Just an diesem Morgen waren die verfluchten 100 Jahre um, und der Tag war gekommen, wo Thonröschen wieder erwachen sollte. Als der furchtlose Trainer sich der Dornenhecke näherte, fielen die schwarzen Stacheln ab, und es erblühten lauter blaue und weiße Blüten, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbehelligt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Auf dem Trainingsplatz sah er die Kampfschweine und Wadenbeißer liegen und schlafen, am Spielfeldrand hingen die Kiebitze schnarchend überm Zaun. Der Co-Trainer hatte die Pfeife noch im Mund und hielt einen Medizinball drohend über dem Kopf, als wolle er ihn auf die schlummernden Bankdrücker vor sich auf dem Boden werfen.
Da ging er weiter und sah auf der Geschäftsstelle sämtliche Mitarbeiter liegen und schlafen, und oben in den geräumigen Büros lagen der Vereinspräsident und der Manager. Da ging er noch weiter, und alles war so still, dass man eine Stecknadel auf den Rasen hätte fallen hören können. Schließlich kam er ins alte Parkstadion, ging die Rolltreppe hinunter und kam an den Platz, wo Thonröschen schlief. Da lag er, in seinem königsblauen Dress, und sah so fit aus, als könne er von jetzt auf gleich den entscheidenden Elfmeter im WM-Finale schießen.
Der Trainer rollte ihm einen Ball zu, und sowie dieser seinen Fuß berührt hatte, schlug Thonröschen die Augen auf und blickte ihn ganz freundlich an. Zusammen fuhren sie die Rolltreppe hinauf und gingen hinüber zum Trainingsgelände. Der Präsident wachte ebenfalls auf, und auch der Manager sowie die gesamte Belegschaft der Geschäftsstelle erwachten und sahen einander mit großen Augen an. Und die Kampfschweine auf dem Platz standen auf und schüttelten ihre Beine aus, die Wadenbeißer sprangen auf und streckten sich, die Kiebitze hinterm Zaun erhoben sich und begannen direkt wieder zu diskutieren. Der Grill erhitzte sich, und die Phosphatwürste fingen an zu brutzeln, das Bier wieder an zu sprudeln, und der Co-Trainer trieb mit seiner Pfeife und dem Medizinball die Bankdrücker bis zur totalen Erschöpfung.
Und da wurden langjährige Verträge gemacht mit Thonröschen und dem jungen Trainer, und gemeinsam bauten sie eine Mannschaft auf, die nach über 100 Jahren die Meisterschaft endlich wieder nach Hause brachte, ins schöne Gelsenkirchen, auf Schalke, dem geilsten Klub der Welt! Und wenn sie nicht gefeuert oder wegen horrender Ablösesummen verkauft wurden, dann spielen sie da noch heute.
Die drei kleinen
Schalker
Es war einmal eine alte Sau, die hatte drei kleine Schweinchen. Die Schweinchen aßen und aßen, und irgendwann waren sie so groß, dass das Haus, in dem sie alle wohnten, zu klein wurde. Da sagte Mama Schwein zu ihren Kleinen: „Jungs, ich hab euch lieb, keine Frage, aber ihr könnt nicht ewig bei mir am Rockzipfel hängen. Ihr müsst raus in die Welt und sich jeder sein eigenes Haus bauen.“ Und so schickte sie die drei in die große, weite Welt hinaus.
Das erste Schweinchen, das Borussen-Schwein, begegnete auf seinem Weg einem Mann mit einem Bündel Stroh. Wie die Schwarz-Gelben nun mal sind, nur auf den schnellen Erfolg aus, mit möglichst geringem Aufwand, sagte es zu dem Mann: „Ey Alter, gib mir dein Stroh. Ich will mir eine Arena bauen und hab kein Material.“ Da antwortete der Mann: „Is’ ok, aber gib mir dafür deinen schwarz-gelben Schal, damit ich was hab, wenn’s im Winter kalt wird.“ Da gab ihm das Schweinchen seinen Schal. Der Alte gab ihm dafür das Stroh, und da dieses ganz leicht war, war das Haus auch schnell gebaut, mit einem großen Haupteingang vorne und, wie es die Brandschutzaufl agen vorschrieben, einem kleinen Notausgang hinten. Dann schaute das Schweinchen sein Strohhaus an, taufte es auf den Namen „Signal-Iduna-Park“ und sang:
Das zweite Schweinchen, das Bayern-Schwein, begegnete auf seinem Weg einem Mann, der ein Bündel Holz trug. Ganz der bayerischen Devise „Was ich sehe, will ich auch haben, bevor es noch jemand anders kriegt“ folgend, sagte es zu dem Mann: „Ey Alter, gib mir dein Holz. Ich will mir eine Arena bauen und hab kein Material.“ Der Mann aber sagte: „Geht klar, aber gib mir dafür deine Bayern-Kappe, damit mich im Sommer die Sonne nicht mehr so blendet.“ Da gab ihm das Schweinchen seine rote Kappe. Der Alte gab ihm dafür das Holz, und da im Süden der Republik niemand die Zeit dafür bekommt, in Ruhe etwas aufzubauen, wurde die Hütte auch nur schnell zusammengehauen, mit einem großen Haupteingang vorne und, ganz so, wie es die Notfall-Evakuierungspläne vorschrieben, einem kleinen Notausgang hinten. Dann schaute das Schweinchen sein Holzhaus an, taufte es auf den Namen „Allianz-Arena“ und sang:
Das dritte Schweinchen, das Schalke-Schwein, begegnete auf seinem Weg einem Mann, der einen Karren voller Ziegelsteine hinter sich herzog. In bester königsblauer Tradition, nachhaltig zu wirtschaften und langfristig etwas von Wert zu schaffen, sagte es zu dem Mann: „Ey Alter, gib mir doch bitte deine Steine. Ich will mir eine Arena bauen und hab kein Material.“ Der Mann antwortete: „Deal, aber gib mir dafür dein Schalke-Trikot, damit ich immer gut aussehe.“ Das Schweinchen zögerte, gab dem Mann aber schließlich schweren Herzens seinen königsblauen Dress. Der Alte gab ihm dafür die Steine, und es dauerte mehrere Tage, bis das neue Heim fertig gestellt, dafür aber auch zu einem echten Schmuckkästchen geraten war, mit großem Haupteingang vorne und, den modernsten Ansprüchen genügend, einem kleinen Notausgang hinten. Dann schaute das Schweinchen sein massives Steinhaus an, taufte es auf den Namen „Veltins-Arena“ und sang:
So lebte nun jedes Schweinchen in seinem eigenen kleinen Haus, und jedes war glücklich und zufrieden. Doch eines Tages kam der Schurke aus dem fernen Wolfsburger Wald, klopfte an das Haupttor des „Signal-Iduna-Parks“ und rief: „Hey, du kleines Dortmund-Schwein, lass mich sofort zu dir rein!“ Das Schweinchen aber antwortete: „Bin ganz allein, bin ganz allein, verpfeif dich, ich lass dich nicht rein.“ Da sprach der Wolf: „Na warte. Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein doofes Haus wegpusten.“ Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und pustete schließlich den ganzen „Signal-Iduna-Park“ zusammen. Aber das kleine Schweinchen war nicht mehr da. Es war hinten durch den Notausgang zu seinem Bruder, dem Bayern-Schwein ins Holzhaus gelaufen.
Da ging der Wolf zur „Allianz-Arena“, klopfte vorne ans Haupttor und rief: „Hey, du kleines Bayern-Schwein, lass mich sofort zu dir rein!“ Das zweite Schweinchen aber antwortete: „Bin ganz allein, bin ganz allein, verpfeif dich, ich lass dich nicht rein.“ Da sprach der Wolf: „Na warte. Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein doofes Haus wegpusten.“ Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und pustete schließlich die ganze „Allianz-Arena“ zusammen. Aber die zwei kleinen Schweinchen waren nicht mehr da, denn sie waren hinten durch den Notausgang zu ihrem Bruder, dem Schalke-Schwein, ins Ziegelhaus gelaufen.
Da ging der Wolf zur „Veltins-Arena“, klopfte vorne an das große Tor und rief: „Hey, du kleines Schalke-Schwein, lass mich sofort zu dir rein!“ Das dritte Schweinchen aber antwortete: „Bin ganz allein, bin ganz allein, verpfeif dich, ich lass dich nicht rein.“ Da sprach der Wolf: „Na warte. Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein doofes Haus wegpusten.“ Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete, aber er konnte die „Veltins-Arena“ einfach nicht zusammenpusten. Da wurde er schrecklich zornig und brüllte: „Warte nur, gleich hab ich dich!“, und machte sich daran, das Haus hinaufzuklettern, um durch das große Schiebedach ins Haus zu gelangen. Als die drei Schweinchen merken, was der Wolf im Sinne hatte, fragte das erste Schweinchen panisch: „Was sollen wir nur tun?“ Das zweite Schweinchen stammelte: „Wir sind verloren. Wir sind verloren.“
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