»Guten Abend, Herr Intendant«, sagte er mit einer kleinen albernen Verbeugung, »bitte, Herr Intendant — Hans Ullrich Garden möchte Sie gern — ja, bitte! Sofort!« Er winkte Hans Ullrich Garden zu.
Aber der Quizmaster dachte nicht daran, aufzustehen, sondern wartete, bis Janos Lewin ihm den Hörer brachte. »Danke!« sagte er kurz, dann in den Apparat hinein: »’n Abend, verehrter Meister. Habe hier gerade ein Dutzend Jungs von der Presse versammelt. Es würde die Herren brennend interessieren, was der Intendant des Hauses gegen die Verwendung von Fräulein Horn als Assistentin einzuwenden hat.« Dann hielt er, während er den anderen reden ließ, den Telefonhörer fünf Zentimeter vom Ohr entfernt. Das wütende Gepolter des Intendanten drang, zwar unverständlich, bis zu mir hin. Ich konnte mir sehr wohl vorstellen, was er Hans Ullrich Garden vorhielt. In dem Moment, als der Intendant eine kleine Verschnaufpause einlegen mußte, sprang Hans Ullrich Garden sofort wieder ein. »Angst vor dem Verwaltungsrat?« wiederholte er höhnisch. »Daß ich nicht kichere! Als ob es auf die paar Piepen noch ankäme! Sie sollen doch erst einmal in meine Sendung kommen, die Herren Rauschebärte — die Augen werden ihnen aufgehen, da können Sie sicher sein! Gut, gut, Herr Intendant, es steht mir nicht zu, Ihnen zu widersprechen — bitte, wiederholen Sie das Ganze von vorhin noch einmal schön langsam, damit ich es wörtlich für die Reporter wiederholen kann.«
Wieder hielt er den Hörer vom Ohr, aber diesmal war das Gepolter des Intendanten schon einige Grade leiser. Er schien sein bestes Pulver schon verschossen zu haben.
»Nein, nein, lange reden können wir darüber nicht!« warf Hans Ullrich Garden nach einer Weile ein. »Auch die nächste Verwaltungsratssitzung kann ich nicht abwarten. Wie stellen Sie sich das denn vor? Die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist ja klar genug — entweder ja oder nein! Was? Wieso? Ich verstehe Sie gar nicht! Nein, gegen Fräulein Horn ist bestimmt nichts einzuwenden, ich kenne sie nicht erst seit heute. Nein, natürlich nicht. Aber ich habe keine Lust — nein, Herr Intendant. Entweder Sie sagen nein und blamieren mich vor zehn Millionen Zuschauern — dann ist die Sendung geplatzt. Sie können doch nicht von mir verlangen, daß ich — nein, auf keinen Fall. Ich bin nicht für Kompromisse. Ganz und gar nicht. Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie Ihre Zustimmung sofort geben. Ja, das ist mein letztes Wort.«
Er schwieg und ließ den Intendanten reden, der aber inzwischen anscheinend so leise geworden war, daß Hans Ullrich Garden den Hörer dicht ans Ohr pressen mußte. Sein Gesicht erhellte sich von Sekunde zu Sekunde mehr, dann endlich sagte er strahlend: »Danke, Herr Intendant — das ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Intendant. Ich wußte doch, daß ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe. Ja, natürlich, wir beide haben uns doch immer glänzend verstanden. Ja, unkorrekt, da haben Sie recht, aber es gibt Situationen — was soll man machen!«
Hans Ullrich Garden warf Janos Lewin den Telefonhörer zu, streckte die Beine weit aus und zündete sich eine Zigarette an. »Alles in Ordnung«, triumphierte er, »was sagt ihr nun?«
Janos Lewin hatte den Hörer aufgelegt. »Daß Sie die Unverschämtheit in Person sind, Herr Garden. Wenn Sie glauben, daß Sie sich mit solchen Methoden beliebt machen werden …«
»Beliebt? Wer spricht denn davon? Die Burschen brauchen mich. Solange sie mich brauchen, werden sie mich auch noch vom Galgen abschneiden, wenn es nötig ist — wenn ich aber beim Publikum nicht mehr ankomme, ja, dann, mein lieber Lewin, dann kann ich so beliebt sein, wie ich will, sie lassen mich doch verrecken.«
Janos Lewin hatte ihm kopfschüttelnd zugehört. »Sie sind von einer Selbstüberschätzung, Garden, die ihresgleichen sucht. Aber warum soll ich mich mit Ihnen streiten. Ich hoffe nur, daß Sie sich nicht bei mir beschweren werden, wenn eines Tages die Kündigung auf Ihren Schreibtisch flattert.«
»Auf diesen Tag warten Sie, wie? Aber vergessen Sie bitte nicht, dann ist auch für Sie alles erledigt — tot und gestorben.«
»Das ist Ansichtssache. Schließlich habe ich Erfolge gehabt, bevor …«
Hans Ullrich Garden unterbrach ihn. »Jetzt flehe ich Sie an, Lewin, tun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie nicht wieder Ihre schönen Geschichten aus Wien. Gut, unterstellen wir, Sie waren damals im Kommen — aber was nützt Ihnen denn das? Inzwischen ist doch einiges passiert! Was versprechen Sie sich eigentlich von solchen dunklen Andeutungen? Wahrscheinlich wollen Sie mich nur dazu zwingen, unfair zu werden, damit Sie einen Grund haben, mich ärgern zu können.«
»Meine Herren«, sagte ich, »darf ich auch mal ein Wort zu der ganzen Angelegenheit äußern?«
Hans Ullrich Garden fuhr zu mir herum. »Also, was die Kriminalpolizei betrifft, muß ich Sie bitten …«
»Aber darum handelt es sich doch jetzt gar nicht«, sagte ich. »Sie haben sich wirklich sehr charmant für mich eingesetzt, Herr Garden, beim Publikum und auch jetzt bei Ihrem Vorgesetzten — ich nehme doch an, daß der Intendant Ihr Vorgesetzter ist, nicht wahr? Das war wirklich alles zauberhaft von Ihnen, und ich erkenne es auch durchaus an. Aber wäre es nicht besser gewesen, mich vorher zu fragen, ob ich überhaupt Lust und Zeit zu solch einem Job habe?«
»Soll das heißen …«, brachte Hans Ullrich Garden gerade noch hervor, bevor es ihm die Sprache verschlug.
»Ja, sind Sie denn wahnsinnig geworden?« ereiferte sich Janos Lewin. »Halten Sie mich nicht für indiskret, aber beantworten Sie mir jetzt mal eine Frage: Wie hoch ist der Wechsel, den Sie allmonatlich von zu Hause bekommen?«
Ich sagte es ihm.
»Und wieviel Semester müssen Sie noch studieren?«
»Wenn alles gutgeht — fünf.«
»Nun hören Sie mich mal an, Mädchen. Ich glaube, Sie begreifen überhaupt nicht, was für eine Chance wir Ihnen bieten! Sie brauchen nur jetzt Ihre Ferien zu opfern, na ja, vielleicht noch das nächste Semester Ihr Studium zu unterbrechen, und Sie werden in dieser Zeit so viel Geld verdient haben, daß Sie bis zum Abschluß des Examens sorglos leben können.«
»Das ist mir klar«, sagte ich unentschlossen.
»Und da zögern Sie noch?«
»Die Entscheidung hängt ja nicht von mir ab«, erklärte ich. »Erst muß ich natürlich mit meinem Professor sprechen, und dann muß ich auch noch meine Eltern um Erlaubnis fragen. So mir nichts, dir nichts, wie Sie sich das vorzustellen scheinen, kann ich mein Studium nicht abbrechen.«
»Mein Gott«, sagte Hans Ullrich Garden, »und Ihretwegen habe ich …« Er schlug sich mit einer reichlich theatralischen Geste die Hand vor den Kopf.
»Ich habe es von Ihnen weder erwartet noch verlangt, Herr Garden, darüber wollen wir uns doch von vornherein klar sein, ja?« sagte ich. »Warum es Ihnen eingefallen ist, mich vor dem Publikum zu Ihrer Assistentin zu ernennen, weiß ich nicht, aber daß Sie die Sache Ihrem Intendanten gegenüber durchgeboxt haben, ist doch wohlkaum meinetwegen geschehen. Ich hatte eher den Eindruck, daß es sich um eine Prestigefrage gehandelt hat.«
»Kluges Kind«, sagte Janos Lewin mit spöttischem Ernst.
Ich stand auf. »Das Beste wird sein, ich schreibe Ihnen, wenn ich genau weiß, ob ich überhaupt bei Ihnen arbeiten kann. Jetzt habe ich nämlich keine Zeit mehr, in einer knappen Viertelstunde geht mein Zug.«
Hans Ullrich Garden war wie elektrisiert aufgesprungen. »Halt! Warten Sie doch!« rief er. »Natürlich bringe ich Sie mit dem Wagen zum Bahnhof.«
»Danke, nicht nötig. Ich brauche nur meinen Mantel. Sollte dieser Bühnenarbeiter ihn nicht heraufbringen?«
Janos Lewin humpelte zu einer Seitentür und kam wenige Augenblicke später mit meinem Mantel, meinem Schal und meiner Wollmütze zurück. »Hier, gnädiges Fräulein. Ich möchte annehmen, daß es sich um Ihre Sachen handelt!«
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