Aha! sagte er laut: Wäre ich jetzt im Keller, ginge hier alles zum Teufel. Und er stürzte sich auf die vorschriftsmäßig bereitstehenden Löschgeräte, legte sogar eine Gasmaske an, riß sie aber bald wieder herunter, da er zu ersticken glaubte, schleuderte Tüten mit Sand, zertrümmerte das Fenster, damit der fürchterliche Rauch abziehe, und wollte den Schlauch in Betrieb setzen, der Jahr und Tag seit Kriegsbeginn, an den Wasserhahn im Flur geschroben, gewartet hatte und nun, wo es soweit war, versagte, das heißt, die Zufuhr blieb aus. Jedoch auch dafür war vorgesorgt, die Badewanne stand gefüllt und ein Eimer bereit. Es handelte sich, wie bald zu erkennen war, nur um eine der kleineren Stabbrandbomben, die durch Dach und Decke in den Küchenschrank gefahren war, wo sie an aufgestapelten Vorräten, an Butter, Nudeln, Zündhölzern und was dort alles junggesellig beieinander lagerte, zumindest eine Menge Stoff zur Qualmentwicklung gefunden hatte.
Bili wäre nun wirklich nur im Wege gewesen, sagte er sich, den Eimer schwingend: Es ist keine Zeit, die Vernichtung der guten Sachen zu bejammern, aber eigentlich hätte sie erleben müssen, wie ich der prekären Sachlage Herr geworden bin.
Mit der nassen Feuerpatsche schlug er die letzten Glimmstellen und Funken aus, erfischte dann mit der Schaufel den Rest der Bombenhülse, die zu fauchen aufgehört hatte, und warf ihn in den Wassereimer, alles so, wie es der gelegentliche Kursus einem ganzen Volke beigebracht hatte. Von draußen flackerte eine Ahnung durch den dicken, im Winde quirlend abziehenden Schwalch von dem Unglück, das die Nachbarhäuser getroffen.
Gerettet! lobte Herr Pambel sich, schnüffelte aber zur Sicherheit auf dem unausgebauten Teil des Dachbodens umher. Unterdessen kam Frau Möff herauf, die Frau des Hauswarts, die seine Wohnung in Ordnung zu halten pflegte, seit es keine Tagmädchen mehr gab. Sie schien mächtig aufgeregt, ihre Taschenlampe zitterte, aber Herr Pambel rief ihr beschwichtigend zu: Alles schon gelöscht, ohne fremde Hilfe, sehen Sie, wie gut, daß ich immer oben bleibe. Und nun alle Mann aufs Dach, um uns vor dem Funkenflug zu schützen. Die andern haben weniger Glück gehabt.
Frau Möff, endlich zu Atem gekommen, stammelte: Phosphor, Herr Direktor, Phosphor! Und sie war schon wieder auf den Stufen nach unten.
Wieso denn? knurrte er ärgerlich. Das Treppenhaus war voller Stimmen der Mitbewohner.
Im Keller, Herr Direktor! stotterte sie zurück, und im Fahrstuhl, Herr Direktor.
Das werden wir auch noch kriegen! schrie er erbost, riß einen Stahlhelm, einen der schwarzlackierten, leichten, vom Luftschutz empfohlenen, den er ganz vergessen hatte, von der Wand, stülpte ihn auf und stürzte mit geschwungener Feuerpatsche siegestrunken der dicken Pförtnerin nach und an ihr vorbei. Das Treppenhaus begann sich von einem vagen zuckenden Schein von unten her zu erleuchten. Aus den Türritzen des Fahrstuhlschachtes zwängten sich grünlich giftig dunstende Schwaden. Herr Pambel stoppte. Gebieterisch rief er zurück: Frau Möff, bringen Sie doch lieber den bewußten Koffer mit herunter!
Im gleichen Augenblick packte ihn eine lähmende Furcht, und nur die Vorstellung, daß man vielleicht geratener sich und den Koffer über das unversehrte Dach, das zudem ein Flachdach war, ins Nebenhaus rette, in irgendein unbeschädigtes Nebenhaus, wo die Treppe noch nicht brannte, brachte ihn wieder in Bewegung. Er stürmte ein paar Stufen zurück, hinauf, widerrief, schreiend im Lärm, der überall aus den Wohnungstüren drang, seinen Auftrag, und da Frau Möff sichtlich nicht verstanden hatte, wiederholte er ihn, plötzlich seine Feigheit erkennend und sich schämend, und da die Pförtnerin sich schon nach oben wandte, drängte es ihn, sich ganz besonders gelassen zu zeigen, und er ging noch einen Schritt mit und wollte etwas ausnehmend Belangloses fragen, seine Haltung ins rechte Licht zu rücken – indem später diese geschwätzige Frau Möff es herumerzählen würde, und das etwa so: Oh, Frau Puvogel, dieser Herr Direktor Pambel, das ist ein Mann, mitten im brennenden Treppenhaus steht er da und fragt mich ganz ruhig, ob die Preise für Weißkohl immer noch die gleichen seien und ob – ja, da fragte er tatsächlich schon, hastig und mit der Zunge anstoßend, und es fiel ihm wahrhaft nichts Besseres ein, ob nämlich der Herr Blomengart den Abend noch Damenbesuch gehabt habe.
Jawohl, doch, Herr Direktor, antwortete Frau Möff eilig, und die eine, die bei Ihnen war, ist mit der, die bei Herrn Konsul Blomengart war, zusammen weggegangen; haben sich zufällig auf der Treppe getroffen. Und wenn das Haus in diesem Wimperschlag zusammengekracht wäre, Frau Möff hätte, um Auskunft betreffs der Bewohner befragt, noch im letzten Notschrei eine rückhaltlose Antwort hervorgebracht.
Die Welt drehte sich laut und seltsam um Herrn Pambel, ein Knabe war er, stand auf einem brausenden, von Lichteffekten zuckenden Jahrmarktskarussell, hielt ein sich bäumendes wildäugiges rotes Holzpferd am Zügel, darauf saß ein hübsches Mädchen, das hieß Bili.
Beeilen, die Herrschaften! drang die keifende Stimme des Hauswarts Möff durch den Dunst und Lärm. Und Herr Pambel, ein Danke hervorstoßend – und sich sozusagen damit in die schreckliche Wirklichkeit zurück abstoßend –, stürmte nun, sich heroisch zusammenreißend, endgültig hinunter.
Das Nachbarhaus war durch eine Sprengbombe bis in den Keller aufgerissen worden, es hatte dort Tote und Verletzte gegeben, und dann war von der Straße flüssiger Brandsatz hereingelaufen. Die Überlebenden hatten die Wand zum Möffschen Keller, die dazu baupolizeilich vorbereitet war, durchschlagen, aber das Feuer war ihnen gefolgt, und nun brannte die ganze, auf gemeinsame Kosten angeschaffte Einrichtung, die Liegestühle, die Couch, der Skattisch, die Luftschutzbetten, und auch der Fahrstuhlschacht brannte schon, und bald darauf im Erdgeschoß auch die Möffsche Wohnung.
Wasser her! schrie Herr Pambel. Wo bleibt die Feuerwehr? Hat denn keiner die Polizei angerufen?
Es ist alles kaputt! gellte Herr Möff und warf Bettzeug durchs Fenster auf die Straße.
Die Hausbewohner schleppten Koffer und Kleidungsstücke herunter. Herr Pambel vertrat ihnen den Weg, anzusehen in seinem schwarz und roten Hausmantel wie ein verräucherter, wunderlicher Kriegsgott. Hiergeblieben! donnerte er. Erst löschen, dann bergen!
Herr Blomengart, vollständig und proper angekleidet und in der Hand nichts als ein kleines und wahrscheinlich kostbares Ölgemälde, erwiderte ganz ruhig: Jawohl, Herr Feldwebel, ohne Wasser? ... Und ein anderer setzte hinzu: Die Hauptleitung ist getroffen ... Und der Hauswart, hinkend, mit verbranntem Bart, kreischte: Und das Gas auch, und das Elektrisch auch! Und alle drängten an Herrn Pambel vorbei, auch Frau Möff mit seinem Koffer. Nur die ältliche Dame von der Oper, die aus dem vierten Stock, der Herr Pambel durch die Dielen hindurch manchmal gern gelauscht, blieb stehen und wimmerte: Retten Sie doch mein Klavier, bitte, bitte!
Herr Blomengart hatte inzwischen die schwere Reisetasche der Sängerin auf die Straße getragen, kam zurück, sagte besorgt: Mein Diener hat heute Ausgang ..., reichte der Klagenden den Arm und zog sie an Herrn Pambel vorbei, höflich bemerkend: Retten Sie Ihr uns allen wertes Leben, verehrte Meisterin, alles andere läßt sich ersetzen!
Nein, nein! wimmerte sie. Es ist ein Erbstück aus Wien, Brahms selber hat noch darauf gespielt.
Natürlich retten wir das Klavier! Ich verstehe Sie nicht, Herr Blomengart, kneifen Sie bitte nicht, was Sie auch sein mögen, rief Herr Pambel, tief getroffen von der Betitelung, die sich jener ihm gegenüber erlaubt. Aber der Rauch erstickte seine Stimme und nahm ihm die Sicht. Der Hauswart riß ihm die Feuerpatsche aus der Hand, forderte gellend seine Hilfe. Und Herr Pambel half, so gut es ging. Aber als das Büfett hinausgetragen werden sollte, wurde ihm schwindlig, und auf einmal fand er sich allein, und er sah nicht mehr viel, fühlte nur die Hitze, hörte das knatternde Sausen und da hinein das schrille Piepsen des vergessenen Kanarienvogels. Da nahm er tastend den Käfig von der Wand und erreichte eben noch das Freie.
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