Das mußte Murru auch mal probieren. Mit seinen kräftigen Nagezähnen beknabberte er ein paar Grasspitzen. Nur konnte er die nicht einfach schlucken wie Milch, er mußte kauen. Und außerdem schmeckte es reichlich sonderbar. Milch war ihm viel lieber.
Lura und Mangi versuchten es erst gar nicht. Mangi sprang mit einemmal auf und rannte hinter Lura her, versuchte sie zu erwischen. Wie die Wilden sausten die zwei davon.
Das Haschenspielen der beiden gefiel Murru. Und er flitzte ihnen nach, über Grasbatzen und Blütendolden. Plötzlich stutzten die beiden, machten kehrt und hetzten nun gemeinsam Murru über den Hang. So ging das eine ganze Weile, einander haschend und übereinanderpurzelnd. Und die drei verspielten Murmelkinder quietschten vor Vergnügen.
Dabei achteten sie überhaupt nicht mehr darauf, wohin sie liefen. Der Hang war zum Wildbach hin ziemlich abschüssig, übersät mit Felsbrocken, hinter denen leicht ein Fuchs lauem konnte. Und über ihnen taumelten ein paar dunkle Schatten. Murru duckte sich. Doch die Alpendohlen kümmerten sich nicht um ihn.
In diesem Augenblick ertönte ein scharfer Pfiff. Der alte Murmelbär oben auf dem Fels stieß einen Warnruf aus: So weit sollten seine Kinder sich nicht entfernen. Und auch ihre Mutter rief laut pfeifend vom Höhleneingang.
Doch keines der drei Jungen hörte. Sie wußten noch nicht, was ein Alarmpfiff bedeutet: Das mußten sie erst lernen. Und ihre Mutter brachte es ihnen bei. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit rannte sie hangabwärts auf die drei zu, klatschte laut und energisch in die Pfoten und trieb sie zurück.
Das begriff Murru. Und er sauste vornweg. Er spürte mit einemmal Hunger, großen Hunger.
Seine Mutter schien das genau zu wissen. Murru brauchte sie gar nicht erst zu stupsen. Bereitwillig legte sie sich auf den Rücken und ließ ihn saugen. Und auch Lura und Mangi wollten ihre Milch. Eifrig krabbelten sie ihrer Mutter auf dem Bauch herum. Und Murru rutschte erschrocken zu einer anderen Stelle. Aber es war Platz genug für die drei Kleinen. Und jeder wurde satt.
Als Murru genug getrunken hatte, blieb er einfach auf dem warmen Bauch liegen. Nur dauerte das Vergnügen nicht lange. Inzwischen waren seine beiden Schwestern ebenfalls gesättigt. Seine Mutter wälzte sich zur Seite und setzte sich auf. Und Murru rollte neben ihr ins Gras, zusammen mit Lura und Mangi, die über ihn hinwegpurzelten.
Doch hier lag er gut, weich und geschützt zwischen warmen vertrauten Körpern. Er fühlte sich sehr faul und schläfrig. Müde schloß er seine Augen. Und während ihm die Sonne den Pelz wärmte, schlief er ein.
Am Nachmittag kam Wind auf, bog die Grasstengel leicht seitwärts. Und die Berggipfel warfen lange Schatten über den Hang, verdeckten die wärmenden Strahlen. Und es wurde kühl.
Murru hob seine kleine Nase in den Wind. Und der Wind spielte mit seinen Schnurrbarthaaren. Das kitzelte ein wenig. Aber Murru mochte den Wind nicht. Ihm wurde kalt. Und er versuchte, noch dichter an seine Mutter zu kriechen. Doch sie erhob sich plötzlich. Sie kannte die Abendkühle der Berge. Das war nichts für ihre Kinder. Und fürsorglich scheuchte sie die drei in die warme Höhle.
Am nächsten Morgen kam Murru als erster aus dem Bau. Diesmal brauchte ihn niemand zu scheuchen. Er wußte schon, was ihn draußen erwartete.
Vorwitzig tappelte er mit seinen kleinen Pfoten über den Erdwall, setzte sich aufrecht auf die Hinterbeine und schnupperte. Es duftete nach feuchtem Gras, der Himmel leuchtete blau über den weißen Gipfeln. Von den Arven am Wildbach hämmerte ein Dreizehenspecht. Und der alte Murmelbär stand schon auf seinem Felsbrocken und hielt Wache.
Nur etwas war anders heute. An den schroffen Felsgraten über der Bergmatte bewegten sich Gestalten, schlanke Gestalten: mit langen Beinen und gebogenen Hörnern. Aber sie waren weit weg, jenseits des Gletscherbachs in schwindelnder Höhe. Und den wachsamen Murmelbär schienen die fremden Gestalten nicht zu stören.
Trotzdem zögerte Murru. Alles Unbekannte machte ihm angst. Erst als seine Mutter kurz darauf mit seinen beiden Schwestern aus dem Höhleneingang auftauchte, wagte er sich ein Stückchen weiter.
Das Murmelweibchen warf einen sichernden Blick in die Runde, sah die kletternden Gemsen und den Murmelbär auf dem Fels. Es drohte keine Gefahr. Und beruhigt begann sie, an den frischen Grasspitzen zu knabbern.
Murru sah ihr eine Zeitlang zu. Er hatte noch keinen Appetit auf Grünzeug; außerdem war er satt, hatte eben erst seine Morgenmilch bekommen. Er schnupperte nur ein wenig an ein paar Steinbrechblüten auf Felsgestein.
Das schien auch Lura zu interessieren. Sie kam mit ihrem drolligen Watschelgang auf Murru zu. Und Mangi watschelte hinter ihr her. Nur wollte Mangi gar nicht schnuppern. Sie suchte Spielgefährten.
Übermütig stupste sie Murru in die Flanke. Und von der anderen Seite stupste Lura. Das war zuviel für Murru. Er krabbelte über den Fels hinweg. Doch er war jenseits noch gar nicht wieder ganz unten, da kam Mangi ihm nach. Und Lura rannte um den Fels herum, ihm entgegen.
Jetzt wagte Murru einen kühnen Sprung. Wohlbehalten landete er auf seinen kleinen Pfoten im Gras. Und als sei das ein Signal, jagten die beiden Murmelmädchen hinter ihm her. Nur hatte Murru inzwischen einiges dazugelernt. So leicht ließ er sich nicht mehr erwischen. Behende flitzte er hangabwärts davon.
Gunno und seine ältere Schwester Lanni trieben sich hier zwischen den Felsbrocken herum, boxten sich aufrecht stehend vor die behaarte Brust, spielten Haschen und mümmelten zwischendurch immer mal einen Grashalm. Das fand Murru beruhigend. Wo andere Murmel so sorglos spielten, war es wohl nicht gefährlich.
Doch er irrte sich. Die Gefahr kam von oben, lautlos und unaufhaltsam. Über den steilen Berggrat hinweg warfen zwei mächtige Schwingen ihren Schatten auf das sonnendurchglühte Gestein. Ruhig zog der Steinadler seine Kreise, ließ sich allmählich tiefer sinken und verschwand hinter einer Felsnase.
Noch hatte keines der Murmel etwas bemerkt, auch der alte Murmelbär nicht, der gerade den Eingang zum nahen Fuchsbau beobachtete. Der Adler aber hatte genug gesehen. Seinem scharfen Greifvogelblick entging keine Bewegung. Und die ahnungslosen Murmel tollten weiter.
Plötzlich glitt der Adler dicht über dem Boden unter der Felsnase hervor, nutzte jede Unebenheit als Deckung und pirschte sich näher, immer näher. Seine Schwingen schlugen, seine dolchartigen Greifkrallen stießen vor.
Nur wenige Handbreit trennten ihn noch von seinem Opfer.
In diesem Augenblick ertönte ein gellender Pfiff. Der wachsame Murmelbär hatte die Gefahr erkannt. Und seine Warnung kam nicht zu spät.
So gemächlich Murmeltiere sich sonst bewegten, bei einem Warnpfiff verschwanden sie mit ungeahnter Geschwindigkeit im nächsten Loch.
Die Krallen des Steinadlers stießen ins Leere. Nur ein paar Gräser blieben in seinen Fängen. Und er drehte ab zu seinem Horst in der Steilwand.
Nichts rührte sich mehr auf der Bergmatte. Es war still, fast unheimlich still.
Auch die Gemsen hoch oben am Fels hatten den Warnpfiff des Murmelbärs gehört und waren jenseits des Berggrats über ein Geröllfeld geflüchtet. Selbst der Specht bei den Arven am Steilufer war verstummt. Nur der Gletscherbach rauschte monoton wie immer.
Murru hatte nur einen Moment gezögert, sah die überall flüchtenden Murmel und war dann davongerannt, suchend nach einem Schlupfloch. Und er hatte ein Loch gefunden. Wie gehetzt flitzte er durch die Öffnung.
Doch er kam nicht weit. Schon nach wenigen Metern endete der Gang. Vor ihm lag Erde, nichts als Erde.
In der Aufregung stieß er mit seiner kleinen Nase dagegen, zuckte schmerzlich zurück. Das Loch war das falsche, war nur eine kurze Fluchtröhre, die nicht in den Bau führte. Das wußte Murru noch nicht. Aber die Röhre hatte ihn gerettet.
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