Ich brummte ein verhaltenes »Mhm«, was glücklicherweise niemand hören konnte, da Leona mich mit einem lautstarken »Jaaa, das wäre so krass!« übertönte.
Hannah Ruderer nickte. »Wird gemacht. Ach, ihr zwei Süßen, zieht niemals Schuhe an, die ihr vorher noch nie getragen habt. Das ist absolut tödlich.« Sie schaukelte abwägend mit dem Kopf. »Ich werde wohl barfuß lesen müssen.«
Der Raum war rappelvoll mit Leuten, es waren mehr, als eigentlich in die Buchhandlung passten. Viele mussten stehen oder hockten auf dem Fußboden. Ich weiß nicht, ob der Laden schon jemals zuvor so viele Menschen gesehen hatte. Aber dieses unfreiwillige Gruppenkuscheln schien kaum jemanden zu stören.
Ich rutschte mit dem Oberkörper ein wenig tiefer und musterte Hannah Ruderer kritisch. Unter dem Tisch konnte man deutlich ihre übereinandergeschlagenen, nackten Füße erkennen, mit denen sie immer wieder herumwackelte.
Dabei war sie die ganze Zeit damit beschäftigt, das kleine Mikrofon vor sich zurechtzurücken. Als es endlich ihrer Vorstellung entsprach, goss sie sich Wasser in ein Glas.
Auf Pas Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Hier drinnen war es durch die vielen Menschen aber auch echt so heiß wie in einer Sauna.
Nachdem er sich einige Male mit einem Stofftaschentuch das Gesicht abgetupft hatte, griff Pa ebenfalls nach einem Mikrofon, beugte sich nach unten und flüsterte Hannah Ruderer irgendwas ins Ohr. Sie lächelte ihn an und nickte. Ich bekam das komische Gefühl, ihre Augen wären dabei für eine Sekunde in meine Richtung gewandert. Zugegeben, in diesem Moment hätte ich schon gerne gewusst, was die beiden da Wichtiges zu tuscheln hatten. Es wirkte so geheimnisvoll, als würden sie einen Plan aushecken. In Wirklichkeit ging es wahrscheinlich nur um total langweiliges Zeug, die Lautstärke des Mikrofons oder so.
Dann begann Pa mit einer Vorstellung der Autorin. Ziemlich überflüssig. Wahrscheinlich wusste jeder Anwesende, wer Hannah Ruderer war. Aber anscheinend störte es auch niemanden, noch einmal aufgezählt zu bekommen, welche Meilensteine sie im Laufe ihrer Karriere schon erreicht hatte.
»Es ist mir eine große Freude, diesen außergewöhnlichen Gast bei uns begrüßen zu dürfen. Bitte einen großen Applaus für die einzigartige, tolle, wunderbare Hannah Ruderer«, beendete Pa nach gefühlt fünfundneunzig Minuten seine Lobeshymne. Mir war jetzt schon sterbenslangweilig.
Die Leute applaudierten. Ich klatschte ein bisschen mit, aber eigentlich nur, weil ich nicht auffallen wollte. Außerdem konnte ich bei Leos Begeisterung direkt neben mir gar nicht anders. Nach dieser persönlichen Begegnung zuvor war sie innerhalb von nur wenigen Sekunden vom Mega-Fan zum Hyper-Fan mutiert. Soweit das überhaupt noch möglich gewesen war.
»Hannah ist selbstverständlich nicht ohne Anlass zu uns gekommen«, nahm Pa seine Rede wieder auf. »Heute ist ein ganz besonderer Tag.«
»O ja, und wie!«, pflichtete Hannah Ruderer ihm strahlend bei. Wieder hatte ich das Gefühl, ihr Blick würde sich auf mich richten. Mann, warum machte sie das die ganze Zeit?
Pa lächelte ins Publikum. »Wir feiern gemeinsam das Erscheinen des großen Finales der grandiosen Romantrilogie Zwanzig Minuten vor Mitternacht – und da ich sicher bin, dass ihr alle kaum erwarten könnt, wie es mit Phil und Esmeralda weitergeht, will ich euch gar nicht länger auf die Folter spannen. Hannah, der Abend gehört dir.«
Sie bedankte sich in ihrer zuckersüßen »Ich tu ganz freundlich, aber werde euch anschließend alle töten« -Tonlage für die nette Vorstellung, bevor sie das vor ihr liegende Buch irgendwo in der Mitte aufklappte und mit einem verschwörerischen Lächeln sagte: »Ihr wisst noch, dass Esmeralda am Ende von Band zwei gemeinsam mit einem geheimnisvollen Jungen mit düsterer, venezianischer Maske auf den traditionellen Sommernachtsball der Familie Brandfair gegangen ist. Und wir alle können ahnen, wer das war. Esmeralda findet es kurz nach dem Tanz ebenfalls heraus. Was auf dem Ball passiert, müsst ihr selbst lesen. Aber eines, das kann ich euch verraten«, sie begann zu flüstern, »Esmeralda zerfrisst das schlechte Gewissen.«
Ich rollte unauffällig mit den Augen. Was denn sonst? War doch klar, dass sie mit dem »geheimnisvollen Jungen« (also Vinzenz) herumgeknutscht hatte, nur damit im dritten Band nun für mindestens die ersten hundert Seiten ordentlich Drama herrschen konnte.
Hannah Ruderer trank einen Schluck, bevor sie loslegte. Ihre Lesestimme war ein leises Säuseln, wahrscheinlich sollte das die Romantik fördern. Während sie sprach, wackelten die Spitzen ihres hellbraunen Bobs so sehr hin und her, dass sie gegen ihr Kinn stießen. Das kitzelte schon alleine beim Zusehen.
Ich merkte, wie Leona immer stiller wurde. Eigentlich war ich nicht einmal sicher, ob sie vor lauter Spannung nicht völlig zu atmen vergaß.
Phil saß gegenüber, zerschnitt das Stück Truthahn auf seinem Teller und hob immer wieder den Blick. Esmeralda war wie elektrisiert. Seine wunderschönen, hellblauen Augen funkelten. Die Bilder ihres gemeinsamen Augenblicks im Badeteich schlichen sich in ihren Kopf. Wie sollte sie ihm nur sagen, dass sie mit Vinzenz getanzt hatte? Er würde ihr das niemals verzeihen. Aber sie wusste ja nicht einmal, ob sie selbst jemals wieder den eigenen Anblick im Spiegel ertragen konnte. Ihr Herz war zerrissen. Diese beiden Jungen brachten sie mit der Magie, die sie glitzernd umspielte, völlig um den Verstand. Esmeralda fühlte eine Sehnsucht in dem Ausmaß schierer Unerträglichkeit durch ihren ganzen Körper rasen. Sie wollte Phils Arm über den Tisch hinweg berühren, doch sie wagte es nicht. Sie war sicher, er würde ihre schändliche Begegnung mit Vinzenz einzig und alleine durch das heiße Pulsieren ihrer Fingerspitzen wahrnehmen .
Ich gähnte und beobachtete neugierig die Gesichter im Publikum. Alles war interessanter als Esmeraldas pulsierende Fingerspitzen. Plötzlich erspähte ich den alten Mann mit dem Monokel in der ersten Reihe. Verwundert kniff ich die Augen zusammen. Er hielt ein Notizbuch mit braunem Ledereinband auf seinem Schoß und schrieb konzentriert etwas hinein. Wer ging denn auf eine Lesung, um selbst zu schreiben? Oder notierte er sich etwa jedes Wort mit?
Ich tippte Leona am Oberarm an. »Schau mal, der alte Typ da vorne, der mit dem Monokel …«
Leona reckte den Kopf und musterte ihn flüchtig.
»Was soll mit ihm sein?«
»Der war heute schon mal bei uns. Was macht der da?«
Leo zuckte mit den Achseln. »Wer weiß, vielleicht gehört er zu Hannah Ruderer. Da muss er eben was aufschreiben.«
»Und was?«
»Weiß ich doch nicht, könnte ihr Imageberater sein.«
»Imageberater? Haben so was nicht nur Politiker? Außerdem würde ich ihr eher eine Stilberatung empfehlen.«
Leona winkte ab. »Ist doch egal. Vielleicht ist er ja auch ein Journalist, immerhin geht es hier um etwas.«
»Den Eindruck hat er am Vormittag aber nicht gemacht.« Ich stützte die Ellenbogen seufzend auf meine Oberschenkel und schaute wieder nach vorne. Pa sah mit gerunzelter Stirn zu mir. Er war wohl ein bisschen böse, dass ich während der Lesung herumtuschelte. Wie immer erwartete er, dass ich diese Angelegenheit als eine echte Grünwald besonders ernst nahm. Aber das tat ich ja auch! Wenigstens fiel mir, im Gegensatz zu allen anderen, das kuriose Benehmen dieses Mannes auf. Die gesamte Lesung hindurch ließ er nicht ein einziges Mal von seinen Notizen ab. Erst als Hannah Ruderer das Buch zuschlug (endlich!!!) und verkündete, nun Exemplare zu signieren, unterbrach er sein konzentriertes Schreiben und der Notizblock verschwand in seiner Manteltasche. Die musste ganz schön geräumig sein, mindestens so sehr wie der Koffer von Mary Poppins, denn nicht einmal eine winzige Ecke des Ledereinbands schaute noch heraus.
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