Der Baum endigte gerade seine betörende Melodie, ich mochte, solange sie noch vernehmlich war, gar nicht mit einem Begrüßungswort des Inhalts beginnen, dass ich diesem wackeren Verfasser der unsterblichen »Undine« von Herzen gönnen würde, dass er mit einem seiner Speere den Ballistik-Ingenieur Bonaparte erlege, ohne dass freilich dessen Hirnsubstanz dabei Schaden nähme – da trat der hinter der Eiche hervor, der sogleich mein Brustbein erglühen ließ! Der Mädchensoldat – pardonnez, mon chasseur! Selbst aus noch so großer Entfernung sah ich sein Philtrum! Es war, wie ich nun merkte, von unserer ersten Begegnung her gleich treulich in meinem innersten Herzen abkonterfeit gewesen, jenes Philtrum auf seiner großzügigen Labia oris superioris! Kurzum: Mein Entzücken erblickte zuerst seine nun trockengefallene Mädchen- und Knabenrotzrinne auf seiner Oberlippe.
Der erste überhaupt sichtbare Lützower Jäger zu Fuß auf der Welt stand nun ganz dicht vor mir. Sein Philtrum war, nahe besehen, eine weiche Mulde, die beidseits bis zur sanftesten und leicht gebogenen Auffaltung der Wangen hin von noch kaum merklichem weißgoldenem Flaum überflogen war. Das, was die Griechen Amorbogen nennen, die bei diesem hier so schöne kleine Schwinge des Oberlippenscheitels, war um ein Weniges zu rot, ja sogar mit einem Anflug des Wundseins versehen wie von Erkältungen herrührend – oder auch von zu langem Flötenspielen. Oh, da hätte wohl so manches Mädchen das Anblasloch jener nun weggesteckten Querflöte sein mögen, das solch ein Philtrum und dazu noch eine spielend flatternde Zungenspitze zu einem musikstücklangen Kusse empfing!
»Ja, Meckel von Hemsbach, da staunt Ihr nicht schlecht«, sagte Fouqué, »auf einen Kämpen des Königs zu treffen, der partout und in allen Ehren unbelehrbar seine Speere zu den Flötentönen Friedrichs des Großen schleudert, was?«
»Ich würde«, sagte ich zu dem in allen deutschen Landen und besonders auch in Halle so berühmten Mann, »wohl eher staunen, liebster Ritter Huldbrand, wenn Ihr ein englisches Schießeisen wie ich benutzen würdet, aber egal wie wir’s beide machen, mit der englischen Muskete oder mit der Thiudolflanze ...«
»Frisch auf, zum fröhlichen Jagen / Es ist nun an der Zeit«, sang da auf einmal dieser Lützower Flötist mit heller und begeisterter Stimme das auch sonst überall zu vernehmende Lied des deutschgermanische Ritterbücher schreibenden urfranzösischen Barons de la Motte Fouqué, »es fängt schon an zu tagen / Der Kampf ist nicht mehr weit!«
»Mein guter Kamerad«, sprach ich die Lützower Querflöte an.
»Albrecht von Hemsbach?«, fragte die und lachte dabei unsicher dazu. Und bei diesem Lachen verschwand das Philtrum, jene entzückende Oberlippenrinne, ja ich sah, wie sich selbst ihr niedlich-kindlicher Amorbogen streckte, während sich auf den glühenden Wangen zwei scharfe, in der Mitte etwas dünne, sonst aber überaus grazile Bögen bildeten, die von den aufgeregten Nüstern an den lachenden Mundwinkeln knapp vorbei schließlich noch ein kleines weiches Kinn umrundeten.
»August ist so ein Garnisonskind«, sagte Fouqué, »er gehört zu den achtzig Mann, die ich von Potsdam her dem Könige in Breslau zuführte.« Dabei habe Blücher selber zu ihm in kriegerischen Reimen »Die einen mit’n Sabel, die andern mit’n Schnabel!« gesagt, woraufhin er, Fouqué, dem alten Haudegen seinen altehrwürdigen Pallasch vorwies, um zu bedeuten, dass er vor allem wegen dem »Sabel« zu ihm gestoßen sei.
»Der da ist erst unterwegs zu uns gestoßen. Aber er will partout nicht mit zu meinen gut preußischen Brandenburgischen Sechsten Kürassieren! Sondern zu Lützow mit seinen Ausländern zieht es ihn, damit der ihm gelegentlich höchstpersönlich, glaubt der doch noch, vom Partisanen Schill auch erzähle! Wie der da einen Baron wie mich behandelt! Auf einmal gibt es überall solche freien Menschen, die es dennoch lieben, Preußen zu sein!«
»Ich bin August Renz und auch noch direkt aus Potsdam!«, rief der Gemeinte, erstmals Aug in Auge mit mir, und rammte mir seine ausgestreckte Hand in den Bauch. Wir beide waren, merkte ich, auch von gleicher Körperhöhe.
»August Meckel«, konnte ich nur antworten und eine schlanke, aber durchaus zupackende Hand dabei schütteln, »August Albrecht Meckel heiße ich – hast du auch einen zweiten Vornamen, lieber Kamerad? Ich kann schon den einen bei mir, August, nicht so recht leiden.«
»Freut mir, Albrecht – denn nenn mir doch Leo«, sagte August und wurde sofort rot, »oder Leopold. Falls wa uns noch mal treffen sollten. Sieht ja ganz danach aus.« Er wich von mir fort, zückte etwas ungeschickt seine Querflöte und sagte irgendwie fast flehentlich zu Fouqué: »Machen wir weiter, Herr Baron?«
Fouqué lachte mich an. »Schießen kann der olle Potsdamer August schon ausgezeichnet! Allerdings wohl nur mit Tönen aus der Flötenbüchse! – Wie wäre es nun, August, du nähmest jetzt und hier von mir deinen Abscheid ... (Fouqué, dieser doch etwas unique Duz- und Deutschbruder von Jahn, sagte doch tatsächlich auf altdeutsch »Abscheid?«) ... und folgst diesem wackeren Hallodri und Oberjäger auf den Schießplatz? Schau mal, gleich zwei Musketen hat der beiderseits an seinen Sattelblättern stecken!«
»Das sind treu bewährte englische Waffen«, sagte ich und lud Leo mit einem Wink dazu ein, an Jean Weinbrand heranzutreten. Leo fuhr mit den Fingerspitzen über das Schloss der einen, der neuen Muskete und folgte so auch sanft der dicken S-Kurve des Hahns.
»Diese ist eine ziemlich neue Indian Pattern, die ist zwar Massenware, aber man kann bei ihr auch, wortwörtlich, von einer sehr trefflichen Waffe sprechen – du streichelst gerade ihren so charakteristischen Schwanenhals-Hahn.« Leo zuckte zurück.
»Du kannst diese Indian Pattern auch gleich ganz nehmen und wenn du dich mit der gut einschießt, so sollst du sie auch behalten!«
»Danke, Albrecht«, sagte Leo, »von Hemsbach.«
»Danke mir erst, Leopold Renz, wenn du von mir mit der da auch treffen gelernt hast.«
Mein lieber Heinrich, halte mich bloß nicht für einen verdorbenen gottlosen Mann, der noch angesichts seines Todes in seinen abwegigen Lüsten zu schwelgen gedenkt, wenn ich Leos Antlitz hier noch einmal vor allem für mich selber, aber eben deshalb auch für dich, mein Sohn, auf eine nahezu anatomische Weise heraufbeschworen habe. Ach, verflucht! Sind doch auch alle Bildnisse sonst, die ich von diesem geliebten Menschen mit Feder und Stift gemacht, auf so unglaublich traurige Weise zugrunde gegangen! Alle sind verloren, bis auf jenes eine, welches dir – schon von deinen Kindestagen her so vertraut – deinen Vater als einen Hirsch abdeckenden Lützowisehen Nimrod zeigt. Dazu sind einige Kameraden zu sehen. Du konntest unten auf der Bildleiste ihre Namen lesen, etwa den des Oberjägers Palm, Bruder des auf so scheußliche Weise hingerichteten Buchhändlers, Vietinghoff auch, neuer Bataillonschef nach Jahns Ablösung durch den Lützower Ehrenrat und Friesens Freund, der später dessen sterbliche Überreste nirgendwo in den deutschen Landen beerdigen konnte, oder den des aus dem Hintergrund herangaloppierenden und uns etwas zurufenden legendären Hauptmanns Förster. Nur dem blonden und sehr knaben- oder mädchenhaften Lützower in voller Montur gleich im Hintergrund links bei jenem Leiterwagen, den unsere zweite Schwadron als möglichen Verwundetentransporter irgendwo im Mecklenburgischen requiriert hatte, genau dem habe ich unten auf der Leiste keinen Namen gegeben.
Aber genau von dem rede ich hier vor allem. Wegen dieses Menschen hätte ich der hirnanatomischen Compagnie von Reil und Meckel später beinahe den Kopf von Napoleon gebracht!
Der Plunket’sche Anschlag auf dem Rücken liegend wirkt ziemlich lächerlich und ist im Übrigen meist unbequem – »außer für Thomas Plunket selber«, sagte ich auf dem Schießplatz zu Leo, »und außer natürlich für mich! Kurzum, der Plunketanschlag ist was für Leute, die Vögel, kleine Tiere oder fast schon zu weit entfernte Generäle zu schießen haben, die sich gerade gar nicht oder nur sehr langsam in dem Feld bewegen, das sie selber angerichtet haben.«
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