Ich wusste nicht, was ich von seinem heftigen Ausbruch bezüglich Österbottens halten sollte. Schließlich wagte ich zu sagen:
»Ich stamme aus Österbotten.«
»Ich hörte es an deiner Stimme.«
»Ja, das hört man vielleicht.«
»Wirklich, wenn man diese Sprache ein Mal gehört hat, erkennt man sie auf der ganzen Welt wieder. Selbst wenn du russisch gesprochen hättest, wäre mir nicht entgangen, dass du aus Österbotten stammst.«
»Wann warst du dort?«
»1944.«
Ich stutzte und schaute in sein versehrtes Gesicht.
»Dann warst du dort als … als …«
»Ja, ich war dort während des Großen Vaterländischen Krieges.«
Der Rauch unserer Zigaretten ringelte sich empor, die Teekanne dampfte leicht, die Wodkagläser waren beschlagen.
Ein kurzes Lächeln entspannte sein Gesicht:
»Auf der ganzen Welt gibt es jedenfalls keine Sprache außer dem Österbottnischen, die ein Wort für jöutas 1hat.«
Und plötzlich war das Eis endgültig gebrochen.
»Ja, ich weiß, es jöutade, 1944 Kriegsgefangener in Österbotten zu sein.«
»Natürlich jöutade es«, bestätigte er, »aber es gab andere Dinge während des Krieges, die noch entsetzlicher waren. Einen Großen Vaterländischen Krieg gewinnt man nicht, ohne einen hohen Preis für den Sieg zu zahlen. Die Gewalt hat viele Dimensionen, und ich – wie sagt man – schmeichle mir damit, einige dieser Dimensionen gesehen zu haben. Und Österbotten war nicht die schlimmste davon.«
Er ließ die Zigarette auf den Fußboden fallen und trat darauf. Die Russen haben bekanntlich einen Teil ihrer Kultur von den Franzosen übernommen, darunter auch den französischen Aschenbecher. Ich folgte seinem Beispiel und tötete meine Kippe sorgfältig mit dem Absatz.
»Man sollte um ein paar Reparaturen bitten. Obwohl das Haus bald abgerissen wird. Na ja, es kann sich vielleicht lohnen, ein bisschen Dampf zu machen. Hier wackelt, verrottet und zerfällt ein wenig zu viel.«
Er zog tief an seiner Zigarette.
»Jetzt will ich dir ein bisschen von meinem schlimmen und elenden Leben erzählen. Ich hörte, dass du Schriftsteller bist. Ich gehöre nicht zu denen, die immer sagen, ihr Leben sei ein ausgezeichneter Stoff für einen Schriftsteller. Wenn ich erzähle, dann tue ich es für mich. Sonst muss ich zu viel für mich behalten. Meine Landsleute könnten nämlich einen Teil dessen, was ich zu sagen habe, missverstehen. Deshalb halte ich sonst den Mund. Aber dir kann ich alles anvertrauen – das meiste jedenfalls.«
Und nun lasse ich Leo Nilheim erzählen. Es ist vielleicht nicht immer seine Stimme und sein Ausdruck – wenn er erregt war, sprach er mit einem Akzent –, aber es ist inhaltlich das, was er berichtete. Ich will und muss es in meiner Sprache wiedergeben.
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