Während Dolan schlief, war die kleine Gruppe weiter seewärts geschwommen. Am Ausgang der Bucht hob sich im fahlen Mondlicht schattenhaft die Felsspitze ab. Dahinter dehnte sich endlos das offene Meer.
Von der See her näherten sich jetzt die anderen Tümmler, steigerten ihr Tempo, sprangen und klatschten zurück ins Wasser. Ihre Signale klangen lauter, dringlicher, vermischt mit einem eigenartigen Zischen.
Die Tümmler hatten einen Heringsschwarm geortet, der draußen auf See in nur dreißig Metern Tiefe die Nacht in SchlafStellung verbrachte. Das Zischen kam von den Tümmlern, die den Alarmruf der Heringe geschickt nachahmten, der die Fische zusammentrieb.
Die fünf Weibchen reagierten sofort. Wie auf Kommando änderten sie ihre Schwimmrichtung, schlossen sich den anderen an zu einer Treiberkette. So trieben sie die Heringe in die Bucht, wo sie nicht fliehen konnten. Ultraschallschreie durchzuckten das Meer, betäubten die Heringe. Der zusammengedrängte Schwarm wurde zur leichten Beute. Weiß schäumte das Wasser zwischen den herumwirbelnden Tümmlern. Und erst als alle satt waren, löste der Jagdverband sich wieder auf.
Dolan hatte sich die ganze Zeit über dicht neben seiner Mutter gehalten, hatte jede ihrer Bewegungen mitgemacht, mitten im nächtlichen Getümmel. Der Lärm der zahllosen Laute und Signale, das Brodeln des Wassers, die ganze wild wogende Szene, das alles erregte ihn.
Aber noch empfand er es nur als Spiel. Er mochte noch keinen Fisch, trank lieber bei seiner Mutter. Und als sie gesättigt mit den anderen Weibchen sich wieder von der großen Gruppe der Tümmler entfernte, holte Dolan sich seine Milch.
Tage und Nächte vergingen im Wechselspiel der Wellen, zwischen Tauchen und Atmen, Streicheln und Spielen, auch mit Kiluni und den anderen Weibchen. Und Dolans Mutter ließ ihn gewähren.
Dolan war größer geworden und ein wenig erfahrener. Alle Wale wachsen schnell, auch die kleineren Zahnwalarten, die Tümmler und anderen Delphine, genährt durch die fette Milch ihrer Mutter. Aber noch war Dolan ein Milchkind, würde es noch lange bleiben. Jagen mußte er erst lernen, das komplizierte Zusammenspiel der Gruppe bei der Jagd.
Inzwischen hatte auch eines der anderen Weibchen ein Junges bekommen. Jetzt waren die Kleinen schon zu dritt, beschützt von den fünf Weibchen, die sich meist etwas abseits hielten von den männlichen Tümmlern. So konnten sie in Ruhe ihre Jungen aufziehen, sie säugen und ungestört mit ihnen spielen.
Ständig aber hielten sie Kontakt mit den anderen, blieben auch als Kleingruppe Teil des größeren Verbandes, reagierten auf ihre Signale, auf ihre Warnungen, ihre Beutemeldungen. Zur gemeinsamen Jagd schlossen sie sich zusammen und zum Spiel, zum Reiten auf den Wellen. Und allmählich lernte Dolan auch die anderen kennen.
Er wußte, daß Kuntak, der größte und erfahrenste, die männlichen Tümmler anführte, während die Gemeinschaft durch die Weibchen zusammengehalten wurde. Kuntak griff furchtlos jeden Gegner an. Und er trug die Narben zahlloser Kämpfe auf seiner Haut. Er gab Signal zur Jagd, bestimmte je nach Fischart die Jagdtaktik. Auf diese Weise lernten die Jüngeren von den Älteren.
Dolan kannte inzwischen Kuntaks Stimme, seine ungestüme Art. Meist war Kuntak freundlich zu den Weibchen und zu den Kleinen. Nur manchmal, wenn Kuntak ihn beim Spiel heftig rammte, bekam Dolan Angst vor ihm. Aber jedesmal fuhr Dolans Mutter wütend dazwischen. Dann jagten die beiden mit der Fluke schlagend wild umeinander, bis Dolans Mutter Kuntak von Dolan abgelenkt hatte.
Im Abendlicht zogen die Tümmler gemeinsam hinaus aufs Meer, auch die Weibchen mit ihren Jungen. Weit draußen vor der Bucht lag ein üppig bewachsenes Unterwasserplateau, ein sehr fischreiches Gebiet. Die See war rauh. Schaumkronen glitzerten auf den Wogen. Springend und spielend jagten die Tümmler durch die Dämmerung. Dolan gefiel das. Und übermütig klatschte er mit seiner Fluke.
Noch waren sie ein ganzes Stück von dem Plateau entfernt, da tauchte Kuntak bei der Weibchengruppe auf, suchte Kontakt zu einem der kinderlosen Weibchen. Doch das war nicht paarungsbereit und flüchtete zu den Weibchen mit den Jungen. Und Kuntak jagte hinter ihm her.
Dabei preschte er ziemlich ungestüm an Dolan vorbei, rammte ihn in die Seite und drängte ihn von seiner Mutter ab, die Kuntak auszuweichen versuchte. Dolan taumelte ein wenig von dem Stoß, fing sich aber gleich wieder.
Augenblicke nur verlor er in einer überschlagenden Welle die Orientierung, fühlte sich allein. Verstört stieß er Alarmsignale aus. Im selben Moment schoß aus der dunklen Tiefe ein Schatten heran, ein großer Schatten, viel größer als Dolans Mutter. Und das war kein Delphin.
Im ungewissen Dämmerlicht erkannte Dolan in dem halbgeöffneten Riesenmaul zwei Reihen mörderischer Zähne. Es war ein Hai, mehr als vier Meter lang. Er schoß direkt auf Dolan zu, rasend schnell. Und Dolan spürte einen scharfen Schmerz in seiner Fluke.
Dolan schrie vor Angst, stieß schrille Pfiffe aus, versuchte zu fliehen. Fast gleichzeitig schoß ein anderer Schatten an Dolan vorüber. Dolans Mutter hatte seine Hilferufe gehört. Und sie verteidigte ihr Kind. Obwohl sie kaum halb so groß war, nahm sie den Kampf mit dem gefährlichen Gegner auf. Mit Höchstgeschwindigkeit rammte sie den Hai in die Flanke.
Sekundenlang dauerte der ungleiche Kampf. Plötzlich schien das Wasser rundum zu kochen. Auch Kuntak hatte Dolans Hilfeschreie gehört. Blitzschnell hatte er die Gefahr geortet, den Hai erkannt. Zwischen brodelnden Luftblasen rammte er den Hai von der Seite, stieß mit ungeheurer Wucht in seine Flanke und zerbrach mit seinen Rammstößen das Knorpelskelett des Hais, bis er mit gebrochenem Rückgrat leblos in die dunkle Tiefe sank.
Verängstigt drängte Dolan sich an seine Mutter, die ihn beruhigend mit den Flippern streichelte. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Seine erste Begegnung mit einem Hai war glimpflich verlaufen, dank der Hilfe der Großen. Die Wunde an seiner Fluke war nur ein kleiner Kratzer. Auch seine Mutter hatte nur eine Schürfwunde an der Bauchseite. Und fürsorglich nahm sie Dolan auf ihren Rücken.
Knapp eine Woche später hatte Dolan seine Wunde schon fast vergessen, nicht aber die Begegnung mit dem Hai, nicht dieses Gefühl panischer Angst. Wunden heilen schnell bei Delphinen, die Erfahrungen aber bleiben. Als intelligente Säugetiere lernen sie aus jeder neuen Erfahrung. Und sie wissen sie zu nutzen.
Auch Dolans Mutter hatte aus ihrem Kampf mit dem Hai gelernt. Sie war noch ein ziemlich junges Weibchen, und Dolan war ihr erstes Kind. Sie hatte begriffen, daß es bei dem fischreichen Unterwasserplateau, wo auch Haie jagten, für die Kleinen noch zu gefährlich war, obwohl einzelne Haie nur sehr selten einen Jagdverband von Großen Tümmlern angriffen, um sich ein Jungtier zu holen.
Vorsichtshalber hielt sie sich mit den anderen Weibchen und den Jungen meist in der stillen Bucht auf, in die sich wegen der zahllosen Riffe selten ein Boot verirrte. Fische gab es auch hier noch genug. Nur wenn die Gruppe der männlichen Tümmler von draußen einen Fischschwarm in die Bucht trieb, beteiligten sie sich an der Treibjagd.
Dolan fühlte sich wohl in der Geborgenheit der Weibchen, in der weiten, von hohen Bergketten umschlossenen Bucht. Allmählich wurde er schon mutiger, entfernte sich mitunter im Spiel mit Kiluni und Digan ein wenig weiter von seiner Mutter. Und sie duldete es. Wie alle Säugetiere lernten auch kleine Tümmler im Spiel. Neugier war Überlebenstraining.
Im Moment jedoch war Dolan nur schläfrig. Morgennebel lagerte über der Bucht, verhüllte die Konturen der Küste, die bei Ebbe freiliegenden Felsenriffe. Kein Windhauch bewegte den Wasserspiegel. Dolan trieb mit den anderen nahe der Wasseroberfläche, atmete in langen Abständen. Die Tümmler genossen die Ruhe, den Minutenschlaf in den stillen Wassern.
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