Doch hinter der Geschichte meines Bruders steckt noch viel mehr als die sogenannte „süße Wissenschaft“ und seine Zeit im Boxring. Trotz seiner Parkinson-Diagnose verlor mein Bruder auch im Herbst seines Lebens nie seine Lebensfreude. Sein ganzes Leben lang trat er lautstark für seine Religion und die Menschheit ein, widmete sich der Wohltätigkeit und half anderen. Sein Tod im Juni 2016 führte zu einer nie dagewesenen Flut an Lob und Emotionen. Es wurde mehr über Muhammad geschrieben als über irgendjemanden anderen: Das meiste gut, manches kontroversiell, und einigen lag wohl daran, sein Vermächtnis zu trüben. Doch bis jetzt schwieg die Stimme jenes Mannes, der ihn am besten von allen kannte – ich.
Die Geschichte meines Bruders ist schon so oft in Büchern, Magazinen und Dokumentationen erzählt worden, doch die meisten dieser Geschichten und Berichte beschäftigen sich mit der Legende und nicht mit dem Menschen dahinter. Darum ist es mir ein Anliegen, eine neue Perspektive zu zeigen und ein Bild von dem Menschen zu zeichnen, den nur ich kannte, und nicht nur von der Persönlichkeit, die den meisten bereits bekannt ist. Das Bild eines Mannes, der wie jeder andere auch mit seinem Ärger, seinen Ängsten und seinen Versuchungen haderte, aber immer sein Bestes gab, um die Welt jeden Tag ein klein wenig besser zu machen.
Wie so viele andere Menschen hatte auch Muhammad seine Fehler. Einmal sagte er zu mir: „Wenn du einen 50-Jährigen fragst, ob er Dinge anders machen würde, wenn er noch einmal 20 wäre, dann würde er das sicher tun. Und wenn nicht, dann hat er 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“
Muhammad hat natürlich keine Minute seines Lebens verschwendet – selbst jene Jahre, in denen ihm die Regierung seine Boxkarriere nahm, investierte er, um dieser fesselnde Rhetoriker zu werden, der eines Tages eine neue Generation inspirieren würde.
Als wir noch Kinder waren, sagte mein Bruder zu mir: „Ich werde einmal der berühmteste Mensch auf der ganzen Welt sein.“
Wir wussten beide immer, dass er es auch schaffen würde. Ich erinnere mich noch daran, wie er am Höhepunkt seiner Karriere zu mir sagte: „Bruder, ist es nicht wunderbar, wie sich unsere Träume erfüllt haben – wie wir die Ziele, die wir uns als Kinder gesteckt haben, auch erreicht haben?“
Es gibt so viel, was ich der Welt über Muhammad Ali erzählen will, und dieses Buch ist mein Versuch, dies zu tun.
Mein Bruder hätte unsere Mutter bei seiner Geburt beinahe umgebracht.
Er hatte einen riesigen Kopf, viel zu
groß, um auf natürliche Weise auf die Welt zu kommen. Die Ärzte im General Hospital in Louisville, Kentucky, versuchten alles in ihrer Macht Stehende, um meinen Bruder gesund auf die Welt zu bringen, und trotzdem wäre es beinahe schiefgegangen. Schließlich nahmen sie eine Geburtszange zu Hilfe, was dazu führte, dass Muhammad mit einem leicht schiefen Kopf auf die Welt kam. Glücklicherweise war auch unsere Großmutter mütterlicherseits da, um zu helfen. Sie versicherte unserer Mom, dass sie auf das Baby aufpassen würde, saß mit meinem neugeborenen Bruder im Arm da und streichelte seinen Kopf sanft von einer Seite zur anderen. Ob dies dazu beitrug, dass er schließlich diesen wohlgeformten Kopf bekam, kann ich nicht sagen, doch die Geburtszange hinterließ jedenfalls ihr Mal auf der rechten Wange meines Bruders, das er sein ganzes Leben mit sich herumtragen würde. Wie aber unsere Mutter uns immer erzählte, konnte man schon vom Tag seiner Geburt an sehen, dass mein Bruder ein richtig attraktiver Junge werden würde – mit diesen feinen Gesichtszügen, von denen die Schläge nur so abzugleiten schienen, und dem Gesicht, das so viele Tausende Male im Fernsehen zu sehen war – das Gesicht, das fast alle auf der Welt kannten. Er war von Anfang an ein gut aussehender Junge, und Mutter liebte ihn von dem Moment an, an dem sie ihn zum ersten Mal sah.
Trotzdem, nicht alle erkannten meinen Bruder gleich. Kurz nach der Geburt legten die Krankenschwestern das falsche Baby zu Mutter ins Bett, die vor Erschöpfung noch ganz benommen war. Als sie das Namensschild erblickte, merkte sie sofort, dass dies nicht ihr Baby war. Obwohl sie dabei sicherlich in Panik geraten sein musste, hat unsere immer ruhige Mutter ihre Stimme wahrscheinlich nur ganz leicht erhoben und gesagt: „Hey, das ist nicht mein Kind.“
Sie hatte ihre eigene Art, diese Demütigungen mit Gelassenheit hinzunehmen – eine der vielen Eigenschaften, in denen sie das genaue Gegenteil unseres Vaters war. Schlussendlich brachten die Schwestern ihr meinen Bruder. Jahre später erzählte sie uns, dass die Babys auf der Station alle so ruhig gewesen seien und man kaum eines weinen gehört habe – mit Ausnahme meines Bruders natürlich, der nicht aufhörte zu weinen. Er startete wie eine Rakete, noch nicht einmal 24 Stunden auf der Welt, und war schon der Lauteste von allen, und natürlich steckte sein Geschrei die anderen Neugeborenen an. Nur mein Bruder konnte die Station so auf Trab halten. Vom Tag seiner Geburt an war Muhammad laut.
In den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten war mein älterer Bruder „Muhammad“ für mich, doch als er das Licht der Welt erblickte, nannten ihn unsere Eltern nach meinem Vater – Cassius Clay Marcellus Senior. Er wurde am 17. Jänner 1942 geboren, 18 Monate vor mir. Unser Vater war recht angetan von Rudolph Valentino, dem Hollywoodstar, und beschloss, mich nach ihm zu benennen, Rudolph Arnett Clay. Für meinen Bruder war ich immer Rudy, und er war für mich und den Rest der Familie Gee, wegen seiner ersten Worte, die er sprach: „Gee-gee.“ Er sagte „Gee-gee“, wenn er hungrig war, seine Windeln gewechselt werden mussten oder er nur nach etwas Aufmerksamkeit und Zuwendung verlangte. Als er sich 1964 auf Muhammad umbenannte, nahm ich den Namen Rahaman an, doch unter Familienangehörigen hieß er immer noch Gee, und selbst heute nennen wir ihn noch so. Unseren Vater nannten wir Cash, und Mom war Bird, da sie immer in so ein wunderschönes Lachen ausbrach, wenn Vater für sie sang, sie neckte oder ihr Witze erzählte.
Unsere Mutter war am 12. Februar 1917 als Odessa Lee Grady geboren worden. Ihr Vater, John Grady, war zur Hälfte weiß, da er eine farbige Mutter und einen weißen irischen Vater hatte. Er war 1877 aus einer kleinen irischen Stadt namens Ennis nach Amerika gekommen. Nach einer langen und gefahrvollen Reise über den Atlantik traf und heiratete er eine befreite Sklavin. Mit innerer und äußerer Schönheit gesegnet, hatte unsere Mutter ein sehr sanftes und liebevolles Auftreten. Aufgrund ihres kräftigeren Körperbaus und der hellen Hautfarbe wurde sie oft für eine weiße Frau gehalten, sogar zu jener Zeit, in der die Hautfarbe eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und den Möglichkeiten, die sie hatten, spielte.
Überhaupt war es eine Seltenheit, unsere Mutter verärgert oder aufgebracht zu sehen. Immer gut aufgelegt, war da immer ein Funkeln, das Mutter zu einer so umgänglichen Person machte. Sie behandelte andere mit Würde, und diese Werte gab sie auch an Muhammad und mich von frühster Kindheit an weiter. Wir wurden gelehrt, anderen Menschen freundlich zu begegnen, uns gut zu benehmen und ältere Menschen zu respektieren, egal woher sie kamen. Zweifellos erbte mein Bruder seine freundliche und generöse Seite von unserer Mutter.
Mutter legte aber auch großen Wert auf Ordentlichkeit. Sie zog uns immer gut an, doch ihre Ansprüche galten auch für unser Heim. Zu Hause sorgte sie dafür, dass wir unsere Hausarbeiten erledigten – jeden Morgen mussten wir unsere Betten machen und unsere Schmutzwäsche in den Wäschekorb legen, bevor wir aus dem Haus gingen. Reinlichkeit wurde von jedem Familienmitglied erwartet, egal ob jung oder alt. Sie hatte auch keinen Favoriten. Obwohl Muhammad der Erstgeborene war, kann ich offen sagen, dass Mutter uns beide gleich liebhatte und keinen dem anderen gegenüber bevorzugte.
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