Wir waren verblüfft. Zu einem Gutsfrühstück gehörten damals keine, eher Schlackwurst, Schinken, Eier oder sogar Sahnequark. Er erklärte uns seine Frage. Seit einiger Zeit verminderte sich der Hafer in der auf dem Vorwerk stehenden Haferkiste auf eine merkwürdig schnelle Art. Er verdunstete geradezu. Dabei war die Haferkiste verschlossen, das wußten wir alle.
„Hat vielleicht jemand von euch den Schlüssel gefunden und ernährt sich jetzt von gequetschtem Hafer, weil er hier nicht satt wird?“ Er wies lachend auf die reichlichen Vorräte des Sonntagsfrühstücks.
Der Schlüssel zu dieser Kiste fehlte seit einiger Zeit, wir wußten es. Wenn gefüttert werden sollte, mußten wir den Ersatzschlüssel holen, den Onkel Hagemann dann herausgab und den wir ihm wiederzubringen hatten. Sonntags fütterten wir öfter, wenn wir Ponywagen fahren wollten, das war so ausgemacht.
Nein, keiner hatte sich von Hafer ernährt. Wir frühstückten fertig und verstreuten uns dann. Brigitte und ich schlenderten zum Vorwerk hinaus. Dort gab es eine schöne, windgeschützte Ecke, wo wir uns in die Sonne legten. Nach einer Weile erschien Markus, sah uns liegen, schubste Brigitte ein wenig an und sagte: „Na, ihr Flaschen?“ „Flasche“ war damals das gängige, halb verächtliche Schimpfwort wie etwa „trübe Tasse“ oder „Döskopp“.
„Selber Flasche“, knurrte Brigitte, machte aber nicht einmal die Augen auf. Ich schwieg.
„Ihr liegt hier rum ... Wollen wir ein Stück mit den Ponys fahren?“ schlug er vor. Und als wir nicht reagierten, fragte er: „Ihr habt wohl Angst?“
„Angst?“ fragte ich, so verächtlich wie möglich. „Wenn, dann fahr’ ich mit dem Tango.“
Markus lachte mit glitzernden Augen.
„Wollen wir? Ich hol’ ihn. Den Schlüssel hab’ ich.“ Tango ließ sich nur einspannen, wenn ihm jemand eine Schüssel mit Hafer vorhielt.
„Ihr seid verrückt“, sagte Brigitte und wälzte sich auf die andere Seite. „Aber von mir aus. Vater fährt ja auch mit ihm. Und Vater ist heute nicht da.“ Er war über Land gefahren, die Gelegenheit war also günstig. Wir waren schon manchmal heimlich gefahren, gerade, weil wir nicht sollten. Es war nie herausgekommen. Es verlockte uns, keine Frage. Wir standen auf. Während wir dem Stall zu gingen, gerieten wir beiden Mädchen schon mit Markus aneinander.
Der Ponystall auf dem Vorwerk lag etwas abseits und hatte zwei große Boxen, eine für Tango, eine für die andern Ponys. Im Stallgang stand die Haferkiste, weiter nichts. Wir hatten uns wegen einer Kleinigkeit so zerstritten, daß unser Plan zu scheitern drohte. Markus setzte sich auf die Haferkiste, und wir gingen zu den Stuten und Fohlen hinein und streichelten sie. Und dann, ohne noch etwas zu Markus zu sagen, spannten wir Tango ein.
Die Ponygeschirre waren uns so vertraut wie anderen Kindern ihre Schulranzen, auch die verschiedenen Kutschen kannten wir. Wir nahmen den Einspänner, den sogenannten Dogcart. Tango ließ sich gutwillig hinausführen und machte keine Schwierigkeiten, als ich ihn striegelte. Währenddessen kämmte Brigitte ihm die Mähne. Er war wirklich bemerkenswert schön, zierlich und dabei kräftig, kein Wunder, daß Onkel Hagemann ein wachsames Auge auf ihn hielt. Markus war im Stall geblieben. Als ich noch einmal hineinging, um den Hufkratzer zu holen, sah ich ihn nicht, plötzlich aber polterte es in der Haferkiste, der Deckel krachte hoch, und ich erschrak fast zu Tode. Natürlich war es Markus, der sich hineinverkrochen hatte, um mich zu erschrecken. Das war ihm gelungen.
Ich weiß nicht mehr, ob ich überlegte oder in Wut handelte. Jedenfalls griff ich zu, bums! schlug der Deckel der Kiste zu, ich fingerte am Schloß und schob es durch die Haspe. Er war gefangen.
„So, wenn du nun schön bittest, lass’ ich dich wieder raus, eher nicht“, sagte ich atemlos und schadenfroh. Ich wußte, daß Markus nicht bitten würde. Er tat es auch nicht. Er war so still, daß es bedenklich wurde. Hatte ich ihm den Deckel etwa so auf den Kopf gehauen, daß er betäubt war? Vorsichtig schlich ich heran, um durch den Spalt des Deckels zu schielen — und war beruhigt. Markus, der mich wohl gehört hatte, versuchte, mir durch eben diesen Spalt ins Auge zu spucken.
„Du bist ein Ferkel“, sagte ich entrüstet, während ich zurückfuhr, „nun sitz und tu Buße.“
Damit drückte ich das Schloß zu — es war ein Schnappschloß —, steckte den Schlüssel ein und stand noch einen Augenblick davor. „Möchtest du noch was?“ fragte ich.
Darauf ertönte ein höhnisches: „Danke der Nachfrage!“
Ich ging. Mochte er hocken, es würde ihm nichts schaden. „Iß nicht zu viel Hafer, sonst sticht er dich!“ rief ich noch zurück. Dann trat ich zu Tango hinaus.
„Kommt Markus nicht mit?“ fragte Brigitte. Sie stand an Tangos Kopf und hielt ihn. Bei ihm konnte man nämlich nicht einsteigen, ohne daß er sofort im Galopp losging.
„Nein“, sagte ich obenhin und stieg in den Wagen, „wir fahren ohne ihn.“
Während ich die Zügel nahm, ließ Brigitte den kleinen Hengst los und sprang im Anfahren auf. Der Tango ging los, daß uns Hören und Sehen verging. Er mußte lange gestanden haben, war stallmutig wie ein Rennpferd.
„Das kann ja heiter werden“, sagte Brigitte. Wir fegten durch den Hof und bogen in die Straße ein. Heute, am Sonntag, war alles still und menschenleer.
Wir lachten mit einem kleine Unterton der Angst, genossen die sausende Fahrt aber doch. Brigitte hielt jetzt die Zügel, sie fuhr nach dem alten Grundsatz: „Wenn das Pferd durchgeht, dann treib. Laß es laufen, schneller, als es selbst will. Einmal hört es auf.“
Natürlich würde Tango einmal aufhören und langsamer werden. Und dann nichts wie zurück! Ich mußte ja Markus herauslassen. Vorläufig aber konnte ich nichts anderes denken als: Halt dich fest, und hoffentlich kommt nichts, wovor er scheut. Tango war autosicher, aber Mähdrescher, Trecker oder Lastwagen konnten ihn in blinde Panik jagen. Zum Glück würde heute am Sonntag wohl kein solches Schreckgespenst auftauchen.
Schließlich gelang es Brigitte, den kleinen Vulkan einigermaßen zu bändigen. Er trabte jetzt, die Vorderbeine fast waagerecht aus der Schulter werfend, dahin, daß es eine Lust war, und wir konnten uns schon wieder unterhalten. Plötzlich hob Brigitte den Kopf.
„Hörst du nichts?“ fragte sie. Ich lauschte. Tatsächlich, das klang wie ein Jammern, halblaut und kläglich. Brigitte parierte Tango durch, und da hörten wir es deutlich. Wie ein weinendes Kind — aber wo sollte hier eins stecken? Die Felder waren eben und weit zu übersehen, der Wald noch entfernt.
„Dort!“ rief Brigitte, zeigte auf einen Steinhaufen etwas abseits der Straße und warf mir den Zügel zu, während sie absprang. Kurz darauf kam sie zurück, ein etwa vierjähriges Mädchen auf dem Arm tragend, dem sie beruhigend zuredete.
„Nun wein doch nicht mehr, wir sind ja da. Sag, was ist los? Bist du ausgerissen von zu Hause?“
„Nein, ich —“, Schniefen, Schluchzen, „ich — die Großen sind so gemein — sie wollten mich nicht —“, wieder schluchzte es herzzerreißend. „So ge-mei-hein ...“
„Was wollten sie denn nicht?“ fragte Brigitte freundlich und wischte am Gesicht der Kleinen herum.
„Mich — mitnehmen — und da bin ich — hinterher — rennt — und auf einmal warn sie weg.“
„Wer sind denn die Großen?“
„Na, Felix und Ingo —“
„Deine Brüder?“
„Mhm —“
„Aha, große Brüder.“ Ich dachte an Markus, aber nur flüchtig. Denn nun galt es erst, herauszubekommen, woher dieses kleine Bündel stammte und wohin wir es bringen konnten. Das war schwierig, denn auf unsere Frage, wie sie hieße und wo sie wohnte, antwortete die Kleine zwar geläufig: „Monika Bülz, Frankfurt, Lerchesbergring fünfzig —“, das half uns aber nicht viel. Die vielen Kilometer von Frankfurt bis hierher konnte sie nicht hinter den bösen Brüdern hergelaufen sein. Es war, wie wir scharfsinnig schlossen, ein Kind, dessen Familie hier irgendwo Ferien machte. In welchem Dorf aber?
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