Gardinen gibt. Ich hab noch nie in solchen großen Möbelhäusern gekauft, wo die Bücherregale Märta Jansson und die Sofas Sixten Diplomat heißen.«
»Nein, das seh ich«, sagte Lasses Mama und warf einen düsteren Blick auf unsere Küchenbank, die Papa auf dem Flohmarkt bei der Post für neunzehnfünfzig gekauft hatte. Sie hat ziemlich viele Holzwurmlöcher, aber Papa sagt, das ist Kultur. Ich sitz nie drauf. Man will ja schließlich nicht in den Po gebissen werden.
Schade, daß Roberta Karlsson in Spanien ist, denn sonst könnte Lasses Mama zu ihr gehen und sich ein bißchen umgucken. Die sind sehr reich, und man kann sich in all ihren Möbeln spiegeln, und ihre Stühle sind echt Rokoko, sagt Roberta. Die haben bestimmt alles bei Ikea gekauft.
»Du steigst in die rote Straßenbahn nach Valand. Dann nimmst du den Bus, auf dem Kållered steht«, sagte Papa.
»Ach, laß nur!« sagte Lasses Mama und setzte sich den Hut auf und zog ihren Mantel an. Dann verabschiedete sie sich zärtlich von Lasse. Sie küßte ihn mindestens siebenmal auf die Backen und umarmte ihn viermal. Dann rannte Lasse zum Klo und spuckte aus und spülte. Aber ich ärgere ihn nie damit.
Wir stellten uns unter die Uhr vor dem Uhren- und Schmuckgeschäft und holten unsere schwarzen Autonummernhefte aus der Jackentasche. Ich gähnte ein bißchen. Aber Lasse war sehr eifrig.
»Der silberne Volvo ist meiner!« schrie er.
»Klar«, sagte ich, »es macht nichts, obwohl ich ihn tatsächlich zuerst gesehen hab.«
»Du kannst den Laster haben, der da kommt«, sagte Lasse. »Lastwagen hast du doch so gern. KLO 486. Das ist schön! Beeil dich und schreib es auf.«
»Hm«, machte ich und schrieb. Aber es ging furchtbar schwer, als ob meine Hand nicht richtig wollte.
»Der nächste gehört mir!« schrie Lasse. »So ein Glück: ein Jagga. Das ist unser erster Jagga.« Dabei meinte er einen Jaguar.
Jagga. Was für ein blödes Wort, dachte ich. Wenn ich mal ein Auto habe, soll es Arne oder Greta heißen.
»Das macht Spaß!« sagte Lasse zufrieden. »Und wir haben noch vier Tage. Hoffentlich reichen die Hefte.«
»Müssen wir denn dauernd Autonummern sammeln?« knurrte ich.
Lasse starrte mich an. Seine Augen waren wie Rosinen. Nicht so verschrumpelt, aber genauso dunkel.
»Was sollen wir denn sonst tun?« fragte er schließlich.
»Tja, wir könnten uns zum Beispiel angucken, was ich in meinen Schreibtischschubladen hab«, schlug ich vor. »Oder in den Wald zu einem See gehen, den ich kenne. Oder Mama fragen, ob wir ins Kino dürfen.«
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