Gerade trank ich den letzten Rest meiner Limo, als Quarks, der Frosch loslegte. Quak, quak, quak . Leonas Name leuchtete auf dem Handybildschirm auf. Bestimmt wollte sie wissen, ob ich die Sache mit dem verkohlten Buch bereits geklärt hatte. Es war ohnehin Zeit für eine Krisenbesprechung – ohne Vinzenz.
Ich stellte das leere Glas auf den Couchtisch und hob ab. »Hi, Leo, ich habe nachgedacht.« Ich wartete, aber da keine Antwort kam, sprach ich einfach weiter: »Vinzenz hat doch gesagt, dass er sich in Luft auflöst, wenn er sich mehr als hundert Schritte von mir entfernt. Vielleicht ist das der Weg, ihn endgültig loszuwerden. Wir könnten deine Mutter bitten, mit uns ins Shoppingcenter am Stadtrand zu fahren. So schnell kommt er uns nicht hinterher.«
»Interessant.« Diese Jungenstimme am anderen Ende der Leitung klang gar nicht nach Leona. Erschrocken starrte ich den Bildschirm meines Smartphones an. »Ähm, Vinzenz?«
Mir rutschte das Herz fast in die Hose. Wie kam er an Leonas Telefon? Hatte er sie überfallen, geknebelt und ausgeraubt? Aber er wusste doch gar nicht, wo sie wohnte. Auf jeden Fall hatte ich ihm gerade ungefiltert meinen klug durchdachten Plan verraten. Mist. Den konnte ich mir jetzt abschminken.
»Wie ich bereits sagte, nennt mich Vinz.« Irgendwie war er ganz aus der Puste. »Ich fände es zudem überaus nett, wenn Ihr mir ENDLICH öffnen würdet. Es ist ungemütlich hier oben, die Tauben sind bisher eine höchst fragwürdige Gesellschaft. Dieses zerrupfte Federvieh hat seine Notdurft auf meiner Hand entrichtet. Ich weiß überdies nicht, wie lange ich mich noch halten kann. Und ich sagte, ich bin ein echter Mensch. Am Boden zerschellen ist keineswegs die schönste Art zu sterben. Ich bin außerdem sicher, Euer werter Daddy wäre mäßig begeistert, wenn meine sterblichen Überreste vor seiner Buchhandlung von der Straße gekratzt werden müssen.«
»Was redest du da?«, wunderte ich mich.
»Dreht Euch um, dann wisst ihr es«, kam als Antwort.
Langsam wanderte mein Blick nach hinten über die Lehne des Sofas. Ich hielt vor Schreck die Luft an, als ich Vinzenz draußen vor der Fensterscheibe entdeckte. Mit einer Hand klammerte er sich seitlich an der Regenrinne fest, in der anderen hielt er Leonas Smartphone. Sein Gesicht war vor Anstrengung gerötet und sogar aus einiger Entfernung konnte ich die Schweißperlen erkennen, die ihm von der Stirn tropften. Das Raufklettern musste ziemlich anstrengend gewesen sein, schon vom Zusehen bekam ich Phantommuskelkater. Was dachten sich wohl die Passanten, die dort unten gerade durch die Kleegasse schlenderten? Zumindest schien noch niemand die Polizei gerufen zu haben.
Hastig sprang ich vom Sofa und huschte mit nackten Füßen über den knarrenden Parkettboden zum Fenster. Das riss ich anschließend so energisch auf, dass Vinzenz sich erschrocken zurücklehnte. »Ich bitte Euch, Miss Emma. Wir wollen jetzt keine Dummheiten begehen.«
»Tja.« Mit verschränkten Armen baute ich mich vor ihm auf. »Sag mir einen Grund, weshalb ich dich reinlassen sollte.«
»Nun …« Vinzenz keuchte angestrengt. »Wir könnten uns über eine Möglichkeit unterhalten, wie ich mich von Euch löse.«
Das klang interessant. Ich stützte mich mit beiden Händen auf dem Fensterbrett ab, wodurch Vinzenz keine Chance hatte, mich auszutricksen und ungehindert hereinzuklettern. »Schieß los.«
Er wich meinem Blick nicht aus. »Nein.«
»Wie, nein?«
»Erst, wenn ich nicht mehr um mein Leben fürchten muss.«
»Du bluffst«, enttarnte ich seinen hinterhältigen Trick.
»Bei Queen Victorias Rattenschwanz, denkt Ihr ernsthaft, ich hätte Interesse daran, noch länger die Zeit mit einer mir dieser Art übelgesinnten Irren zu verbringen, wie Ihr es seid? Darf ich Euch daran erinnern, dass Ihr mich mit einem Buch erschlagen wolltet?«
Das war die absolute Höhe! So was musste ich mir echt nicht von einem Fantasyroman-Fiesling an den Kopf werfen lassen. »Ich soll irre sein? Du bist doch seit drei Bänden in Folge damit beschäftigt, hinterhältige Mordpläne an deinem Bruder zu schmieden.«
Vinzenz funkelte mich wütend an. »Das könnt Ihr nicht verstehen. Denken scheint nicht Eure Stärke zu sein, sonst würdet Ihr nicht diese haarsträubend dummen Pläne entwickeln, von denen Ihr denkt, sie würden Euch gegen unsere Verbindung helfen. Ihr habt keine Ahnung von den Konsequenzen!«
Ich schnaubte genervt. Aber mir wurde trotzdem bewusst, dass wir langsam einen Weg finden mussten, um die Situation zu lösen. Wenn wir uns nur stritten, kamen wir schon mal nicht weiter. Ich trat zur Seite und streckte ihm helfend die rechte Hand entgegen. »Also gut, komm rein.«
Vinzenz zögerte einen Moment misstrauisch, doch dann nahm er meine Hand und hievte sich mit einem leichten Sprung ins Zimmer. »Ich danke Euch.« Die Sache mit dem charmanten Grinsen ließ sich spätestens jetzt bestätigen, das hatte er wirklich drauf … ein aufdringlicher Idiot war er trotzdem. Schweigend überlegte ich, wieso die Jungs an meiner Schule eigentlich allesamt nicht mit seiner Attraktivität mithalten konnten. Lag wohl daran, dass er einem erfundenen Roman entstammte und deshalb völlig unrealistisch aussah. Obwohl sich eine dünne Narbe von seiner linken Wange bis zu seinem Auge zog. Die stammte von einer Kampfszene aus dem ersten Teil, in der Phil ihn mit dem Schürhaken eines Kamins erwischt hatte. So weit kannte auch ich die Story. Auf jeden Fall kam ich mir plötzlich ein wenig albern dabei vor, ihm barfuß und nur in meinem schlabberigen, weißen Plüschpyjama mit Hello-Kitty-Aufdruck gegenüberzustehen.
Ihn allerdings schien das keineswegs zu irritieren, er hatte nämlich ganz andere Sorgen. »Ich würde meine Hand gerne von diesem stinkenden Taubendreck befreien, wenn es Euch nicht stört.«
IGITT! Das war ja absolut ekelhaft. Er hatte es doch nicht wirklich gewagt? Langsam ließ ich den Blick zu meiner Hand wandern, mit der ich ihm eben noch hereingeholfen hatte.
»Keine Sorge«, schmunzelte Vinzenz. »Die Versuchung war groß, doch langsam solltet Ihr wissen: Ich bin kein Schuft.«
»Du …«, setzte ich sauer an, als ich auf einmal vom Schlüsselklirren an der Wohnungstür unterbrochen wurde. Kurz darauf rief Pas Stimme: »Emma, ich bin zurück! Kommst du bitte sofort ins Wohnzimmer? Wir müssen reden.«
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