„Weißt du, von wem das ist?“ fragte ich und erzählte ihm dann, daß meine Tochter es geschrieben, mir diktiert habe — sie war damals gerade mit Arbeit überhäuft, und so half ich ihr — und daß wir im Moment auf den Verleger warteten, der auch prompt in dieser Minute erschien. Matthias’ Buch, in Lima in Peru gelesen, fand hier Autorin, Tippse und Verleger bei dem „Pony Frechdachs“ vereint, ausgerechnet in dem kleinen Ponyhof, in den es ihn zufällig verschlagen hatte, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur diese Stelle.
Wir hatten, wie man sieht, auch netten Besuch. Ein andermal, an einem Sonntagvormittag, schlenderte ich den schmalen Weg von uns zum Städtchen hinunter und fand, es war nicht das erste Mal, einen Wagen, der mit den beiden linken Rädern im Graben stand. Der Fahrer war gerade ausgestiegen und besah sich den Schaden. Ich sprach ihn an.
Es gehört zu meinen Leidenschaften, „gestrandete“ Autos wieder flottzumachen. Ob Schneewehe, Straßengraben oder Benzinmangel, ich kann nicht vorbei. In diesem Fall sah es nicht bedrohlich aus, niemand war verletzt.
„Warten Sie, ich hol’ Pferde, die ziehen Sie heraus“, versprach ich, kehrte um und kam nach ein paar Minuten mit den Shetties wieder, schon fertig angeschirrt. Für unsere größeren Ponys, die Isländer, hatten wir damals keine Geschirre, weil der passende Wagen noch fehlte. Aber die Kleinen sind stärker, als man denkt. Das sagte ich auch dem Pechvogel, als er ziemlich skeptisch meine kleinen vierbeinigen Helfer betrachtete, und setzte hinzu: „Der schlechteste Versuch ist der, den man nicht macht.“ Wir befestigten also die Zugstränge an der Vorderachse, und ich nahm die Zügel auf. „Winnetou, Schnute, nun zeigt mal, was ihr könnt“, spornte ich die beiden an. Einmal tief geatmet, und der Wagen stand auf der Straße. Diese kleinen stämmigen Pferdchen legten all ihren Ehrgeiz hinein, mich nicht zu enttäuschen, und der Autofahrer staunte. Ich lächelte stolz. Dann fragte ich ihn: „Wohin wollten Sie denn überhaupt? Hier ist die Welt doch bald zu Ende, jedenfalls ist es verboten, weiterzufahren.“
„Das ist ärgerlich“, antwortete er, „ich wollte nämlich zu Lise Gast und wurde im Städtchen hierher dirigiert.“ Ich mußte natürlich lachen.
„Also, bis dahin dürfen Sie“, sagte ich, nahm meine Pferdchen am Halfter und ging voran. Zu Hause war noch der Frühstückstisch gedeckt, und wir saßen lange auf der Veranda und unterhielten uns über meine Bücher, derentwegen er gekommen war. Nach ein paar Tagen bekamen wir ein großes, reichhaltiges Paket mit Kaffee, Keksen, Schokolade, zwei guten Flaschen Wein und prallen Mohrrüben für die Ponys. Das mußte unser Gast gewesen sein. Wir freuten uns, aber leider ging der Absender verloren, nun konnten wir uns nicht bedanken. Jahrelang ärgerte ich mich, ich wußte nur, daß er aus Münster stammte.
Viel später schrieb mir aus eben dieser Stadt eine Mutter, sie wolle gern ihre zwei Töchter und zwei von deren Freundinnen zu mir geben, sie würden mir auch helfen und sich nützlich machen. Ich bekomme oft solche Angebote. Münster — ich überlegte und sagte dann zu. Meine Haushaltshilfe hatte gerade Urlaub.
Die vier Mädchen wurden von einer sehr netten Mutter vorbeigebracht, und wir unterhielten uns gut. Schließlich, ich hatte schon viele merkwürdige Zufälle erlebt, fragte ich, ob sie vielleicht einen Herrn kennen würden, und ich beschrieb unseren damaligen Besucher. Siehe da, sie schalteten sofort. Das müsse er sein, der habe sogar mal von uns erzählt. Wir stürzten ans Telefon, und tatsächlich — er war es! Ich konnte mich endlich bedanken. Das war ein Besuch, der viele langweilige wieder wettmachte. Und die Mädchen erwiesen sich als nett und hilfsbereit. Zwei von ihnen waren in Japan aufgewachsen und konnten viel Interessantes über dieses Land berichten. Außerdem hatten sie immer neue Ideen. Einmal mußte ich kurz in die Stadt, da holten sie mich am Bahnhof mit dem Ponywagen ab, sechs Mann hoch, dabei ist er doch nur ein Viersitzer. Daß ich als siebte Person da auch noch hineinpassen mußte, hatten sie nicht bedacht, aber es war doch lieb gemeint. Ich hatte sie in dieser Zeit so liebgewonnen, daß mir beim Abschied beinahe die Tränen kamen. Inzwischen sind sie erwachsen und verheiratet, aber zwei von ihnen besuchten uns neulich. Das war eine Freude! Auch wenn er uns manchmal ärgert, es lebe der viele Besuch auf dem Ponyhof!
Hochzeit auf dem Ponyhof, das ist ein herrliches Fest, das wieder einmal alle Kinder vereint! Seit die Taufen und Konfirmationen vorbei sind, sind es die Hochzeiten, die das bewirken. Hochzeitmachen, das ist wunderschön.
Eine Zeitlang hatten wir alle halbe Jahr eine Hochzeit. Dann war es plötzlich wie abgerissen, so daß ich verdutzt fragte, ob die anderen Töchter etwa ein diesbezügliches Gelübde abgelegt hätten.
Keineswegs. Jetzt geht es auch schon wieder los. Und die diesmalige Braut ist gewitzt genug, es so darzustellen, als heiratete sie nur, um mir wieder Gelegenheit zu geben, meine gastgeberischen Talente zu entfalten. Es würde diesmal eine große und vornehme Hochzeit, verkündet sie. Vornehm, auf dem Ponyhof!
Früher dachte ich immer, der schönste Tag einer Mutter sei der, an dem sich eine ihrer jungen Töchter verlobe. Das ist aber ein rosenroter Kitschtraum, und den habe ich seit Jahren ausgeträumt!
Freilich ist es eine unleugbare Erleichterung, wenn es soweit ist, denn vorher leidet die ganze Umgebung. Verliebte Töchter sind der Ruin der Nerven, entweder sie trällern oder sie seufzen, oder sie telefonieren. Das auf jeden Fall, täglich und stundenlang. Die auswärts studierenden Söhne, die einmal zu Hause anrufen wollen, kommen nicht durch. Höhnisch tönt das kurze „Tutt tutt tutt“ im Hörer, und sie legen resigniert auf. Dabei hätten sie nun wirklich wichtige Dinge mitzuteilen: Daß sie ein Teilexamen bestanden und kein Semestergeld mehr hätten, unbegreiflicherweise, daß schnellstens die und die Papiere dasein müßten, daß sie einer Band beigetreten seien und auf die Wäsche warteten. Die Töchter telefonieren.
Besonders störend ist die Tatsache, daß der Apparat im Zimmer der Mutter steht, zwischen Schreibtisch und Schlafcouch. Tagsüber verlasse ich die Schreibmaschine und verziehe mich taktvoll, wenn Fräulein Katrin, Fräulein Edith oder Fräulein Steffi verlangt werden. Meist reißt mir dann der rote Faden, und ich muß ihn nachher mühevoll und zeitraubend wieder knüpfen. Nachts ist es noch schlimmer. Manchmal stehe ich auf und warte bibbernd im Flur, bis aufgelegt ist. Mitunter bin ich aber auch zu müde und ziehe nur das Deckbett über den Kopf, um zu dokumentieren, daß ich nicht mithöre. Das lieben die Töchter gar nicht. Manchmal aber vergessen sie mich auch im Eifer des Gefechts und setzen sich auf mein verhülltes Haupt.
Wenn austelefoniert und verlobt ist — heute verlobt man sich wieder, man kriegt dann so schön viel geschenkt —, beginnt der Kampf um die Hochzeit zu toben. Alle Geschwister müssen natürlich kommen. Von der anderen Familie aber auch? Da gibt es schon die ersten langen Gesichter. Und so viele Schwestern hat der Bräutigam? Und die wollen alle einen Tischherrn? Und die Tante kommt auch? Und zwei Großmütter? Wir haben nur eine ...
Statt uns aufzuregen, sollten wir lieber den Balken im Auge sehen! Bisher haben wir nämlich den Rekord mit den meisten Geschwistern immer gehalten. Und jedesmal war logischerweise einer mehr dabei, mindestens ein Schwiegerkind, meist auch schon „neue“ Blumenstreu-Kinder, neue Familienfreunde, und, und, und ...
Früher träumte man davon, wie schön die Zeit sein würde, wenn die junge Braut eifrig an ihrer Ausstattung sticheln würde. Heute ist sie berufstätig und entsprechend abgehetzt.
Aussteuer, soweit sie überhaupt in Frage kommt, bestellt man nun bei Versandhäusern. Einiges hofft man als Geschenk von den Gästen zu bekommen.
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