»Nein«, sagte Hans Ullrich Garden mit Nachdruck, »ich werde nichts melden. Sind Sie nun zufrieden?«
»Ja, danke, Herr Garden — vielen Dank auch, nur …«
»Was denn jetzt noch?«
»Ich möchte so gern wissen, wie Sie es geschafft haben, so schnell einen Ersatz zu bekommen — also, ich muß sagen, für mich hat das geradezu an Hexerei gegrenzt!«
»Alter Freund«, sagte der Quizmaster und klopfte dem Requisiteur gönnerhaft auf die Schulter. »Sie sollten doch eigentlich wissen — Hans Ullrich Garden schafft alles.«
Das Büro des Quizmasters lag im Fernsehflügel des Funkhauses. »Abteilung Unterhaltung« las ich auf der Glastür, die wir durchschritten. Wir mußten einen ziemlich langen Gang hinunter, die vorletzte Tür links führte in Hans Ullrich Gardens geheiligte Räume.
Ich wartete auf den Augenblick, wo ich dem Quizmaster endlich in aller Ruhe und unter vier Augen meinen Standpunkt erklären konnte, aber der modern eingerichtete Raum war nicht leer. Herr Lewin — Dr. Janos Lewin, wie ich später erfuhr — saß hinter dem Schreibtisch, hatte eine Flasche Kognak und ein Glas vor sich und prostete uns zu, als wir eintraten.
»’n Abend!« grüßte Hans Ullrich Garden kurz, wies mit der Hand zu den Stahlrohrsesseln, die um einen kleinen Tisch mit einer apfelsinenfarbenen Plastikplatte gruppiert waren. »Setzen Sie sich, Mädchen, geben Sie uns einen Kognak, Lewin!«
Lewin kicherte, holte zwei weitere Gläser aus dem Schreibtisch, stand auf und kam zu unserem Tisch. Jetzt erst sah ich, daß sein rechtes Bein verkürzt schien. Er humpelte stark.
»Sie werden eine Seelenstärkung brauchen können, Garden«, sagte er grinsend, »der hohe Chef hat angerufen. Sie sollen sich sofort mit ihm in Verbindung setzen, mein Lieber!« Lewins Augen funkelten vor Schadenfreude.
Hans Ullrich Garden goß mir und sich selbst einen Kognak ein, leerte sein Glas auf einen Zug und sagte böse: »Der kann mich mal!«
»Soll ich die Verbindung herstellen, damit Sie es ihm persönlich sagen können?« schlug Lewin mit falscher Freundlichkeit vor.
»Nichts sollen Sie! Den Mund halten sollen Sie — wenn es Ihnen auch schwer fällt.«
Lewin rieb sich die Hände, zog die eine Schulter hoch, eine Haltung, die ihm das Aussehen eines boshaften Vogels gab. »Schlecht gelaunt, großer Meister, wie?« fragte er mit funkelnden Augen.
Obwohl er sich alle Mühe gab, sich so widerwärtig wie nur möglich aufzuführen, hatte ich das Gefühl, daß er im Grund genommen eine gute Seele war. Deshalb sagte ich: »Herr Garden ist ziemlich erschöpft. Es ist etwas passiert.«
Dr. Lewins Gesicht wurde sofort ernst. »Passiert?« fragte er. »Ist die Sendung geplatzt? Nein, das kann ich mir doch nicht vorstellen, das würde man mir bestimmt schon berichtet haben …«
Hans Ullrich Garden zündete sich eine Zigarette an. »Weshalb will der Chef mich sprechen?«
»Weshalb schon? Weil Sie sich erlaubt haben, diese gewiß ungemein reizende junge Dame«, er sagte es mit einer kleinen Verbeugung zu mir hin, »eigenmächtig zu engagieren.«
»Na und? Ist etwas gegen Fräulein Horn einzuwenden?«
»Heilige Einfalt!« Dr. Janos Lewin setzte sich verkehrt herum, die Arme über der Lehne verschränkt, auf einen der federnden Stühle. »Wer, lieber Garden, glauben Sie, daß Sie sind? Nicht mal der Intendant persönlich darf sich ohne Rückfrage bei der Verwaltung erlauben, den Papst von Rom zu engagieren! Sie sollten doch wissen, der Dienstweg …«
»Wenn sich Fräulein Horn auf den Dienstweg verlassen hätte, wäre ich jetzt tot — ja, schauen Sie mich nicht so an, Lewin —, ich wäre tot, mausetot. Gestern noch auf hohen Rossen, heute durch die Brust geschossen. Was sagen Sie jetzt?«
»Machen Sie keine Witze.«
»Sie scheinen nicht sehr überrascht, Herr Lewin!«
Er sah mich mehr belustigt als beleidigt an. »Sie verdächtigen mich, gnädiges Fräulein?«
»Ich verdächtige jeden — ich meine, jeden, der regelmäßig in irgendeiner Form an den Quizsendungen Hans Ullrich Gardens beteiligt ist.«
»Wollt ihr mir jetzt nicht endlich erklären, was überhaupt passiert ist?« fragte Dr. Lewin.
»Sonja hat ganz recht — diese Frage kommt reichlich spät, mein Lieber!«
»Also, jetzt werdet doch bitte nicht komisch!« Janos Lewins Lachen klang unecht. »Ihr bildet euch doch wohl nicht im Ernst ein, daß ich etwas mit euren mysteriösen Geschichten zu tun habe? Ich habe seit heute abend sieben Uhr diesen Raum hier nicht verlassen.«
»Haben Sie Zeugen?« fragte ich.
»Jawohl. Die Arbeit, die ich geleistet habe!« Dr. Lewin schwang sich von seinem Sitz, humpelte zum Schreibtisch und warf dort mit wütenden und, wie mir schien, reichlich effektvollen Bewegungen die Papiere durcheinander. »Während ihr auf der Bühne euren Heckmeck gemacht habt, habe ich mir erlaubt, die übernächste Sendung mit und von Hans Ullrich Garden vorzubereiten — geistig vorzubereiten. Glauben Sie im Ernst, ich hätte das getan, wenn ich damit gerechnet hätte, daß er heute abend ins Gras beißt?«
»Ich bin der Meinung, daß man die Kriminalpolizei anrufen sollte«, sagte ich.
Auf einmal waren sich die beiden Männer einig. »Unsinn!« rief Hans Ullrich Garden sofort.
»Alberne Idee!« behauptete Dr. Lewin.
»War das heute abend der erste Mordanschlag?« fragte ich.
»Ja — das heißt — nein.«
»Ja oder nein?« fragte ich.
»Ich habe Drohbriefe bekommen. Lewin, Sie wissen ja davon.«
»Blödsinniges Geschreibsel. Wir haben es natürlich nicht ernst genommen«, sagte Dr. Lewin.
»Ich meine doch«, beharrte ich, »man sollte alles der Kriminalpolizei erzählen, und …«
Das Schrillen des Telefons unterbrach meinen Satz. Ich verstummte. Die beiden Männer sahen sich fast feindselig an, ohne sich von ihren Plätzen zu rühren.
Das Telefon klingelte noch einmal.
»Warum nehmen Sie nicht ab, Lewin?« fragte Hans Ullrich Garden böse.
Janos Lewin zuckte mit den Schultern. »Es ist bestimmt für Sie, Garden!«
»Glaube ich nicht.«
Das Telefon klingelte zum drittenmal.
»Das wird der Intendant sein. Oder haben Sie schon vergessen, daß er auf hundert ist?«
»Der Intendant soll mich …«
Janos Lewin stand auf, humpelte zum Schreibtisch, nahm den Hörer des elfenbeinfarbenen Apparates ab und reichte ihn, ohne sich zu melden, an Hans Ullrich Garden weiter. »Sagen Sie’s ihm selbst, Garden. Der Chef wird sich freuen, wenn er erfährt, was Sie von ihm denken!« zischelte er, während er die Sprechmuschel zuhielt.
Hans Ullrich Garden riß ihm den Hörer wütend aus der Hand. »Hier Garden«, meldete er sich kurz. Dann machte er ein Gesicht, als wenn er selbst nicht wüßte, ob er jetzt erleichtert oder verärgert sein sollte. »Ach, du bist es«, sagte er, »nein, Lilo, das ist völlig ausgeschlossen — nein, das geht wirklich nicht. Tut mir leid. Wir haben — wenn ich dir sage, daß ich nicht kann, dann mußt du mir schließlich glauben, wie? Bitte, mach mir jetzt keine Szene, ich bin abgespannt genug. Ja, ja, ja, natürlich tut es mir leid. Ich werde dich morgen früh anrufen, einverstanden?« Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte er Janos Lewin, der mit einem amüsierten Lächeln am Schreibtisch stand, und legte den Hörer auf.
»War diese Dame heute abend auch hinter der Bühne?« fragte ich nachdenklich.
Aber niemand beantwortete mir die Frage.
»Los, Lewin«, forderte Garden, »bringen Sie mir jetzt den Chef an die Leitung — aber dalli, wenn ich bitten darf. Wieviel Uhr ist es?« Er warf einen Blick auf seine schwere goldene Armbanduhr. »Wählen Sie die Privatnummer!«
»Wie der hohe Herr befiehlt!« sagte Janos Lewin mit boshaftem Spott. Er zog ein rotes Notizbuch aus der Tasche, blätterte darin herum, bis er die Nummer, die er suchte, gefunden hatte. Dann wählte er.
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