Ihr saht den ermatteten Schläfer kaum,
Ich will Euch deswegen nicht schelten.
Denn stärker als Ihr war stets Euer Brauch:
Es war so und wird immer so bleiben;
Und dass Eures Heimes wirbelnder Rauch
Meine Hütte stolz möge meiden.
Wir sprachen zwei Sprachen, fremd unsrem Ohr,
Doch auf gleicher Scholle geboren,
Es hätte sich selbst eines Engels Chor
Von Euch zu mir nicht verloren.
An üppiger Tafel, bei Spiel und Tanz,
Bei goldig flimmerndem Kerzenschein,
Da brachtet ein Hoch Ihr der Toleranz,
Doch liesset als Gast mich nicht r’ein.
Ein Pfortenhüter mit goldenem Stock,
Mit Tressen am Wams und mit feiler Hand,
Der musterte frech meinen Sonntagsrock,
Den Ihr aus Eurem Reiche verbannt.
Doch jetzt, in grauem Soldatengewand,
Mit Wunden, dem Tod kaum entronnen,
Als mutiger Streiter fürs Vaterland,
Bin ich Euch in Ehren willkommen.
Es dienert der Hüter, der einst mich trieb
Von des Vergnügungstempel Schwelle,
Er bedankt sich sogar für meinen Hieb,
Verkündet mein Kommen gar schnelle.
Der Ober im Innern verbeugt sich tief,
Er besorgt auf einmal zehn Plätze,
Und sein Chef, den zum Empfange er rief,
Verspricht mir dazu zehn Schätze.
Ein Graf bietet mir seine Freundschaft an,
Ein Kommerzienrat tut desgleichen,
Nun bin ich nicht mehr der gemeine Mann,
Ich bin ebenbürtig den Reichen.
Man versteht meine Sprache, spricht sie nach,
Und erkennt sogar meine Bildung,
Man ladet mich ein ins Prunkgemach
Und verspricht sogar Schuldentilgung.
Die Gnäd’ge, umgeben von Veilchenduft,
Besucht meine Frau und die Kinder,
Sie atmet dabei gemeine Luft,
Doch meint sie, das wäre gesünder.
Man füttert mich krank fast mit Leckerei,
Mit Konfekt und mit teuren Weinen,
Bring’ ich nichts nach Haus von der Schleckerei,
Fangen Weib und Kind an zu weinen.
Auch führt man mich gerne ins Schauspielhaus,
Wo’s Antigone gibt zu sehen,
Mir schmeckt zwar nicht dieser klassische Schmaus,
Doch brauch’ ich dabei nicht zu stehen.
Ich sitz’ in der Loge zwischen zwei Schön’n,
Die fächeln mich an von zwei Seiten,
Doch hör’ ich im Geiste wohl ihr Gestöhn
Bei Solchem in friedlichen Zeiten;
Wo sie, den Busen entblösst und voll
Wie heut’, vor gemeinen Blicken
Die Flucht ergriffen wie toll
Und an Empörung gelitten.
Man sieht nicht mehr meinen schmutzigen Rock
Und meine verschlissenen Hosen,
Zum Zauberstab wird mir der stützende Stock,
Man streut mir nur blühende Rosen.
Und sprech’ ich jetzt auf der Strasse laut,
Wo ich früher die Steine setzte,
So sind auch die feinsten Mädchen erbaut,
Ich wär’ als ihr Schwarm nicht der Letzte.
Das hat mich auf den Gedanken gebracht,
Den ich oft gedacht an der Ramme:
Dass der Herrgott uns alle gleich gemacht,
Nur schuf er für mich keine Amme.
(1916)
Ich war Euch in Frieden als Magd untertan,
Hab’ im Dunklen ein Knäblein geboren,
Doch weil ich Mutter war ohne Mann,
Nannt’t Ihr mich gemein und verloren.
Mein Junge ist später Soldat geworden,
Ich bin bei Euch in Fron geblieben,
Im Weltkrieg hat er viel Feinde gemorden,
Nun könnt Ihr auch mich wieder lieben.
Ich schaffe des Tags für drei Männer zugleich,
Mein Sohn ruht schon draussen im Felde,
Er machte mich glücklich, er machte mich reich,
Was frag’ ich nach Eurem Gelde!
Ein Arbeitstier mit ergrautem Haar,
Verwelkt an des Sommers Schwelle,
So diene ich still Eurem Preussenaar,
Bald reitet der Tod gar schnelle.
Er schenkt mir zum schwarzen ein weisses Kleid,
Zu folgen meinem Soldaten,
Nun bin ich selig in Ewigkeit
Und allen Übeln entraten.
Über den Hügel draussen tobt blutig die Jagd,
Vergessen ist bald nun mein Sohn;
Vergessen wird auch die alte Magd,
Was bleibt mir von Eurem Lohn?
(1916)
Es wachsen die Mächte im Dunkel der Zeiten,
Es steigen die Riesen vom Orkus empor,
Man sieht ihre Schatten gespensterhaft schreiten,
Sie raunen ein seltsames Lied rings im Chor.
Sie tragen mit Cyklopenhänden die Erde,
Es schrecken die Weltenkugeln sie nicht,
Am Himmel steht flammend das Zeichen „Es werde!“
In versunkenen Augen glüht blutrotes Licht.
Sie tragen die Kohle, den Stahl und das Eisen,
Das in dem Bauche der Erde noch dämmert,
Bis dass sie am Morgen, Gigantenameisen,
Alles zur Sonne der Menschheit gehämmert.
Ihr Körper ist nackt, das Symbol ihrer Wahrheit,
Doch geschwärzt von der Hölle der Unterwelt,
Es baden im Tauwind die Leiber sich Klarheit,
Es fallen die Ketten, von der Fron noch umstellt.
Es hebt sich die Sonne aus Wolken und Nebel,
Aus Fernen und Tiefen dringt rosig ihr Strahl;
Es knieen und beten die Jünger des Bebel
Inbrünstig zum Heiland vor kargem Mahl:
„Wir tragen Dein Kreuz hier, Du König der Armen,
Denn die Erde war schwer Dir, uns niemals leicht;
Wir saugen die Hoffnung aus Deinem Erbarmen,
Über ein Kurzes nur, ist es erreicht.“
Sie zwingen den Erdball in kreisende Bahnen,
Cyklopenfäuste schmieden ihn fest,
Die purpurnen Wolken flattern wie Fahnen,
Die Lerche steigt kündend aus ihrem Nest.
(1916)
Ich bin ein armer Jude, keiner vom Kurfürstendamm,
Ich stehe im Schützengraben, umringt von Schmutz und Schlamm.
Mein Leib ist geweiht wie der Eure durch meiner Mutter Gebet,
Ich höre im Geist ihre Psalmen, wenn sie zur Ruhe geht.
Ich seh’ meine Schwester weinen, die Sabbaths am Fenster stand,
Als sie mit den Abendwolken mir heisse Grüsse gesandt.
Was schmäht Ihr meinen Glauben, die Ihr Christen seid von Geblüt?
Es zieht mir eine Legende von Jehovah durch mein Gemüt.
Es stand vor seinem Throne der Engel mit flammendem Schwert,
Als von Jerusalems Söhnen der ärmste Einlass begehrt.
Es war seine Seele geflohen, verfolgt von der Feinde Schar,
Die brachte als einziges Opfer er nun Jehovah dar.
Da nahm Jehovah dem Engel das Feuerschwert aus der Hand
Und sandte mit ihm die Juden hinunter ins heil’ge Land.
Dass er strafe, die ihn gesteinigt am Wege nach Golgatha,
Wo auf der Schädelstätte das ewige Wundmal geschah.
Da knieten die Söldner nieder vor Gottes flammendem Schwert,
Es hat der Zorn des Höchsten den blinden Hass bekehrt.
Ich sehe die feindlichen Schwerter viel tausendmal gezückt,
Doch hat kein helfender Engel für mich auf Jehovah geblickt.
Es kommen die Kugeln geflogen, sie wählen nicht Jude noch Christ;
Wo einst des Engels Reinheit, herrscht heute des Teufels List.
Ob auch verschiedenen Glaubens, wir sterben den gleichen Tod,
Es steht auf uns’rem Kreuze: Zwei Kämpfer in Deutschlands Not.
(1916)
Siehst Du den Mond dort wandeln?
Er ist frei.
Ich jedoch bin ein Sklave
Und sehne die Freiheit herbei.
Mond, hör’ meine Grüsse,
Trag’ sie der Heimat zu,
Es küsse Dein Schein meine Liebste,
Doch störe nicht ihre Ruh’.
Vielleicht dass sie gerade im Traume
Meinen Namen verlangend spricht ....
Verschwinde hinter den Wolken
Und beschatte mein tränend Gesicht.
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