Eines Nachts hörte sie in ihrem einsamen Bett durch die Bretterwände des Hotels, wie Omko sich aufmachte, noch eh es recht hell wurde. Flink zog sie sich an und eilte ihm nach. Denn es war der letzte Tag vor ihrer Abreise. Sie sprang ihm nach ins Boot. Er achtete ihrer nicht. Er hielt auf die Nordspitze der Insel zu, und das Boot bockte und krengte, und die See schwoll schwarz aus der Unendlichkeit heran und bleckte die Schaumzähne. Fast im Norden stand das Morgenrot wie ein glühender Fittich. Und da sagte Omko merkwürdig singig vor sich hin in die böige Luft: Das hab ich geträumt. Sie sitzt oben auf dem Mönch. Und dann pack ich sie auf Eis und charter einen Fischdampfer und steh immer neben der Kiste, bis wir in Bristol sind. Und nehm sie untern Arm. Hier! Ist gut! Hundert Pfund Sterling. Und dann vergrößern wir den Tabakladen mit Konfitüren. Und so.
Und heiraten.
Welchen Tabakladen? fragte Minna Sulz unruhig.
Omko schien es überhört zu haben wie vieles. Erst als sie nahe bei den Felsen waren und abhielten, fuhr er so merkwürdig mit der Stimme fort, als träume er: Das hab ich ihr versprochen, zwölf Jahre her, Witwe Pölpema beim Kurhaus neben oben. Und die Hütte vermieten wir. Ich bin der Ältere. Mein Bruder hat nichts zu melden.
Danach versank er wieder ganz ins Spähen, und so kamen sie ans Nordhorn. Auf einmal gab er Fräulein Sulz die Ruderpinne und die Schotleine, nahm die Flinte hoch, indes er sich mit den Knien gegen die Ducht stemmte, und schrie heiser: Da ist sie! Und schon feuerte er schräg aufwärts auf den Mönchsfelsen hinauf, obwohl der bei der Dünung wie ein betrunkener Wolkenkratzer über ihnen torkelte und Minna dort nichts hatte entdecken können als etwas Morgensonne und Himmelblau.
Es flatterte auch nichts als ein bißchen vom Schrot zerbröckeltes Gestein herab. Und das Boot rutschte ihr aus der Hand und jagte im Schwell auf den roten Schotter, daß es krachte. Aber Omko schien es gerade richtig. Er sprang über Bug an den Felsfuß und begann wie behext an der steilen Wand emporzuklimmen, obschon dort an den glitschigen Riefen kaum Halt zu finden sein konnte.
Er wäre trotzdem sogar wohl auch hinaufgelangt, gleichsam schlafwandlerisch in seiner Gier. Minna konnte vor Angst und Kummer keinen Laut hervorbringen, so gern sie ihm prophezeit hätte, daß er da oben seinerseits ebenfalls nichts als Enttäuschung erleben werde. Da jedoch schor katzenleise die Barkasse des Wasserschutzes um die Ecke, um die gleiche wie damals Omko. Diesem schnittigen Polizeiboot war Omkos Sucherei schon längst auf die Nerven gefallen, und da man ihn nun so unsinnig als halsbrecherisch an dem Felsen kraxeln sah, ließ der Steurer einen kleinen Warnruf der Sirene erschallen.
Keine Posaune des Jüngsten Gerichts hätte augenscheinlicher wirken können. Omko stürzte ab wie heruntergeschnippt. In der Mulde, worin das Fräulein gebadet und so rosa ausgesehen hatte wie eine Rosenmöwe, schlug er überkopf auf den harten Grund und kam nicht wieder zu sich.
Minna Sulz nahm ihr Erlebnis und ihre Trauer still mit nach Haus. Erst als es eines Tages heiß herging auf Helgoland, erzählte sie Näheres und meinte dann, das mit Omko sei wie das Meer gewesen, schön und schrecklich zugleich, und wie jene Insel, die man zu befestigen gedacht für die Ewigkeit, und das gerade habe das Verderben gelockt. Witwe Pölpema, die mit dem Tabakladen, habe zwar am selben Tage, da Omko umgekommen, seinem Bruder das Jawort gegeben, und der habe dann als Mariner auf der Insel bleiben dürfen, indes seine Frau für lange Jahre aufs Festland abgeschoben worden sei. Und das – ja, das allerdings ist schlimmer für eine Halunerin als etwa für eine Irgendwelche, die schon geglaubt hatte, eine Halunerin zu werden.
Das Schicksal des Herrn Pambel in jener Zeit der Welterschütterung ist nicht gerade ungewöhnlich zu nennen, genausowenig wie seine Person geeignet sein mag, besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber damit ist er den meisten von uns ähnlich. Das großartig Hervorragende, oft beschrieben, besticht, erhebt und bedrückt durch Unerreichbarkeit. Herr Pambel hat nichts Unerreichbares, und man sollte meinen, dadurch vielleicht könne er einen gelinden Trost bedeuten für diesen und jenen, der sich gleich ihm durch die Tage der Heimsuchung hindurchgefunden.
Und dabei gelernt hat, sich zu bescheiden.
Wer je zuvor diesen Herrn Pambel kennengelernt, mußte ihn für einen eingefleischten Junggesellen halten, für einen bequemen und betulichen Lebemann, der, von mehreren Freundinnen verwöhnt, den Annehmlichkeiten der Großstadt in jeder Weise verfallen war. Und in der Tat, so war es mit ihm gewesen; abgeneigt gegen jede gröbere Arbeit, immer tadellos angezogen, empfindlich im Geschmack, blendend eingerichtet, obschon nur in einer ausgebauten Dachwohnung, Inhaber einer vormals angesehenen Teefirma, die sich mit Erfolg auf Balkanware umgestellt, hatte dieser Herr Pambel es verstanden, trotz aller widrigen Zeitläufte während des Völkermordens noch immer so zu leben – bis auf den stillgelegten Wagen –, wie er es seit jeher als ersprießlich gefunden.
Für den Wehrdienst war er schon etwas zu alt, war auch im vorletzten Kriege aus irgendeinem Grunde nicht Offizier geworden, welcher Grund, gewissen Behörden unverborgen, auch hinderlich gewesen sein mochte, ihn mit öffentlichen Ämtern und Ehrenposten zu betrauen, ja, es hatte sogar seiner Aufnahme in die Partei, mit der er geschäftlicher Vorteile wegen geliebäugelt, im Wege gestanden. Ich pfeife darauf! pflegte er hier und da in vertrautem Zirkel zu äußern, seiner Ungebundenheit sichtlich froh. Aber zutiefst wurmte es ihn doch.
Wie nur war es gekommen, daß er nun, in erdbeschmutztem, grobem Aufzuge in ländlicher Umgebung, allen gewohnten Bequemlichkeiten fern, gesunder und zufriedener aussah denn je, mit lärmend kindlichem Gefolge einer Behausung und einer Mahlzeit zuschreitend, die mit den früher von ihm bevorzugten Räumen und Speisekarten bestimmt nicht viel gemein hatte?
Es ist eine einfache Geschichte, und doch, wenn man will, nicht ganz ohne Wunder.
Gut, daß Bili nicht dageblieben ist! sagte sich Herr Pambel in jener Nacht der Wandlung, als die Alarmsirene heulte. Die Sirene hatte oft geheult, was sollte es groß sein. Aber Bili war leicht erregbar. In den Keller, Pambs, rasch, rasch in den Keller! So hätte sie geschrien. Er hatte mit Bili eine gute Flasche auf den Frieden getrunken, auf den beiderseitigen wie auf den allgemeinen; denn ihm war klar, genau wie ihr, die als Oberstenwitwe ansonst auskömmlich dastand, daß nun das gute Leben mitsamt den guten Flaschen haltlos davonschwimme. Und danach hatten sie eine zweite Flasche getrunken, weil Bili es so gewünscht, auf, ja, auf was? Sie hatte es ihn erraten lassen wollen, er aber hatte einen aufkeimenden Verdacht gefühlt, daß sie ihn festzulegen gedenke, und war etwas kühler geworden und hatte ihr über den Rand des Glases hin zugeblinzelt: Auf gute Kameradschaft!
Und dann hatte sie spöttisch erwidert, derlei habe ihr ein anderer auch schon angeboten, und ob das in dem Hause so üblich sei. Eine Bemerkung, die nicht dazu angetan war, die Zärtlichkeit, die Herr Pambel für diesen Abend erhofft, zu fördern. Und es war dann schließlich von Herrn Blomengart die Rede gewesen, der zwei Stock tiefer wohnte und dessen Frau sie kannte und, wie sich längst herausgestellt, ihn selber auch. Herrn Pambel war es nicht alltäglich, die Namen anderer Herren in seiner Gegenwart mit wehmütiger Stimme genannt zu hören und schon gar nicht mit Tränen in den Augen, und schließlich hatte Bili sogar herzbrechend geweint, nachdem sie ihm, Herrn Pambel, vorgeworfen, er sei gräßlich alt geworden, und er ironisch erwidert hatte, sie hingegen scheine ewig jung zu bleiben, so jung wie die reizende Porzellanfigur, die ein dänischer Bildhauer einst nach ihrer jungen Schönheit geschaffen und die sie als Abendgeschenk mitgebracht hatte.
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