1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 „Magst’s schon mögen!“ spottete der Kroate. „Aber an echten, türkischen Kaffee kannst nöt braun. Die Gnädige hat an Nervenschock g’habt, dafür mag’s a steifen Kaffee brauchen, den schaff’ i für sie!“
„Machens ka Faxen, Herr von Gyurkovics, die Herren draussen wartens ja.“
Zum erstenmal hob Lobelia das müde Köpfchen.
„Ich bitte Sie inständigst, mein Herr, dem Ruf der Jäger Folge zu leisten!“ sagte sie leise. „Ich weiss, dass es sehr gefährlich ist, ein Bärenlager aufzuspüren, falls noch andere dieser Raubtiere in der Nähe sind. Es würde mich unsagbar aufregen, wenn um meinetwillen ein Unglück passieren würde.“
„Bei Leibe net! Das Fräulein darf doch jetzt nicht aufgeregt werden!“
„Sie sind ein so glänzender Schütz’! Sie sind ja unentbehrlich bei der Sache!“
„Wir alle kennen uns ja nimmer aus und ein solcher Brut gegenüber!“
Ein heisser Blick blitzte zu Lobelia hinüber.
„Wenn es der Gnädigen a Beruhigung ist, dös i die Jäger anweis’, so geschieht’s. Habens ja nur zu befehlen über mich! — Aber eine Lieb’ ist der andern wert. Für mi is auch a Beruhigung notwendig, dös i der Baronin mit all meinen Diensten aufwarten darf! — Da rührts mi koans an den Kaffee, — i besprech’ mi mit den Jaga und nachens habens mi selm nöt vonnöten!“
Er klappte die Hacken zusammen, als sei er für gewöhnlich Sporen gewöhnt, verbeugte sich tief und huldigend vor der jungen Dame, — aber nur allein vor ihr und nicht vor den andern, und trat wuchtigen Schritts, selbstbewusst wie ein König der Berge, über die Schwelle.
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen, machte Fräulein von Welten eine jähe, angstvolle Bewegung.
„Ach, Onkel! können wir nicht heim?“ rief sie flehend; „erst hat uns der Bär belagert, nun macht uns der unheimliche fremde Mann hier zu Gefangenen!“
„Sie haben ka Sympathien für ihn?“ Vinzenz trat fast ungestüm näher. „Schauens, nachsagen lässt sich dem Herrn nix, ma kennt sich scho auf sei herrisches Wesen aus, aber just dös, was Sie da sagen, an ‚Unheimlicher‘, dös mögens wohl alle Madel von ihm sagen.“
„So so! Er ist nicht nur Bärenjäger?“ warf der Oberst kurz ein.
Lobelia richtete sich plötzlich auf und sah mit flehendem Blick zu dem jungen Tiroler empor.
„Ich bitte Sie inständigst, Vinzenz, verlassen Sie uns nicht, bis ich im Wagen bin! Sie haben gesehen, dass Onkel mit seinem invaliden Arm mich nicht genugsam halten und stützen kann, Herr Sturmlechner ebensowenig, und ich bin so schwach jetzt, ich fühle mich nach der schrecklichen Nacht so elend, dass ich nicht allein durch den Wald bis zu dem Wagen hingehen kann.“
Die Augen des Löselbub’n leuchteten.
„Was redens daher! Als ob i das Fräulein verlassen tät’! — Is nöt Brauch bei unsoans! Der Vinzenz halt stand! Und der Kroat’ ... mit dem will das Fräulein nex z’schaffen haben?“
Der Oberst trat dichter an den Sprecher heran und blickte ihm beinah zutraulich in die ehrlichen Blauaugen.
„Sie haben gesehen, Vinzenz, dass der Herr etwas gewalttätig seine Rolle als Helfer hier spielt!“
„Und ob i dös sieh! An Blinder muss ja stolpern über so an Getu’!“
„Wir sind schon seit etlichen Tagen in Sorge, uns des übereifrigen Herrn zu erwehren!“ fuhr Herr von Welten hastig flüsternd fort, während Lobelia die Augen wieder ermattet schloss und die kleinen Hände frierend unter dem Wollplaid ineinanderkrampfte. „Er hat meine Nichte im Theater gesehen und hat sie sofort mit seiner zudringlichen Aufmerksamkeit erschreckt.“
„Dös Kreuz müsst ma so am Dalk grad abschlagen!“ tobte der Brunneckersohn voll grimmen Zorns und stellte sich so breitspurig mit geballten Fäusten halb vor den Ofen, halb vor „dös bildsaubere Madel“, als ob er nur den Angreifer erwartete, um mit ihm loszuraufen.
„Hot er dann die Absicht z’fensterln, der Lump, dann bin i a no da, der ihm aufbegehret. Der Loderer, der lausigte, kimmt aus den Kroatebergen, wo’s sich nöt der Sünd’ scheuen und die Madeln am hellichten Tag aus den Häusern stehlen!“
Wahrhaft entsetzt riss Lobelia die müden Augen auf.
„So müssten wir sofort abreisen ... wenigstens ich, Onkel! — Der Sanitätsrat aus Wien warnte uns doch auch!“
„Oha!“ Des Vinzenz Blick flammte auf.
„Dafür bin i no da! und der Sepp steht wie an Leib un Seel’ zu mi! — Da sollts ganz in Frieden schlafen, i steh’ scho ein dafür!“
Der Oberst legte beruhigend die Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und lächelte abermals.
„Ich bin überzeugt, Kind, dass du dich umsonst vor dem ‚wilden‘ Verehrer fürchtest, und dass wir viel zu schwarz sehen, was uns den gewalttätigen Hinterwaldler und Halbasiaten in ihm fürchten lässt; er ist ja doch ein Herr von gebildeten Sitten und Manieren, der sich zurückziehen wird, sowie er sieht, dass ein Verkehr zwischen uns und ihm nicht gewünscht wird!“
„Glaubens dös nit, Baron! Ob dös nu Serben, Montenegriner oder Kroaten un Walachen sind, — Schweinetreiber sind’s allzumal! — Und genieren tut sich so an Kerl um den Teifi nöt!“
„Sie bleiben doch an meiner Seite, Vinzenz, dass er mich nicht wieder auf die Arme hebt? — Er frägt ja gar nicht um Erlaubnis!“
„Dös gelob’ i — und san Koffee möcht’ i am liebsten in die Aschen schütten!“
„Wenn wir doch gar nicht mehr darauf zu warten brauchten!“
Vinzenz trat ans Fenster.
„Grad nach der Schlucht zu sans! — Droben am Hang wollens naufsteigen, und der Forstmeister und oaner von den Jaga hat ihn am Arm und redens zu, dös er no an Eckerl mitgeht.“
„Bis an den Rand von der Schlucht geleit’ er sie!“
„Martel! Fasst mit zu? Du an der einen Seit’ — i an der andern, — dann eskortieren mi’s Fräulein glei jetzt da quer durchs Unterholz bis an Tannenschlag ... und du laufst dem Wagen entgegen, dös er oben auf der Wiesen entlangfahrt — dann sind wir allsamt dem Tüffel aus den Augen gerückt!“
„Der Vinzenz hat recht, Onkel ... Bitte, lass uns gehn.“
„Wenn du es riskieren willst, Kind!“
„Un ob’s Courag’ hat!“
„I pass auf ... wann die Mannerleut’ um die Felsen drum san, — dann wischen wir selband durch den Stall hint’ ins Unterholz ’nein!“
„I trags Ihna, wann’s Gehen schwer fallt, i hab an Kraft!“
„Nun gut, — probieren wir! Es wäre allerdings sehr angenehm, wenn wir uns nicht noch durch weitere Hilfeleistungen durch den Herrn von Gyurkovics verpflichten liessen!“
„Obacht! — Itzt soans glei hinter dem Fels!“
Voll nervöser Aufregung erhob sich das junge Mädchen.
„Es wird gehen, — ich fühle es. — Tragen ist nicht nötig, Vinzenz!“
„So halb und halb!“
„Nur aufgestützt! Dahier unsre Arm’!“
„Holdriho! Dös soll an Jux sein, wann der Musjö san Koffee selm schluckt!“
„Keiner siecht uns. Dös Haus macht uns die Dekkung!“
„Der Wunsch, dem zudringlichen Verehrer zu entrinnen, wird dir Kraft geben, Lobelia. — Geh nur! Plaid und Rucksack trage ich.“
„Hangts mi’s Rucksel nur getrost übern Buckel! I trag’s scho mit!“
Köstlich frische, harzduftige Luft wehte ihnen entgegen.
Lobelia atmete tief, aber doch noch etwas beklommen auf.
„Der Modergeruch und Ofenrauch in der Stube haben mich eher kränker gemacht, als mir gedient!“ sagte sie leise und empfand es als grosse Beruhigung, wie die starken Arme der Tiroler sie mehr hoben und trugen, als stützten. „Es wäre so schön, wenn wir den Platz, den Vinzenz im Sinn hat, erreichten!“
„Sell is gewiss!“
„Es geht ja ganz gut!“
„Die Knie zittern mir nur noch so ungewohnt, — das schreckliche Gefühl im Kopf lässt schon nach.“
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