Aufatmend drängten sich die drei um ihren schützenden Leib, griffen mit ihren kleinen Pfoten in ihr Fell und suchten nur noch Nähe. Und die Murmelmutter tröstete ihre Kinder. Sie war erleichtert, daß alles noch einmal gut abgegangen war. Immerhin hatten die Kleinen Glück gehabt: Der Bach führte um diese Jahreszeit nur wenig Wasser. Und ein kühles Bad schadete nicht bei dieser Hitze.
Gemächlich stieg sie mit ihren Jungen am Bachufer aufwärts: über Geröll und angespülte Äste. Es war kein bequemer Weg, aber den klettergewandten Murmeltieren machte das nichts aus. Nur an den Lärm des brausenden Wassers mußten die Kleinen sich erst gewöhnen.
Allmählich wurden die Ufer steiler. Der Wildbach toste tief unten zwischen überhängenden Felsen. Arven und Lärchen wanden ihre Wurzeln in den Boden. Und einer der Baumstämme lag quer über der Schlucht wie ein Steg von einem Ufer zum anderen.
Mit einemmal stutzten die vier. Dicht bei dem querliegenden Stamm am jenseitigen Ufer saß hoch aufgerichtet ein stattliches Murmel, ein fremdes Murmel. Aufmerksam sichernd, blickte es zu ihnen hinüber. Als es sah, wie die vier ruhig weiterzogen, wandte es sich langsam ab und verschwand hinter einem Fels.
Dort begann ein fremdes Revier.
Aber das wußte Murru noch nicht; er kannte ja bis jetzt nur seine Familie. Und er wurde sehr neugierig auf die unbekannte Welt dort drüben. Doch seine Mutter strebte unbeirrt ihrem eigenen Bau zu. Und Murru tappelte folgsam hinterher.
Ein ungewöhnlicher Spielgefährte
So folgsam blieb Murru allerdings nicht immer. Zwar liebte er Gesellschaft, Wärme, Nähe und Zärtlichkeit, aber allmählich regte sich in ihm doch der zukünftige Murmelbär, der später die Kolonie und die Reviergrenzen bewachen würde, obwohl er dazu jetzt noch viel zu klein war. Wenn sich eine Gelegenheit bot, versuchte er selbständig die Gegend zu erforschen, wie er das auch bei seinen größeren Geschwistern beobachtete. Dabei entfernte er sich jedoch nie allzuweit vom Mutterbau: Das schien ihm sicherer.
An diesem Morgen tobte er wie sonst mit Mangi und Lura am Rand der Auswurfhügel herum, hakelte mit seinen Nagezähnen spielerisch an Mangis Gebiß und boxte mit Lura. Zwischendurch aber wollte er mal mit seiner Mutter schmusen, die dafür immer Zeit hatte. Doch als er jetzt zu ihr hinüberlief, zögerte er auf einmal: Seine Mutter war nicht allein. Der alte Murmelbär, sein Vater, saß, dicht über sie gebeugt, neben ihr und knabberte ihr zärtlich am Ohr. Und seiner Mutter schien das zu gefallen.
Murru wandte sich langsam ab. Im Augenblick war da kein Platz für ihn. Und dann hatte er einen Einfall. Gemächlich tappelte er los, um einen Felsblock herum und außer Sichtweite, immer weiter schräg hangaufwärts. Drüben auf dem Beobachtungsfels saß Gunno, sein älterer Bruder, und hielt Wache. Das beruhigte Murru. Solange Gunno nicht pfiff, konnte nichts passieren.
Die Sonne stand schon ziemlich hoch über den Bergspitzen und warf kaum Schatten. Murru genoß die Wärme. Mitunter richtete er sich auf, um einen besseren Überblick zu bekommen. Doch auf der mit Felsblöcken und Alpenrosengesträuch übersäten Bergmatte konnte er nicht viel sehen. So tappelte er ahnungslos um einen dicken Steinbrocken herum auf eine kleine Gruppe Arven zu.
Plötzlich stutzte er. Zwischen den Arvenwurzeln mündete ein Loch. Und davor lag jemand in der Sonne, ein reichlich sonderbares Wesen: mit spitzen Ohren, rötlichem Fell und buschigem Schwanz und noch ziemlich klein. Dieses Wesen wälzte sich behaglich auf dem Rücken, gähnte verschlafen und blinzelte gegen die Sonne zu ihm hinüber. Dann hob es schnuppernd seine spitze Nase und kam auf Murru zu.
Jetzt schnupperte auch Murru. Dieses Wesen roch nicht wie ein Murmel. Und es sah auch nicht so aus. Aber es wirkte eigentlich recht friedlich. Und es kam immer näher und tapste spielerisch nach Murrus Nase.
Das gefiel Murru. Und er haschte nach dem buschigen Schwanz, der so sonderbar herumwedelte. Nur schien das dem kleinen Jungfuchs weniger zu behagen. Er sauste ein paar Schritte davon, kam aber sofort zurück, den Schwanz dicht über dem Boden. Wieder haschte Murru danach. Und der kleine Rotfuchs drehte sich ein paarmal um sich selber wie ein Kreisel, bis Murru von seinem Schwanz abließ.
Mit einemmal war da ein Geräusch. Es hörte sich an wie ein Kollern, ganz leise nur und dumpf. Und es verstummte dann. Der kleine Fuchs spitzte die Ohren. Und Murru richtete sich neugierig auf den Hinterbeinen auf, um die Ursache zu ergründen. Aber es war nur ein Stein, der sich irgendwo oben am Hang gelöst hatte.
Der kleine Fuchs jedoch blickte mißtrauisch zu Murru hoch. Die plötzliche Größe des Murmels erschreckte ihn. Aus seiner Kehle drang ein heiseres Knurren. Und da Füchse sehr vorsichtige Tiere sind, zog er sich langsam zurück bis zu seinem Erdloch, wo er sich sicherer fühlte und sich aufmerksam lauernd auf sein Hinterteil setzte.
In diesem Augenblick ertönte ein schriller Pfiff. Murrus Mutter tauchte hinter dem Steinbrocken auf. Blitzschnell übersah sie die Lage und galoppierte mit gewaltigen Sätzen zu ihrem Kind. Murru guckte verdutzt. Und der Jungfuchs verschwand eiligst in seinem Bau.
Jetzt sicherte Murrus Mutter vorsichtig in die Runde, spähte nach der Fuchsfähe aus. Dann jagte sie Murru vor sich her den Hang hinunter. Murru begriff das alles nicht. Er hätte gern noch ein wenig mit dem Füchslein gespielt. Sie hatten ja beide noch ihren Kindergeruch und wußten noch nichts von Gefahr.
Murrus Mutter aber kannte die Gefährlichkeit der großen Füchse, die schon manches Murmelkind geholt hatten. Nur vor erwachsenen Murmeltieren hatten auch Füchse Respekt.
Doch das sollte Murru erst später erfahren.
So schnell er konnte, rannte er vor seiner Mutter über die Bergmatte, vorbei an Zwergsträuchern und Felsblöcken. Schräg über ihm flatterte ein Trupp Alpendohlen; lautstark hallten ihre trillernden Rufe. Murru blickte kurz auf zu den samtschwarzen Vögeln mit den gelben Schnäbeln und roten Füßen, die gipfelwärts davonflatterten.
Dabei sauste er mitten durch einen Teppich Silberwurzblüten. Und noch lange nachdem er vor dem Bau Lura und Mangi begegnet war, haftete ihm der Blütenstaub im Fell.
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