In dem widerlichen Kurhaus will sie nicht landen. Hat man sich angesteckt, kann man eingelocht werden. Das hat sie von erfahrenen Mädchen gehört. Nein, sie lässt sich nicht registrieren. Sie will ihr Gewerbe wie so viele andere verschwiegen betreiben. Draußen anständig gekleidet erscheinen. Den Herren nicht nachrufen. Keine Bordelle betreten. Viele Mädchen halten sich so über Wasser wie sie, ohne das Wissen der Polizei. Apfelsinenmädchen und Seifenverkäuferinnen gehören schon zum alltäglichen Bild in Schenken und an Straßenecken.
Alice nimmt eine Apfelsine in die Hand, kontrolliert, dass sie noch nicht verfault ist. Der würzige Duft sticht ihr in die Nase. Die Apfelsinen sind für etwas anderes nötig, als für eine Weile den Hunger zu stillen. Sie verleihen ihr die Rolle als Straßenverkäuferin und sind die Eintrittskarte in die Schenken. Die Apfelsinen wechseln selten ihren Besitzer. Sie sind ihr Schutz.
Die Matratze ist feucht. Sie bibbert, obwohl sie schon alle Kleider trägt, die sie hat. Ein Schluck Schnaps wäre jetzt gut. Er würde im Hals brennen und in den Magen laufen, den Körper wärmen wie eine Schmusekatze. Den einen oder anderen Schluck hat sie genommen. Aber eine Säuferin wie ihre Mutter, Hut-Klara, will sie nicht werden.
Hut-Klara trägt immer einen großen Hut mit getrockneten Blumen. Alice hat von den anderen Straßenmädchen gehört, dass ihre Mutter im Zuchthaus sitzt.
Ein Schutzmann, der in der Nähe von Slussen, der Schleuse unten beim Hafen, patroullierte, hatte einen Mordslärm von einer Mietdroschke gehört. Das Pferd mit Wagen stand an einer Straßenecke, ein Kutscher war nicht zu sehen. Deshalb schlich sich der Schutzmann an und riss die Tür auf.
Drinnen zankte sich Hut-Klara mit einem Fuhrknecht. Der Knecht hatte ihr einen Schuh an den Kopf geknallt und ihren Hut zerknautscht. Aber Hut-Klara wusste sich zu wehren. Sie hatte ihm eins übers Auge gegeben wie der übelste Hafenschläger.
Der Fuhrknecht hatte seine Arbeit verloren und Hut-Klara wurde wegen Hurerei verurteilt. Der Wagen war nicht nur Hut-Klaras Heim, sie hatte den Knecht damit durch die Straßen kutschieren lassen und Kunden hereingelockt. Während sie die Kunden bediente, musste der Fuhrknecht ruhig in den Parkanlangen auf Djurgården und in anderen menschenleeren Straßen herumfahren. „Porzellan fahren“, nannte man das. Aber Hut-Klara ist nicht gerade aus zartem Material, denkt Alice verächtlich.
Sie denkt an die eingesperrte Frau als Hut-Klara. Eine richtige Mutter hat sie nie gehabt. Hut-Klara hat sie als Siebzehnjährige in einem elenden Loch, nicht größer als ein Schuhkarton, geboren. Unter Huren und Säufern hat Alice ihre ersten Lebensjahre verbracht. Als sie drei Jahre alt war, wurde sie von der Polizei beim Betteln geschnappt und zu den Bibelfrauen gebracht. Eine Freundin von Hut-Klara gab an, die Mutter habe sich auf Wanderschaft begeben, um ihren Beruf in der Gegend von Uppsala auszuüben, und ihr Kind zurückgelassen.
„Uneheliches Kind der Herumtreiberin Klara Johansson“, schrieb Fräulein Qvennerstedt in ihr Journal.
Alice grinst zufrieden. Für ihren Teil hat die Choralsingerei ein Ende und auch das Scheuern von stickigen Holzfußböden auf Knien. Kein Schimpfen und Meckern mehr, wie faul und unbeherrscht sie ist.
„Niemand kann sich so verstellen wie Alice, sie ist ein richtiges Theateräffchen“, pflegte die Qvennerstedtsche zu sagen. Sie beherrscht wahrhaftig die Kunst, den Männern den Kopf zu verdrehen. Neckt sie, das reizt die Männer. Lacht über ihre Scherze, tritt fröhlich und keck auf. Bringt ihre schmale Taille zur Geltung und zwinkert mit den grünen Augen.
Sie atmet den Duft nach dem frisch gebackenen Brot ein, das sie auf dem Heimweg gekauft hat, um ihren Erfolg zu feiern. Beißt ein Stück ab. Frisches Weißbrot, das darf man sich heute gönnen. Genießt. Wenn die alte Qvennerstedt sehen könnte, wie sie Gottes Brot isst, das sie für Hurengeld gekauft hat, würden ihr die Augen aus dem Kopf fallen. Aber die alte Schachtel hat nicht mehr über sie zu bestimmen. Magd wird sie nie werden. Sie soll kein Witwer gratis betatschen dürfen. Wenn die Kerle tatschen wollen, müssen sie bezahlen. Und niemand soll je wieder über sie bestimmen, das gelobt sie sich.
Signes weiches Gesicht tritt in der Abenddunkelheit hervor. Signe, die sich angestrengt hat, die immer ihr Bestes tut. Wie dumm von ihr. Rackert sich jetzt vermutlich das Leben aus dem Leib beim Kleinbauern auf Värmdö. Signe und sie sind beste Freundinnen gewesen. Aber sie, Alice, ist die Stärkere. Hat Rat für sie beide gewusst, wenn das Regiment der Qvennerstedtschen zu hart wurde. Signe hat sie gebraucht.
Alice schüttelt ihre Locken. Nein, es ist am besten, man sorgt für sich selbst und hängt sich an niemanden.
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