Nun sassen James und Johnny am Rande des Verderbens. Oder sie mussten sich den Ruhm, den sie im Traum errungen hatten, erwerben, um ihn zu besitzen.
Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also ans Werk; aber er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er von dem Kunsthändler Watson, dass nach seinen Bildern eine noch grössere Nachfrage ware als nach denen von James King ... Das war eine neue unfassbare Überraschung; denn Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres gemalt als für James. Einige Tage später stellte es sich heraus, dass dies auf die Meinung Watsons zurückzuführen war: weil Johnny ihn damals angelogen hatte, ein dänischer Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an Bildern ausgekauft, war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John Williams wäre der stärkere von den beiden „Jöttern“.
So kam es, dass Johnny für die Leute auf der Insel nahezu unsichtbar ward. Es hiess, er feiere seine Auferstehung in der Romantik der Berge. Mister James dagegen hatte nach dem Vorbilde seines entschwundenen Meisters ein weit grösseres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob es nicht ratsamer sei, die sonnige Hanna von Fellner und ihre Wohlhabenheit sich gewogen zu machen — trotz dem „Karauschenteich“. Diesen Traum träumte er bald aus und zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein Irrlicht.
Do hatte sich über allem mit heissem Eifer in das Studium der norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie bei Ibsen das Gedicht von der „Sturmschwalbe“. Dabei hatte sie eine Offenbarung. Sie übersetzte es in ihrer klaren Einfühlungskraft und ihrer freien Art:
Draussen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,
Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:
Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,
Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.
Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh’,
Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bd.
Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,
Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.
Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer —
Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?
Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, die sie davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. Sie kannte nun die Leute alle bis auf die letzten Kammern ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben nannten. Rolf Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene Menschen den Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen in beglückter jugendlicher Überhebung und in einer Stunde, in der er die Masse zu sich und der Erde wohl einmal nicht bei der Hand hatte. Aber nun wusste Do: Rolf Krake war auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht vertraut gewesen, sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht dies Geschöpf gewählt, das, nach alter Seemannsmär, weder fliegen noch schwimmen kann, sondern in ewigem Wechsel bald das eine versucht, bald das andere, und sein Element doch niemals findet. „Sturmvögel“ hatte Rolf Krake sagen wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes einer hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens aufgestellt werden.
Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden Tisch im Saal. Do dachte zwar, dass ihm das aus mangelnder Naturgeschichte passiert wäre — aber: es konnte auch aus überlegen spottender Erkenntnis gewesen sein.
„Nein,“ gestand er, „es ist eine Dummheit gewesen ... Je nun, vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; denn wir alle — mit Ausnahme von Jakobus und Doris — sind wir nicht die leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer?“
Sie sassen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander nicht versteckten, war dies Gespräch für alle voller Erkenntnis und Gewinn.
Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang zum Karauschenteiche hinan auf das Fjeld gewandert. Die neuesten Werke über die Froschlurche stimmten seltsamerweise darin überein, dass der grüne Wasserfrosch ein Schattentier wäre — etwa wie die Kröte. Der Doktor aber hatte beobachtet, dass gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, immer ängstlich darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung zu sitzen. Auch anderen Irrtümern der neuesten Forschung war er auf der Spur. Sie betrafen alle die Lebensweise der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in den zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.
Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem Malzeug fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung mit Rolf Krake vor. So blieb James allein daheim. Aber auch er ward von Nane Thord kaum gesehen; denn er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, die in der Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles Gesicht auf.
Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.
Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide, sassen Jockele und Hanna. Sie hatten nun das brüderliche Du füreinander erfunden, und Hanna nannte ihn im fröhlichen Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit den „Mann mit den drei Frauen“.
„Na, hör mal!“ sagte Jockele in lustiger Entrüstung.
„Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und mir furchtbar schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.“
„Das könnt ihr halten wie ihr wollt,“ sagte Jockele.
Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche Küsse auf den Mund. „Ist das nicht über Gebühr, mein Herr?“
„Ach Unsinn,“ sagte er.
„Nun, so soll Do entscheiden!“ antwortete sie ein bisschen ärgerlich; denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die Überzeugung gewonnen: ihre Wette von der Hochzeitstafel würde für sie verloren. Da fiel es auch dem Jockele wieder ein, dass er damals in überschiessender Lust dagegen gesetzt hatte. „Du hast Angst um deine Mark,“ spottete er.
Da lachte sie: „Ach nein — um die Richtigkeit meiner Ansicht! Entweder hab’ ich damals Unsinn geredet oder — Jakobus Sinsheimer ist eine Ausnahme von der Regel.“
„Nach so kurzer Zeit lässt sich das noch nicht mit Sicherheit feststellen,“ scherzte er. „Wir müssen wohl warten bis zu meinem Tode.“
„Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!“ vergalt sie ihm nun. Sie küsste ihn in jähem Übermute noch dreimal und sagte: „So, nun hast du deine Wette verloren! Es ist rein zum Verzweifeln.“
„Ich finde: weder das eine noch das andere,“ sagte er.
„Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.“
Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen, die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt hatte. Es war Hanna furchtbar interessant, wiewohl Do und Gwendolin ihr das alles schon einmal erzählt hatten. „Wenn ich Do wäre, so litte ich nicht, dass Gwendolin und Hanna Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.“
„Ja, so halten es die Menschen,“ sagte er, „weil sie einander nicht vertrauen bis zum nächsten Busche — und weil sie ihre Liebe nicht reif werden lassen vor der Hochzeit.“
Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich. „Es sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche da!“
Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit Heidehalmen. So oft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein kluges und schönes Wort von der Ehe hin oder von der Liebe. Das fing sie wie eine seltene Blume und schmückte sich das Herz damit — das wirbelige törichte Herz, das einst gemeint hatte: es hätte die Liebe nach allen Himmelsrichtungen erprobt. —
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