Erst als draußen vor der Bucht ein Fischkutter mit ausgeworfenen Netzen langsam vorbeituckerte, streckten sie aufmerksam ihre Köpfe über die Wasseroberfläche, spähten in die Richtung.
Diese Geräusche kannten sie, wußten genau, wann Gefahr drohte. Zu erkennen war nichts, doch sie orteten die Distanz unter Wasser. Und nach Minuten verlor sich das Motorengeräusch in der Ferne.
Im Osten glimmte die blasse Scheibe der Sonne über den Nebelbänken. Einzelne Schwaden hoben sich, trieben als verwehende Fahnen davon, lösten sich auf in der zunehmenden Wärme. Und plötzlich wandelte sich das grellbleiche Licht in flammenden Schein. Die Sonne durchbrach die letzten Nebelfetzen, malte glitzernde Lichtreflexe auf die schimmernde Wasserfläche.
Jetzt wurde Dolan munter. Neugierig beobachtete er die huschenden Schatten im Unterwasserlicht, kleine und große Fische, Und auf dem sandigen Grund zwischen den Riffen entdeckte er ein paar Garnelen. Diese zehnbeinigen Krabbeltiere interessierten ihn. Blitzschnell tauchte er ab, jagte dazwischen. Doch die Garnelen verschwanden im aufgewirbelten Sand, gruben sich in den weichen Schlick.
Als er wieder nach oben steuerte, erkannte er im lichtdurchfluteten Oberflächenwasser einen großen, fast durchsichtigen Fleck: eine treibende Qualle. Und dieses glibberige Wesen reizte ihn. Übermütig peitschte er die Qualle mit seiner Fluke durch die Luft.
Kaum schlug die Qualle aufs Wasser, klatschte Kiluni mit ihrer Fluke dagegen. Im hohen Bogen platschte die Qualle herunter, direkt neben Digan, den dritten kleinen Delphin. Und nun machte auch Digan mit. Nur schaffte er das noch nicht ganz. Er traf lediglich den äußeren Rand. Unter seinem Schlag löste sich die Qualle auf.
Inzwischen hatte Dolan ein neues Spielzeug entdeckt: ein kleines Stückchen Treibholz. Vorsichtig stieß er mit seiner Schnauzenspitze dagegen, stupste es vor sich her. Mit einem Mal tauchte Digan auf und schnappte danach. Geschickt nahm Digan das Holz zwischen die Zähne und verschwand damit seitlich in die Tiefe auf den mächtigen düsteren Schatten eines versunkenen Wracks zu. Und es schien ihn nicht zu stören, daß es dicht am Wrack von winzigen Quallen wimmelte.
Gerade wollte Dolan ihm hinterherjagen, da empfing er ein Signal von seiner Mutter. Und das verstand er. Zwar müssen Tümmler den Gebrauch des Sonars zum Auskundschaften ihrer Unterwasserwelt erst verstehen lernen, um Bewegtes von Unbewegtem zu unterscheiden, die Ruf- und Warntöne ihrer Gefährten aber begriffen sie sehr schnell, vor allem die ihrer Mütter. Und das war für die unerfahrenen Kleinen bei den vielfältigen Gefahren des Meeres lebenswichtig.
Auch Digan schien das Signal verstanden zu haben. Kurz vor der verrosteten Schiffsschraube des riesigen Wracks drehte er ab. Dolans Mutter wußte, daß bei Ebbe die Wassertiefe erheblich schwankte, daß sich die Entfernungen zum Grund änderten. Sie kannte aus Erfahrung das scharfkantige Wrack im Schlick zwischen den Riffen der Bucht, aus dem ständig noch Öl hervorsickerte. Und sie wollte die neugierigen Jungen davon fernhalten.
Wenig später tauchte Digan in einem Wirbel sprühender Wassertropfen wieder auf, hob seinen Kopf weit aus dem Wasser. Das Hölzchen hatte er verloren. Eilig strebte er zurück zu den Weibchen. Und Dolan und Kiluni folgten ihm.
Möwenschreie schrillten über die Bucht, begleiteten die kleine Gruppe der Tümmler. Wo Delphine nach Fisch jagten, holten sich auch die Seevögel ihren Teil aus den aufgescheuchten Fischschwärmen. Seeschwalben und große Möwen flatterten kreischend über ihren Köpfen, stießen mit ihren spitzen Schnäbeln nach den schimmernden Fischleibern, immer wieder, gierig nach leichter Beute.
Dolan interessierte sich noch nicht für Fisch. Er begleitete nur seine Mutter und die Weibchen, zusammen mit den anderen Kleinen. Und wenn eine der riesigen Silbermöwen zu dicht bei Dolan ins Wasser stieß, tauchte er vorsichtshalber ab. Er mochte die großen Vögel nicht.
Nur gab es in dieser Bucht fast mehr Quallen als Fische. Und sie schienen sich zusehends zu vermehren. Mitunter trieben ganze Ballen dichtgedrängter Quallen als meterlange glibberige Masse im Wasser. Fast überall pendelten einzelne Quallen mit ihren Nesselfäden. Und nicht immer gelang es Dolan, ihnen rechtzeitig auszuweichen. Dann fuhr er unwirsch mit seiner Fluke dazwischen.
In letzter Zeit hatte der Fischbestand in der Bucht immer mehr abgenommen. Und die Ursache war das aus dem Wrack ausgelaufene Öl, das sich in winzigen Spuren im Wasser verteilte und von kleinen Ruderfußkrebsen gespeichert wurde, die dann nicht mehr vor den zahllosen gefräßigen Jungquallen fliehen konnten. Da eine einzige weibliche Qualle bis zu zwanzigtausend Eier ausstieß, vermehrten sich die Quallen durch das Überangebot an Nahrung maßlos. Sie wurden rasch größer, fraßen nach den Ruderfußkrebsen dann auch Muschel- und Fischlarven und später die Jungfische, so daß es keinen Nachwuchs bei den Fischschwärmen gab.
Für alle anderen blieb schließlich kaum noch Fisch übrig. Die Verschmutzung des Wassers durch das ausgesickerte Öl brachte die gesamte natürliche Nahrungskette der Bucht durcheinander. Und wer von den Quallen nicht gefressen wurde, mußte verhungern.
Die Tümmler wußten nichts von der Ursache, sie spürten nur die Folgen. Je mehr es von Quallen aller Größe wimmelte, desto weniger Fisch erbeuteten sie auf ihren Jagdzügen. Nur im tieferen Wasser, am Ausgang der Bucht, wurden sie noch richtig satt. Und bald begriffen die Weibchen, daß die verseuchte Bucht keine Zuflucht mehr bot zum Aufziehen ihrer Jungen.
Nach einem gemeinsamen Fischzug mit den männlichen Tümmlern kehrten sie nicht mehr dorthin zurück. Gerade als sie neben der Felsspitze in die Öffnung der Bucht schwimmen wollten, trieb ihnen eine riesige Quallenbank entgegen, träge auf und nieder schwappend in der schwachen Dünung. Das wirkte wie ein Signal. Entschlossen steuerten die Weibchen um die Felsspitze herum ins offene Meer.
Im anbrandenden Ozean war das Wasser klarer. Und die Wellen gingen höher, trugen kleine Schaumkronen. Das gefiel Dolan. Ausgelassen sprang er durch den sprühenden Gischt, genoß das quallenfreie Wasser.
Seine Klicklaute reizten Kiluni und Digan. Unbekümmert folgten sie ihm in kühnen Sprüngen. Und wo ihre Fluken das Wasser peitschten, entstand eine Wellenlinie perlender Luftbläschen, sekundenlang nur, bevor die nächste Woge sie überspülte.
Übermütig steigerte Dolan das Tempo. Und die beiden anderen hielten mit, sprangen mit ihm im gleichen Takt: Springen und Atmen und Tauchen, ein faszinierendes Spiel mit dem Rhythmus. Und manchmal kamen sie einander nahe, ließen ihre Flipper am Bauch des anderen entlanggleiten, empfanden das Streicheln als vertraute Nähe.
Plötzlich traf Dolan eine Schallwelle, eine Warnung seiner Mutter. Unwillkürlich drosselte er sein Tempo, fiel aus sorglosem Spiel in aufmerksame Wachsamkeit. Diese zerklüftete Unterwasserlandschaft war anders als die stille Bucht: eine gefährliche, von Wind und Wellen zernagte Felsenküste. Schartige Riffe ragten bis dicht unter die Oberfläche, überschäumt von tosenden Brechern der Brandung. An dieser Küste konnten Sprünge tödlich enden.
Nur ein paar Flukenschläge weiter draußen endete die Gefahrenzone. Gehorsam folgten die Jungen den Weibchen, paßten sich ihrem Rhythmus an. Und während sie sich an ihre Mütter drängten, stillten sie ihren Hunger.
Aus tief hängenden Wolken strömte Regen, ließ winzige Blasen auf dem Wasser tanzen. Kaum merklich ging der trübe Tag in Dämmerung über. Und noch immer zogen die Tümmler in mäßigem Abstand an der Küste entlang.
Dolan spürte die Müdigkeit des langen Weges. Aber noch war keine Zeit für Schlaf, die See war zu rauh. Nur für Sekunden döste Dolan in einem Wellental, atmete die feuchte Luft, bevor die nächste Welle heranwogte.
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