Zuvor auf der Hochzeit war neben dem Onkel Friederikes, dem später so bedeutenden General Kleist von Nollendorf, auch schon der beste Kriegskamerad und Freund des Obersten von Kleist, nämlich der Husarengeneral und spätere Marschall »Vorwärts« Gebhardt Leberecht von Blücher in Halle erschienen. Der hat sein »Riekchen« ohnehin von Anfang an fast genauso geliebt wie seine eigene Tochter Friederike, die er zur Unterscheidung von »Riekchen« stets nur »Fritzlein« nennt.
Wer einen Blücher als Schutzgeist hat, dem kann das Schicksal weit weniger Schläge als anderen erteilen. Dieser großartigste Braut- und Großvater aller Preußen hatte Friederike ein Hamburger Hass-Clavichord zur Hochzeit mitgebracht, das einen bunt gemalten Husarenritt auf der Deckelinnenseite zeigte, ein kluges Geschenk, war dieses Clavichord doch bald Friederikes Instrument zur besten Regulierung ihrer Gemütszustände und Herzensangelegenheiten. Man konnte nahezu eifersüchtig darauf werden, was ihre Fingerkuppen diesem – und nicht mir oder meinem Bruder – mitzuteilen hatten und zu entlocken vermochten.
Zweieinhalb Jahre nach Riekchens und Onkel Fritzens Hochzeit sandte ihr der Brautvater ein Billet, das mir eine stolz errötete Friederike zwar nur einmal kurz gezeigt hatte, dessen Worte und seltsame Orthographie sich meinem Anatomengedächtnis aber für immer eingeprägt haben: »Leberecht wol, mein Riekchen – ein Glük das dich mein klavikord zu deine Hochzeit noch so gefält und du so gewand darauf klenge zaubern gelernt hast – so wandele zum Becircen noch ein bissken inn Keller zu dein Leichen-Marschall Mekel – hab ich zu dir nicht gesprochen es gipt auch im Jenseits Husaren! Und spil mir in einiche tage das Lied von dem Siegercranze doch – wenn ich den Napolium ausgekloppt habe!«
Aber nicht zierliches Fingerkuppenspiel über silbern-heiter klingende Tasten hin machte Friederikes eigentliche Kunst aus, sondern was sie tatsächlich in den Jahren auch mit dem Skalpell zu leisten vermochte. Gerade das nun öfter gemeinsame Hantieren mit den schärfsten Messern ließ Fritz und Friederike schon damals vor meinen Augen als nahezu unzertrennlich erscheinen. Trotzdem habe ich, wie gesagt, bis heute das Gefühl, als ob Friederike eigentlich mich, Meckels Halbbruder, geheiratet habe. Selbst dir, meinem Sohn, und sogar mir selber mag ich gar nicht weiter beschreiben, wie tiefgehend und stetig meine Gefühle für sie, meine Friederike, sind.
Friederike küsste mich vor ihrem Mann und vor meinem Kameraden Ludwig damals sehr, sehr lange – wie ich zumindest meinte – auf den Mund und drum herum, vielleicht ja auch deshalb so lange, weil ich mich vor Überraschung wie tot verhielt. Aber in mir strömte das lebendigste, wärmste Blut.
»Bleib nicht so lange weg«, flüsterte sie, »und schon gar nicht für immer – versprochen?«
»Keine Angst, liebste Fritzie«, hatte da Meckel wie aus dem hellhörigen, aber wohlwollenden Jenseits gesagt, »der hat, was das betrifft, bereits klare Befehle von mir!«
Lohnauszahlung an den Fabrikdirektor
Es war damals gar nicht so einfach, als Freischärler in spe die Stadt durch eines ihrer Tore zu verlassen. Polizei und Espionage waren geradezu hysterisch geworden, und zwar zu Recht in einer seit fast hundertfünfzig Jahre lang gut preußischen und sowieso schon immer recht aufklärerischen und also aufmüpfigen Stadt wie Halle an der Saale.
Was wir von hier aus für Breslau brauchten, hatten wir bereits vor der Stadt in Assur Aernstfalls Tabagie »Zur Verzweiflung« deponiert, die zugleich auch eine vor allem von Studenten stark frequentierte und unergründliche Gebrauchtkleiderhandlung war. Mitte März 1813 also – und meinem Bruder Fritz war das bestimmt nicht ganz entgangen – hatte ich meine gerichtsmedizinischen Sägen, Sonden und Darmscheren in ihre groben Tücher und Taschen, aber auch viele meiner Bistouriskalpelle, Lanzettmesser und Trokare unterschiedlichster Anwendungsgebiete in ihre kostbaren Samtbetten zurückverfügt, um eine ganz andere, viel gröbere Klinge zu ergreifen, nämlich einen ganz schlichten sogenannten Blücher-Säbel in seiner zinkblechernen Scheide. Zu dieser Bewaffnung kamen noch meine russischen Pistolen und meine »Indian Pattern«-Muskete mit dem Schwanenhals-Hahn, die ich in der Gegend um Halle, besonders beim Vögelschießen im Gebiet des Süßen Sees, immer recht treffsicher benutzt hatte und mit der ich auch in den Schweizer Bergen jedes noch so kleine Ziel allermeist in jener Art zu treffen pflegte, die dir kleinem Knaben immer solche spitzen Schreie des niedlichsten Entzückens entlockt hatte – eben mit jenem Plunket’schen Gewehranschlag liegend rückwärts. All das und noch mehr hatte also unser verlässlicher Assur Aernstfall in seiner Tabagie »Zur Verzweiflung« gut versteckt, ebenso Ludwigs Ausrüstung.
Ehe wir aber dorthin gingen, musste Ludwig noch das Wagnis eingehen, zu ausgewählten Vertretern seiner Beschäftigten zu sprechen. Er hatte sie auf seinem weitläufigen und ziemlich verwinkelten Fabrikgelände mit den Druckereien, Farbholzkammern, dem Pferdegöpel und so weiter in das Formenmagazin mit den Tausenden erlenhölzernen Druckformen fantastischster Muster gerufen, die vor allem Frauenkleider von Mexiko bis Russland verzieren sollten. Nun ruhte die Produktion fast gänzlich. Statt der etwa zwanzig in das Magazin Bestellten drängten sich anscheinend fast alle in der Fabrik Beschäftigten im Raum, darunter alle 25 Tuchmacher, die Grümpler und Stuhlarbeiter, die Kämmer, Walker und Kontoristen, die Spüler und Hofarbeiter, Papke, der Fräser, Marwitz, der Färber, nebst seinem Farbknecht, sechs von den acht Formenstechern, die Kupfer- und Golgasdrucker, die drei Tippelmädchen und Jadwiga, die Vorrichtefrau. Von den 81 Spinnerinnen war mindestens die Hälfte erschienen.
»Eggerding«, sagte Ludwig knapp, »von allen hier Anwesenden habe ich nicht einmal ein Fünftel herbestellt. Es wäre auch das noch gefährlich gewesen.«
»Nicht meine Schuld, Herr Directeur«, maulte Eggerding wie immer, »wenn die trotzdem kommen. Die trauen sich eben in diesen Tagen.«
»Na denn, guten Tag miteinander, wenn Sie nun mal alle gekommen sind«, sagte Ludwig Wucherer und ließ das erwidernde Gemurmel nicht lange verebben. »Ich danke euch allen, ihr wisst selber, wofür. Ihr wisst auch, dass ich fast pleite mit dieser Fabrik bin. Und ihr kennt mich, ich mache euch auch nicht vor, dass es irgendwann hier mal weitergehen wird. Höchstwahrscheinlich nämlich nicht. Ich habe mich jetzt für eine Zeit, die ich selber noch nicht überblicken kann, zu einer anderen Tätigkeit entschlossen. Ich werde dazu Halle verlassen und, wie immer, den krummen und sauertöpfischen Eggerding hier den Schlamassel ausbaden lassen. Ich kann euch nur eins versprechen – wenn ich je wieder ein verlässlicher Fabrikant sein sollte, werde ich keinen von euch ignorieren, der um Arbeit bei mir anklopft, ob ich nun selber was habe für ihn oder ob ich demjenigen anderweitig weiterhelfen muss. Tut mir leid, aber ich konnte diese Fabrik nicht halten. Selbst meine selige Mutter hätte es nicht mehr gekonnt. Ich wünsche euch und euren Familien nun alles Gute, bleibt tapfer und aufrecht, wir sehen uns wieder, und ich nehme mal an, das wird in Preußen sein!«
Da erhob sich mit Stimmen und Händeklatschen der Beifall. Ludwig schnitt mit beiden Händen beschwichtigend durch die Luft. »Seid ihr alle verrückt geworden? Da könnt ihr doch gleich auch noch ›Heil dir im Siegerkranz‹ grölen!«
Da war es stiller als zuvor geworden, und man hörte Geld klimpern in einem Beutel, den eine der Spinnerinnen vor sich streckte. Ludwig runzelte seine Stirn. »Ich war noch nicht fertig mit meinen Worten! Ein Satz noch: Ich bin nun doch froh, dass ihr alle gekommen seid! Ich bedaure, dass ein paar von euch heute fehlen. Ich hätte jetzt eben mal verdammte Lust, alle die hier beisammen zu sehen, zu denen ich ja auch gehöre, oder etwa nicht.«
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