Verwirrt hockte Murru im Dunkel. Er vermißte seine Mutter, den vertrauten Geruch der Wohnhöhle. Ermochte nicht allein sein. Und seine Nase tat weh.
Angstvoll starrte er nach dem schwachen Lichtschimmer am Ausgang.
Aber da vorn war nicht viel zu sehen. Ein pelziges Etwas versperrte die Sicht. Und es bewegte sich. Murru erschrak. Sein kleines Herz hämmerte aufgeregt. Doch es gab keine Flucht. Er war gefangen: zwischen Erde und einem unbekannten Pelztier.
Vorsichtig schnupperte er in die Richtung des fremden Wesens. Und er atmete auf: Das war Murmelgeruch.
Eilig tappelte er darauf zu. Und er erkannte Gunno, der nach ihm in die Röhre geflüchtet war. Gunno wußte Bescheid. Er kannte alle Löcher im Murmelrevier. Und er war gar nicht erst weitergelaufen, als er die Sicherheit der Fluchtröhre erreicht hatte. Jetzt wandte Gunno sich zu seinem kleinen Bruder um.
Murru fand das sehr tröstlich. Geduldig wartete er hinter ihm, während Gunno aufmerksam die Bergmatte draußen beobachtete.
Gunno würde wissen, wann die Luft rein war. Und Gunno wußte es; er hatte schon seine Erfahrungen. Er sah den Steinadler abstreichen, sah die Dohlen vom Arvenwäldchen herüberflattern. Die Gefahr war vorüber. Und Murru folgte seinem großen Bruder hinaus ins Freie.
Das sonnige Wetter hielt an, noch tagelang. Murru war inzwischen größer geworden und auch ein wenig mutiger. Aber noch bremste die Mutter seinen Entdeckerdrang. Sorgsam achtete sie darauf, daß die Kleinen sich nicht zu weit vom Bau entfernten. Immer noch kam es vor, daß sie vor lauter Spielfreude einen Warnruf überhörten. Dann mußte sie energisch nachhelfen. Und Gefahren gab es hier genug.
An diesem Morgen bummelte Murru, kroch als letzter hinter den anderen her. Schnuppernd schob er seine Nase aus der Röhre. Die Luft stand still und heiß über der Bergmatte. Kein Windhauch bewegte die Grashalme. Nur die Insekten summten von Blüte zu Blüte. Die Sonne schien wie an den Tagen zuvor, aber sie wirkte blaß hinter faserigen Zirruswolken. Und es roch auch anders: viel stärker als sonst.
Murru kümmerte sich nicht darum. Er spürte ein unbehagliches Gefühl im Magen. Zwar hatte er wie üblich seine Morgenmilch bekommen, doch richtig satt war er nicht geworden. Und als er ungestüm immer wieder nach der mütterlichen Zitze schnappte, hatte seine Mutter ihn ungeduldig knurrend fortgescheucht. Murru verstand das nicht. Und jetzt hatte er Hunger.
Mißmutig beobachtete er seine Mutter und seine älteren Geschwister, die mit einer Emsigkeit Unmengen Kräuter und Gräser in sich hineinstopften, als sei heute ihre letzte Mahlzeit Dabei saßen sie auf den Hinterbeinen und schoben sich die Pflanzenstücke mit den Vorderpfoten in den Mund. Keiner lag wie sonst faul in der Sonne. Und sogar Mangi und Lura knabberten ein wenig an dem Grünzeug.
Murru tappelte langsam ein Stückchen weiter. Hier bei den Auswurfhügeln nahe dem Röhrenausgang war ohnehin alles Eßbare weggefuttert. Bei einem flechtenüberzogenen Felsbrocken hielt er an. Daneben streckte eine Latsche ihre tiefliegenden Äste hangwärts.
Unbehaglich blickte Murru sich um. Schatten mochte er nicht. Auf dem Fels aber lag Sonne, wärmte den Stein. Behende kletterte Murru hinauf, griff mit den Vorderpfoten geschickt in die Spalten und stemmte sich mit seinen kräftigen Hinterfüßen darin hoch.
Doch kaum übersah er die Felsplattform, stockte er verblüfft: Da lag schon jemand. Eine Bergeidechse nahm auf dem warmen Stein ein Sonnenbad. Aber sie schlief nicht. Plötzlich näherte sich ihr ein tieffliegendes Insekt. Sie jagte hoch und hatte es blitzschnell verschluckt.
Erschrocken zuckte Murru zurück. Dieses handspannengroße, bräunlichgefärbte Reptil ängstigte ihn. Mehr auf dem Bauch rutschend als kletternd, ließ er sich hastig an dem rauhen Fels hinab und landete haarscharf neben einer Alpenkratzdistel. Die aber war gar nichts für Murmelmägen. Und Murrus Magen knurrte noch immer. Endlich entschloß er sich, an ein paar Grasspitzen zu knabbern. Und er fand, daß sie gar nicht so übel schmeckten. So half ihm der Hunger zu einer neuen Erfahrung. Behaglich setzte er sich auf sein Hinterteil und futterte Gras.
Mit einemmal blickte er auf. Er saß schon wieder im Schatten. Am blaßblauen Himmel trieb langsam eine bizarr aufgetürmte Wolkenwand, düster und seltsam gezackt, trieb auf die schneebedeckten Bergspitzen zu und verdeckte die Sonne. Ein eigenartig fahles Licht fiel über die Bergmatte. Und ein Steinschmätzer strich talwärts davon.
In der Ferne ertönte ein dumpfes Kollern, brach sich hoch oben an den Felswänden und hallte zurück durch die Wildbachschlucht. Murruhorchte aufmerksam. Dieses Geräusch kannte er noch nicht. Und er sah, wie seine Mutter zu ihm heraufblickte. Er sauste los. Jetzt brauchte er Wärme, viel Wärme und ihre Nähe. Und aufatmend barg er sich zwischen ihren weichpelzigen Pfoten.
Behutsam streichelte sie ihm über seine kleinen runden Ohren. Hinter den Bergspitzen zuckte ein Blitz durch das Dunkel der Wolke. Ein Windstoß fegte über den Hang. In diesem Augenblick verließ der alte Murmelbär seinen Beobachtungsfels. Und als sei das ein Signal, verschwanden alle Murmel eiligst in ihren Löchern.
Auch Murru flitzte in die dunkle Röhre. Wenn die Großen am hellen Tag so schnell in den Bau krochen, bedeutete das nichts Gutes. Das wußte er schon. Die erfahreneren Murmeltiere kannten sich aus: Sie hatten den Wetterwechsel gespürt und sich vorsorglich noch die Bäuche vollgeschlagen, bevor das Gewitter losbrach.
Und es brach los: mit der Urgewalt eines Berggewitters. Kollernd und krachend rollte der Donner, Sturmböen peitschten Regenfahnen über die Bergmatte, durchzuckt von aufgrellenden Blitzen. Von überall schossen Rinnsale dem Wildbach zu; und sein Rauschen wurde zum Dröhnen. Zweige und Äste polterten auf überspülten Fels. Schäumend und gurgelnd stieg das Wasser über die steinigen Ufer. Stunden um Stunden tobte das Unwetter, gefangen zwischen den steilen Bergwänden. Und es schien kein Ende zu nehmen.
Von all dem merkte Murru nichts. In der Tiefe des Baus fühlte er sich geborgen, trocken und warm. Kein Laut drang von draußen in die weich gepolsterte Höhle. Hier endlich bekam er noch etwas Milch von seiner Mutter und die Zärtlichkeit ihrer Nähe.
Als er satt war, tollte er mit seinen Geschwistern durch die unterirdisch verzweigten Gänge, versteckte sich kurz in einem Blindstollen und jagte hinter Lura her. Nur die Röhre zum Ausgang mied er. Was dort draußen geschah, war ihm unheimlich.
Die Nacht verging und der folgende Tag. Und es wurde Mittag des übernächsten Tages, als die dichte Wolkendecke endlich aufriß. Nur die Bergspitzen blieben grau umhüllt. Nebelschleier schwebten über der Wildbachschlucht, trieben durch die Kronen der Arven und Lärchen.
Plötzlich brach die Sonne durchs Gewölk; ihre heißen Strahlen ließen die Wiesen dampfen. Ein Apollofalter gaukelte zu einem Alpenrosenstrauch. Und ein Kolkrabenpaar zog mit dumpfem Ruf von seinem Horst bergwärts.
Vorsichtig lugte der alte Murmelbär aus dem Röhrenausgang über die Auswurfhügel hinweg. Er roch das Wetter. Und es roch gut. Die Kolkraben verschwanden hinter einer Bergnase. Ein Tannenhäher strich vorbei; er kam schon zurück mit seiner Beute von Arvennüssen. Und das Hämmern des Dreizehenspechts klang aus dem Schluchtwald herauf.
Die Murmelkolonie war gut gewählt. Hier unter dem Ausgang eines hohen, kahlen Trogtals wucherte über altem Moränenschutt und verwittertem Lawinengeröll von den Steilhängen eine üppige Pflanzendecke auf trockenem Kalkgrund, der sich bis zur Bergmatte erstreckte. Gräser, Kräuter und Alpenblumen wuchsen im Überfluß. Latschen krallten sich ins Gestein. Und an den Hängen zur Wildbachschlucht, wo es feuchter und lehmig wurde, standen einige zerzauste Arven, Lärchen, Bergföhren und ein paarvereinzelte Ebereschen. Diese Vielfalt war ein idealer Lebensraum für Murmeltiere. Hier fanden sie alles, was sie zur Nahrung und zum Bau ihrer Höhlen brauchten. Schon die Vorfahren des alten Murmelbären hatten hier gewohnt. Jede Generation hatte an dem verzweigten Röhrennetz weitergebaut. Und es war still hier oben auf der einsamen Bergmatte.
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