»Können Sie … sprichst du auch Finnisch?«
»Ja, ein wenig«, antwortete er kurz.
»Wodka?«, fragte ich.
»Lieber Kognak. Wenn man in Russland lebt, hat man Wodka und Kaviar manchmal satt.«
Ich fragte nicht weiter nach, sondern bestellte Kognak, und wir stießen an.
»Nostorodnja«, sagte ich, denn ich glaubte, das wäre das russische Wort, um sich zuzuprosten.
»Hej«, antwortete er auf Finnisch. Er hatte eine tiefe Narbe an der Nasenwurzel und Stahlplomben im Unterkiefer. Am auffälligsten aber waren seine Haare: weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite des Kopfes. Für einen Moment herrschte Stille.
Ich versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
»Ich weiß nicht so viel über Russland, kaum mehr als das, was ich bei Dostojewski, Tolstoi und Gorki und vielleicht einigen antikommunistischen Propagandisten gelesen habe«, erklärte ich.
»Und vielleicht einigen kommunistischen«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu und bekannte dann plötzlich: »Ich weiß auch nicht so viel über Russland.«
»Aber du bist doch Russe?«, wunderte ich mich.
»Gewiss, ich bin Russe, Weißrusse sogar. Das siehst du ja an meiner Kleidung. Ich weiß, dass sie auf euch Westeuropäer plump wirkt. Mich kümmert es nicht, wie ich aussehe. Hauptsache, ich friere nicht und habe keine nassen Füße. Ich habe nie versucht, Sachen von Touristen zu kaufen … Ich achte die Gesetze«, fügte er hinzu, und das schiefe Lächeln kehrte zurück.
»Ja, das ist wohl verboten«, sagte ich.
»Natürlich, wir brauchen hier keinen kapitalistischen Modekram. Die sozialistischen Kleider wärmen gut, auch wenn sie nicht so raffiniert geschneidert sind … Und man fährt wohl in allen Ländern am besten, wenn man die Gesetze und Bestimmungen befolgt, obwohl sie natürlich manchmal etwas seltsam wirken können.«
»Ich weiß nicht viel über eure russischen Gesetze«, bekannte ich.
Er nickte.
»Du weißt vielleicht auch nicht allzu viel über eure finnischen Gesetze, denn du bekommst sie nicht in dem Maße zu spüren wie wir unsere sozialistischen Bestimmungen.«
Ich sah mich zu einem Hinweis veranlasst: »In unserer Delegation gibt es zwei Kommunisten. Ich bin einer davon.«
Wir standen im Schneematsch. Rundum unterhielt man sich, es wurde geraucht und getrunken. Er nickte:
»Alle Russen hinweisen gern darauf (hier ertappte ich ihn zum ersten Mal bei einem Fehler), dass sie Kommunisten sind, aber wenn man die zwei Ikonen nimmt, Marx und Stalin, so würden sie mit Marx ihre Hämorrhoiden kratzen und Stalin küssen.«
»Du willst damit sagen, dass du kein Kommunist bist?«, fragte ich verwundert.
Zum dritten Mal zeigte sich das schiefe Lächeln.
»Weil ich Russe bin«, erklärte er, »bin ich natürlich auch Kommunist. Ich wurde es in Finnland während des Krieges, als einige schwarz uniformierte SS-Offiziere im Gefangenenlager herumgingen und nach russischen Juden suchten. Ich glaube, an diesem Tag wurde ich Kommunist. Ich bin aber nicht sicher, ob ich nicht beide Ikonen dazu benutzen würde, mir den Hintern zu kratzen.«
»Bist du denn Jude?«
»Wie soll ich das wissen? Was bist du denn? Vielleicht Zigeuner oder vom fahrenden Volk, wie ihr sagt. Du hast schließlich schwarze Haare.«
Ich strich mir verwirrt über den Kopf.
»Ich kann doch nichts dafür, dass meine Haare schwarz sind.«
Er lachte laut auf: »Ich bin Arier auf der einen Seite des Kopfes und Zigeuner oder Jude auf der anderen. Jetzt trinken wir noch einen Kognak. Die Runde geht auf mich. Du hast es doch nicht eilig?«
»Nein, wir reisen erst nächste Woche ab.«
Er drängelte sich zur Theke durch und holte Kognak für uns.
»Skål«, sagte ich und bewunderte seine Geschicklichkeit, Münzen über den Tisch zu werfen.
Der Flüssigkeitspegel in unseren Gläsern sank, und Wärme stieg auf in meiner Brust.
»Ich wohne ganz in der Nähe«, sagte er und saugte den letzten Kognak durch die Barthaare. »Komm mit, ich lade dich auf ein paar Gläser Tee ein.«
Ehe ich mich besinnen konnte, antwortete mein Mund:
»Danke, gern.«
Es stürmte und schneite noch immer, aber nun spürte ich die Flocken wie Flaumfedern auf dem Gesicht. Ich weiß nicht, wie weit wir liefen; es dauert wohl ein Leben, um eine fremde Großstadt zu verstehen. Ich glaube aber, es war etwa ein Kilometer. Schließlich standen wir vor einem dunklen alten Haus aus karelischen Stämmen, das inmitten all der Steinkolosse unzeitgemäß wirkte.
»Komm rein, Leo«, sagte er und öffnete die schwarze, rissige Kieferntür. Eine matte Glühlampe beleuchtete das Treppenhaus; kein Mensch war zu sehen. Vorsichtig stiegen wir die Stufen hinauf, die von Generationen abgetreten waren und unter unseren Sohlen knarrten. Er warnte mich vor einem wackeligen Brett.
»Warum nagelt es keiner wieder an?«
Er lachte:
»Wenn man Bescheid weiß, ist es keine Gefahr. Du vergisst wohl, dass du jetzt in Russland bist!«
Ich schwieg, und wir stiegen weiter hinauf, bis unters Dach. Dort griff er hinter einen Balken, holte einen großen Schlüssel hervor und schloss auf.
»Bitte, hereinspaziert«, forderte er mich auf. »Willkommen in meinem Heim. Fühl dich wie zu Hause – sagt man nicht so bei euch?«
»Ja, so sagt man.«
Ich wartete einen Moment auf der Schwelle, während er im Dunkeln vorantappte. Dann leuchtete eine Wandlampe auf und warf einen rötlichen Schein in das Zimmer.
Ich trat ein, zwinkerte gegen das Licht, fummelte eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an.
»Ja, so wohne ich«, sagte er. »Leg ab.«
Ich zog meinen feuchten Mantel aus und sank in einen großen, weichen Ledersessel. Der Raum war bequem und zugleich spartanisch möbliert. Es gab keine Gardinen; acht dunkle Fenster schauten mich schweigend an. Doch vor den Scheiben waren Töpfe mit üppig wuchernden Grünpflanzen aufgereiht, die im Schein der Lampe glänzten. Mitten im Zimmer stand ein großer Tisch, umgeben von Sesseln. In einer Ecke sah ich ein hohes eisernes Bettgestell, in einer anderen einen gewaltigen Kleiderschrank.
Ich saß schweigend und rauchte, während er den Tee zubereitete. Nicht im Samowar, den verwenden die Russen heutzutage nur noch selten; die Apparate werden von Touristen aus dem Westen aufgekauft. Stattdessen wärmte er das Wasser auf einem Spirituskocher und goss den Tee in einer ganz gewöhnlichen Kanne auf. Dann stellte er zwei Teegläser in echtsilbernen Haltern sowie eine große Schale mit Zuckerstücken auf den Tisch. Aus dem Kleiderschrank holte er eine Flasche Wodka und zwei Gläser. Er goss ein und setzte sich auf einen rot und blau gemusterten Sessel mir gegenüber.
»Bitte«, forderte er mich auf.
»Danke.«
Eine Weile schwiegen wir und pusteten auf den heißen Tee.
Ich bot ihm eine Zigarette an.
Es war ganz still im Zimmer. Das Haus stand auf einem Hof; kein Verkehrslärm drang bis hierher.
Ich suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema, mir fiel aber nichts ein. So saßen wir weiter, schwiegen, rauchten, bliesen in den Tee und nippten am Wodka.
Neben dem Schrank entdeckte ich ein Radiogrammophon und wollte ihn fast bitten, es spielen zu lassen.
Er saß nur da und starrte durch die schwarzen Fensterscheiben. Plötzlich, ich zuckte fast zusammen, sagte er laut:
»Dieses Haus wurde im neunzehnten Jahrhundert von österbottnischen Zimmerleuten gebaut.«
Ich schwieg; durch seine unverhoffte Ansprache hätte ich beinahe das Teeglas fallen lassen.
»Ich war in Österbotten«, fuhr er fort.
»Ach, wirklich?«, war der einzige Kommentar, der mir einfiel.
Danach schwiegen wir wieder eine ganze Weile und schauten durch die Scheiben ins Nichts. Einzelne Schneeflocken setzten sich auf das Glas und schmolzen langsam dahin. Dünne Rinnsale bildeten sich und strebten dem Fensterrahmen zu.
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