Wir wollten uns schon zum Gehen wenden, um sogleich die Stadt zu verlassen, da klimperte das geschüttelte Geldsäckchen noch lauter, und die Frau knickste vor ihrem Brotherrn ohne Brot. »Ich soll, Herr Direktor, Ihnen dies hier, Herr Direktor, nun nehmen Sie mal, Herr Direktor.« Ludwig nahm völlig verdutzt das Geldsäckchen.
»Ist das hier etwa ein Lohn dafür, dass ich euch keine Arbeit mehr gebe?«
»Die Fahnenstickerinnen von Weißenfels haben es gesammelt, Herr Direktor, ich bin doch eine von Weißenfels, Herr Direktor. Sie sollen es mitnehmen nach Breslau für die Freiwilligen, Herr Direktor.«
»Hör endlich mit dem Geknickse auf, Minchen«, maulte Eggerding, »und seit wann drängelst du dich vor! Hier, Herr Wucherer, das nun ist von uns allen! Wuchern Sie damit man schön in Breslau, damit da auch mancher seine Flinte und seinen Säbel kriegt!«
Nun hielt Ludwig wirklich ganz verdutzt einen noch erheblicheren Geldbeutel in der anderen Hand. Damit man seine nunmehr nassen Augen nicht bemerken sollte, wandte er seinen Leuten ohne weitere Worte seinen breiten Rücken zu, drückte mir den Geldbeutel Minchens und der Weißenfelser Fahnenstickerinnen in die Hand und sagte beim Abgehen so laut zu mir, dass es jeder im Formenmagazin vom mexikanischen bis in den russischen Winkel hören konnte: »So viel zu der Geschichte, mein lieber Albrecht, mit dem Titel ›Als wir klammheimlich unsere Heimatstadt verließen, um sie zu befreien‹.«
In der Tat war Halle damals ein besonders patriotisches Pflaster, zumal diese Stadt so viel mehr von Krieg, Besatzung und Kontributionen ausgelaugt worden war als jede andere Stadt im Königreich Westphalen. Dazu kamen die Repressalien durch Espionage, Spitzelei und amtliche Bevormundungen skurrilster Art – zum Beispiel hatte der Departements-Registrator Leist schon gleich nach des Preußenkönigs Aufruf an sein Volk nicht nur das Tragen von Waffen, sondern auch das Tragen unbekannter Abzeichen und sogar das Tabakrauchen aus mit deutschen Motiven bemalten Pfeifenköpfen verboten. Der aus Sevilla gebürtige Präfekt zu Halle, der Chevalier Piautaz, ließ gar per Anschlag an der Alten Ritterakademie Kinnbärte verbieten!
Dabei waren die meisten Hallenser beileibe keine Anti-Gallikaner. Die neuen französischen Gesetze brachten ja auch Riesenfortschritte, nur konnten sich diese kaum als wirksam erweisen in einem so harten Alltag wie dem halleschen. Außerdem hörte man in der Stadt, die stolz war auf ihre libertären Errungenschaften, vor allem von Berlin her, wo jetzt die meisten großen Geister der halleschen Universität wirkten, viel deutlicher als anderswo, dass Preußen auf seine Weise und noch viel besser nachholen würde, was die Franzosen an Zivilität und Gesetzeskraft für alle trotz Krieg und Kaisertum erreicht hatten. Dies war hier damals noch ein Patriotismus ohne Gewese und Hurra. Weil aber die hallesche die große moderne deutsche Arbeitsuniversität gewesen ist bis zur französischen Besetzung, die dann ihre besten Kräfte wie Schleiermacher und Reil in die wachsende Berliner Universität gab, war es kein Wunder, dass hier die schwarz-rot-goldenen Gedanken am intensivsten und verbreitetsten gedacht wurden – und zwar die sehr lichten wie auch die finsteren, wie sie vom sogenannten Turnvater Jahn durchaus mit großer Wortkraft vorgetragen wurden.
Man sah es dann schon an den Lützowern selber, deren eigentlicher Kern die Legenden bildenden reitenden Jäger waren. Man konnte sogar sagen, dass die 2. Schwadron ein genaues Spiegelbild von Deutschlands Geisteselite abgegeben hat. Auffällig war der übermäßig hohe Anteil hallescher Studenten und Professoren. Ich habe noch Reils Abschiedsrede am 8. September 1810 vor der Studentenschaft Halles im Ohr, als er etwa sagte, dass es eine liebliche Gruppe sei, zu der uns der Zufall an diesem Ort zusammengeführt habe: Westfalen, Sachsen und Preußen in einem Kreise verschlungen, und dass diese Gruppe uns darauf hinweisen sollte, dass wir alle Kinder eines Volkes seien, dass Eintracht die Wurzel der Stärke und Gemeingeist die Seele des öffentlichen Lebens sei.
Selbst Jahn war mal ein hallescher Student gewesen und hatte sich, weil ihn schon damals nur wenige leiden konnten, eine Zeit lang in einer Höhle am Saaleufer versteckt halten müssen. Dort hatte er auch das erste böse Pamphlet deutscher Überheblichkeit verfasst.
Andere wiederum, nimm gleich mich, mein Sohn, und meinen Freund Ludwig Wucherer, waren zwar eher Europäer und überhaupt Leute von Welt, die sich in der Mitte des Kontinents einfach ein freies Land der Bürger namens Deutschland erträumt haben. Aber auch, dass beispielsweise der Potchamber wieder zum Nachttopf werden und die Mairie von Halle wieder Bürgermeisteramt von Halle heißen möge. Oder, um es an deinem Onkel Meckel zu zeigen, den Alexander von Humboldt als »deutschen Cuvier« bezeichnet. Cuvier ist ein unvergleichlicher Gigant der Wissenschaften und Freund deines Onkels, mein Heinrich, da kann man den Spieß nicht umdrehen, aber man könnte doch seinen Konkurrenten in Paris, Geoffroy Saint-Hilaire, der Meckel vielleicht vom Arbeitsprofil her am ähnlichsten ist, als den »französischen Meckel« bezeichnen! Aber keiner kommt auf die Idee. Jedenfalls jetzt noch nicht. Denn dafür müsste es etwas geben, das seit Karl dem Großen quasi jahrhundertelang in der Luft gelegen hatte: Deutschland.
Kannst du dir vorstellen, dass sich einer wegen solcher Ideen bewaffnet und ein Pferd besteigt, um dergleichen in der Wildnis von 1813, wo es auch Deppen mit Bart wie den Jahn gibt, auszufechten? Ja? Dann bist du bereits ein Lützower.
Wie du schon allein am Gespann Meckel–Jahn erahnen kannst, war die einigste, legendärste und poetischste Reiterei der Deutschen so einig nun auch wieder nicht. War man von Geburt oder Staatstitel her ein Preuße, kämpfte man meist auch für Preußen, wenn auch für ein stark zu erneuerndes, und sah ein einiges Deutschland eher vage, wenn auch wohlwollend. War man es nicht, kämpfte man vor allem für Deutschland und stand den Preußen oft skeptisch gegenüber. Allen anderen deutschen Landen natürlich auch. Aber mit diesen Konflikten hatte man schon an den Universitäten gelebt. Das meiste davon wurde eher scherzhaft ausgetragen, was natürlich mit einem klimmziehenden Deutschlandkeucher wie Jahn gar nicht ging.
Breslau war im Frühjahr 1813 die aufregendste Stadt in Preußen. Es war nur von Halle aus schwer hinzukommen. Außer zwischen Frankfurt an der Oder und Stagard führte nirgends eine Chaussee in diese Richtung und im kühlfeuchten Frühjahr von 1813 waren alle anderen Wege fast gänzlich im Schlamm versunken.
Am Ende aber erreichte man selbst Breslau. Es war spürbar das wichtigste Handelszentrum des Ostens, in dem doch ein so ganz anderes Leben pulsierte als im stilleren, mehr dem Geist gewidmeten in Halle. Gewöhnlich brauchte man von Halle aus mit der Extrapost sechs Tage und fünf Nächte, aber Ludwig und ich, manchmal getrennt, meist aber zusammen reitend, brauchten nur vier Tage. Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit Paul, dem Meckel-Gaul, der nach dem Brief- und Geistesfreund Meckels, dem berühmten Jean Paul, hieß, aber im Gegensatz zu Deutschlands neben Lafontaine und Fouqué beliebtestem Autor auf längere Distanz längst nicht mehr eingeübt war. Meckel hatte das Pferd Paul ohnehin etwas verkorkst durch zwar waghalsiges, aber völlig unsensibles Reiten. Ich musste Paul in Breslau irgendwie loswerden. Das Pferd war nicht mehr so jung, um es noch an mich und die Gepflogenheiten einer Freischar und eines Jägers und Schützen zu gewöhnen.
In Breslau saßen die Vertreter des Warenverkehrs mit Russland und Polen. Hier fanden die berühmten Russenmärkte statt. Hierher kamen die Händler weit aus dem Inneren des Zarenreiches mit ihren Rohstoffen und Naturalien. Sie führten Tuche, Ackergeräte und vor allem Sensen und vielerlei Krämerware wieder aus. Auch jetzt, mitten im Krieg, herrschte im Zentrum der Stadt das abenteuerlichste Gedränge von großen, schwerfälligen Planwagen für Ferntransporte aus aller Herren Länder, abzüglich Englands und der links- wie mancher rechtsrheinischen Gebiete.
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