»Und so verging die Zeit und dann kam ich«, sagte Tobias zusammenfassend.
»Ja«, sagte Brandi. »Es kommen bestimmt noch mehr Spieler. Es wäre merkwürdig, wenn nur wir zwei es geschafft hätten, durch das Fort hindurchzukommen.«
»Tja, mal sehen«, sagte Tobias.
Brandi nahm die leeren Schüsseln, um sie zu spülen, und Tobias legte sich auf die harte Pritsche.
Er war nicht mehr ganz so hungrig wie unmittelbar nach dem Essen und bald schlief er wieder ein.
Als er aufwachte, war es fast dunkel.
»Ich helfe dir, zum Wasserbecken zu gehen, damit du dich waschen kannst«, sagte Brandi. Sie saß mit gekreuzten Beinen auf der langen steineren Bank, die an der Wand befestigt war.
Sie nahm zwei abgenutzte Handtücher und zwei Stückchen Seife, die sie bereitgelegt hatte.
»Sie sind nicht gerade wie unsere dicken amerikanischen Frotteehandtücher«, sagte sie. »Aber besser als nichts. Ich habe auch ein Hemd für dich gefunden. Es wird hier nachts sehr kalt.«
Tobias zog das Hemd an, es war weiß und aus Baumwolle. Dann legte er wieder einen Arm um Brandis Schultern und humpelte los. Das Becken war näher, als er gedacht hatte. Sie half ihm zur untersten Stufe, dann ging sie auf die andere Seite des Beckens. Es war rasch dunkel geworden, Tobias konnte nur ahnen, dass Brandi sich ganz auszog, ehe sie ins Wasser glitt. Da bewegte sich etwas über ihr auf der Mauer oberhalb des Beckens – Schatten, die umherhüpften wie böse Geister.
Die Affen!
Auf dem Rückweg blieb Tobias stehen und hob einen Stock auf, über den er fast gestolpert wäre. Der Stock hatte am einen Ende eine Gabel, und wenn er ein bisschen kürzer gewesen wäre, hätte er sich ausgezeichnet als Krücke geeignet.
»Gibt es hier irgendwelches Werkzeug?«, fragte Tobias, als sie wieder im Tempelvorhof waren.
»Ja«, antwortete Brandi. Sie holte eine rostige Säge und ging dann zur Kochstelle, um Reis fürs Abendessen kochen.
Als Tobias den Stock abgesägt hatte, probierte er ihn aus. Damit würde er sich prima fortbewegen können. Aber er sagte Brandi nichts davon, als sie mit dem Essen kam. Sie aßen beide schweigend den faden geschmacklosen Reis.
Danach führte Brandi ihn zu einem kleinen Gebäude mit flachem Dach, das dem Tempel angeschlossen war. Es bestand aus einem einzigen Zimmer, auf dem Boden lagen zwei abgewetzte Matratzen und zwei Decken.
»Willkommen in unserer Hütte«, sagte Brandi. »Ich habe zusammengesucht, was ich hier oben und unten beim Hof gefunden habe. Du kannst hinten liegen.«
Tobias kroch zu dem ihm angewiesenen Lager. Brandi zog ihre Joggingschuhe aus, legte sich auf ihre Matratze und deckte sich zu.
Tobias konnte von seinem Lager durch die glaslose Fensteröffnung ein Stück des Sternenhimmels sehen.
»Ich denke gerade darüber nach, was es wohl bedeutet, dass wir ausgerechnet hier gelandet sind«, sagte er nachdenklich. »Es ist bestimmt kein Zufall.«
»Wer weiß«, sagte Brandi. »Wenn noch andere es geschafft haben, durch das Fort hindurchzukommen, sind sie vielleicht an ganz unterschiedlichen Orten gelandet. Es müssen doch viele das Spiel gefunden haben.«
»Die haben es vielleicht nicht mal geschafft, durch das Fort zu kommen«, sagte Tobias.
»Da kannst du Recht haben. Bestimmt sind nicht viele so gut darin, sich den Weg frei zu schießen. Aber etwas war doch merkwürdig. Das Spiel tauchte von ganz allein auf meinem Computer auf, ohne dass ich danach gesucht hätte.«
»Das war bei mir genauso«, sagte Tobias. »Ich habe das noch nie erlebt.«
»Es war ein bisschen unheimlich«, sagte Brandi. »Als ob jemand mich hineingelockt und ich gar nicht selbst entschieden hätte. Ich wüsste nur zu gerne, wie das zugegangen ist. Vielleicht sollte man mit dem Spielen aufhören. Sich was anderes einfallen lassen. Was machst du denn sonst in deiner Freizeit?«
»Tja, Ski fahren, Snowboard fahren ...«, sagte Tobias und dachte sehnsüchtig an die Årenbackarna, wo er viel Zeit zugebracht hatte, bevor er einen eigenen Computer bekommen hatte.
Wenn es ihm nur gelänge, durch das Fort und nach Hause zu kommen, würde er wieder mehr Ski fahren. Das Spiel war zwar spannend, aber im Moment kam ihm alles schwierig und ziemlich gefährlich vor. Fast nichts zu essen, und diese anhaltenden Schmerzen in seinem Bein! Und es schien fast aussichtslos, wieder durch das Fort zurückzukommen.
»Ich bin gespannt, was morgen passiert«, sagte Brandi. »Aber jetzt schlafen wir erst einmal. Gute Nacht.«
Tobias lag wach und dachte nach. In ähnlichen Virtual-Reality-Games musste man gegen andere Mitspieler kämpfen, die auch im Internet waren. Was war Brandis Rolle? Wenn sie einander helfen mussten, um weiterzukommen, dann wäre das eine völlig neue Spielvariante. Irgendetwas stimmte nicht. Zusammen statt gegeneinander zu arbeiten widersprach allem, was er bisher mit Computerspielen erlebt hatte.
Dann ging ihm allmählich ein Licht auf. Vielleicht hatte Brandi ihm nur geholfen, weil sie hoffte, dass er sie aus dem Spiel herausholen würde. Sie wollte ihn als Werkzeug benutzen! Vielleicht gehörte sie sogar zu den Gegnern, die es in so einem Spiel immer geben musste, und man hatte ihn in einen Hinterhalt gelockt. Er sehnte sich nach seinem Zuhause, nach Foxie und seinem schönen warmen Bett. Würde er je wieder heimkommen?
Von Brandi war kein Laut zu hören, deshalb nahm er an, dass sie noch wach war. Von draußen drangen jedoch Geräusche herein, das Zirpen der Zikaden und leises Geschnatter von der Affenherde.
Er wartete. Die Armbanduhr lag zu Hause neben dem Computer. Aber es war schließlich egal, ob es neun oder elf Uhr war. Brandi schnaufte laut und drehte sich um. Sie schien zu schlafen. Tobias wartete noch ein bisschen. Brandi hatte ihre Matratze so hingelegt, dass er über sie klettern musste. Es war also besser, noch ein wenig zu warten.
Als er sicher war, dass sie tief und fest schlief, erhob er sich leise. Er faltete die Decke zusammen und nahm sie unter den Arm. Dann setzte er vorsichtig einen Fuß auf Brandis Matratze. Nein, sie wachte nicht auf. Den anderen Fuß. Tobias wagte kaum zu atmen, stand lange da und sammelte sich. Dann machte er einen großen Schritt über das schlafende Mädchen hinweg und schlich hinaus auf den Weg. Im Tempel war alles ruhig.
In der einen Hand hielt er die Krücke, in der anderen Brandis Turnschuhe. Er hatte beobachtet, wohin sie sie gestellt hatte, bevor sie sich schlafen legte, er brauchte also nicht lange zu suchen. Sicherheitshalber ging er zuerst ein Stück barfuß, dann erst zog er die Schuhe an. Sie waren ein bisschen eng, aber er hatte bemerkt, dass Brandi ziemlich große Füße hatte. Und da die Alternative gewesen wäre, barfuß zu gehen, hatte er beschlossen, ihre Schuhe zu nehmen.
Wegen des verletzten Beins und der Dunkelheit kam er nicht gerade schnell voran. Und er bemerkte auch nicht den lautlosen Schatten, der sich aus dem Dunkel des Tempels gelöst hatte und ihm jetzt folgte.
Tobias kam nicht weit. Es pochte und schmerzte in seinem Bein und bald musste er sich hinsetzen und sich ausruhen. Ihm wurde klar, dass er wegen des Blutverlusts nicht sehr fit war. Und seine Kondition war auch nicht die beste, weil er nicht mehr trainierte und seit fast einem Jahr jeden Abend vor dem Computer saß.
Er war noch immer im Wald. Um ihn herum war es stockdunkel und unheimlich, und als er den Eindruck hatte, dass sich weiter unten auf dem Pfad etwas bewegte, bekam er eine Gänsehaut. Er versuchte zu sehen, was es war, aber wie sehr er sich auch konzentrierte, er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Die langen Zweige der Bäume hingen über den Weg, es war wie in einem Tunnel. Nein, er konnte nicht sitzen bleiben. Egal wie weh es tat, er musste auf den Berg oberhalb des Waldes, von wo aus er eine bessere Sicht hatte.
Vielleicht gab es hier Schlangen? Tobias trat fest mit dem gesunden Bein auf, um eventuelle Reptilien zu verscheuchen, und stolperte weiter.
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