Als er die Augen schloss, tauchte ungewollt ein Bild von seiner Mutter im Nachthemd in dem dunklen Garten des Heims vor ihm auf, so klar, dass er sich abrupt aufsetzte. Sie schien so greifbar nah, dass er sich suchend umsah: Er hatte die wirre, aber starke Vorstellung, den jetzigen Augenblick eng genug falten zu können, um einen Augenblick der letzten Nacht zu berühren, die kurze Zeit davor, als sie noch lebte. Er sah nicht die gebeugte alte Frau, die sie geworden war, sondern die reife Frau seiner Jugend: Ihren dunklen Haarzopf, den sie vor langer Zeit abgeschnitten hatte, die schwarz gerahmte Brille mit den dicken Gläsern, wie sie damals üblich waren, ihre große energische, aber etwas ungelenke Erscheinung. Als sie noch lebte, hatte er sich manchmal nur schwer an ihre vergangenen Ichs erinnern können, und er hatte befürchtet, sie für immer verloren zu haben, doch diese Erinnerung war lebhaft und vollständig. Er knipste das Licht an, stand auf, schaltete den Fernseher ein und sah Nachrichten, Bilder vom Krieg in Irak.
Als er wieder ausgestreckt im Dunkeln auf dem Rücken lag, nackt, zugedeckt mit dem Laken, konnte er nicht schlafen. Er wünschte, er könnte sich besser an die Stellen in der Aeneis erinnern, in denen Anchises in der Unterwelt seinem Sohn erklärt, wie die Toten im Jenseits allmählich von dem dichten Schmutz und den verkrustenden Schatten gereinigt werden, die sie im Leben durch ihre weltlichen Verstrickungen angehäuft haben; wie nach Äonen ihr reiner Geist wiederhergestellt ist und sich danach sehnt, ungeduldig danach strebt, ins Leben und in die Welt zurückzukehren und von vorne anzufangen. Paul fand, dass es keine moderne Sprache gab, die das schockierende Verschwinden seiner Mutter angemessen zu beschreiben vermochte. Eine Vergangenheit, in der eine so erhabene Sprache wie die Vergils möglich war, erschien ihm manchmal an sich schon wie ein Traum.
Als er am nächsten Morgen zum Bestatter zurückfuhr, nahm er sich vor, ihn darum zu bitten, den Leichnam seiner Mutter zu sehen. Sobald er jedoch mit dem Treffen der Vorkehrungen für das Begräbnis beschäftigt war, fiel es ihm schwer, überhaupt zu sprechen oder den unterbreiteten Vorschlägen auch nur vage zuzustimmen: Seine Sprachlosigkeit entsprang nicht etwa tiefen Gefühlen, sondern im Gegenteil einer vertrauten, starren Aversion, die ihn stets dann erfasste, wenn er solche aufgesetzten Beziehungen mit der Außenwelt führen musste. Ihm war klar, dass der junge Mann, mit dem er sprach, dazu ausgebildet worden war, auf die Ausrutscher und verräterischen Unsicherheiten trauernder Familienmitglieder zu achten, und sich deshalb bemühte, möglichst kühl und unzugänglich aufzutreten. Elise hätte bei ihm sein und ihn unterstützen sollen, sie verstand es gut, diese Seite des Lebens zu handhaben. Er konnte sich nicht dazu überwinden, diesem beflissenen jungen Mann gegenüber den persönlichen Wunsch zu äußern, seine Mutter ein letztes Mal zu berühren; und vielleicht wollte er sie ja auch gar nicht berühren.
Danach fuhr er, wie zuvor vereinbart, wieder in das Heim, um Papierkram zu erledigen und die Sachen seiner Mutter aus dem Zimmer zu räumen, obwohl Mrs Phipps beteuert hatte, das habe keine Eile, bis nach der Bestattung könne alles so bleiben, wie es war. Er saß wieder in Evelyns Sessel. Das Zimmer war tatsächlich ziemlich klein; aber als sie das erste Mal hier waren, um es sich anzusehen, hatte unten jemand Klavier gespielt, und das hatte ihn davon überzeugt, dass dieses Heim ein menschlicher Ort war und es möglich wäre, hier ein erfülltes Leben zu führen. Nach diesem ersten Besuch allerdings hatte er das Klavier nicht mehr oft gehört. Als er die wenigen Sachen in Schachteln gepackt hatte, bat er Mrs Phipps, den Rest zu entsorgen und ihm noch die »Höhle«, wie sie es genannt hatte, seiner Mutter im Garten zu zeigen; er merkte, wie sie überlegte, ob er am Ende doch noch Schwierigkeiten machen würde.
Im Garten war der Verkehrslärm weniger durchdringend. Die Sonne schien, der nichtssagende ordentliche Garten, konzipiert für leichte Instandhaltung, war von Vogelgezwitscher erfüllt: Amseln und Buchfinken, das brütige Grummeln der Türkentauben. Mrs Phipps’ hochhackige beigefarbene Wildlederschuhe wurden dunkel vom noch taunassen Gras, als sie den Rasen überquerten, und ihre Absätze versanken in der Erde; er merkte, wie verärgert sie darüber war, aber nichts sagen mochte. Das Heim war früher eine spätviktorianische Pfarrei gewesen, erbaut auf einer kleinen Anhöhe: Am anderen Ende des Gartens zeigte sie ihm, dass man, wenn man sich durch das Gebüsch zu der alten gewölbten Steinmauer durchschlug, zu einer kleinen festgetretenen Stelle nackter Erde gelangte, einem von Zweigen und Blättern umgebenen Hohlraum, groß genug, um aufrecht stehen zu können. Für eine alte Frau war die Mauer zu hoch, um darauf zu sitzen oder hinüberzuklettern, aber sie hätte sich darüber hinweg die Aussicht ansehen und beobachten können, wenn jemand kam. Als Evelyn noch ein Kind war und es noch einen Pfarrer in der Pfarrei gab, befanden sich jenseits der Mauer nur Felder und Wald: Inzwischen war das Gelände zugebaut, soweit das Auge reichte. Paul zwängte sich in den Hohlraum und blickte über die Mauer, während Mrs Phipps höflich, aber ungeduldig darauf wartete, wieder zu ihrem Tagesgeschäft zurückkehren zu können. Er sah die ausgedehnte Totenstadt der Überreste von Longbridge, wo Evelyns Brüder in den Fünfzigern und Sechzigern am Fließband Austin Princesses, Rileys und Minis zusammengebaut hatten. Bei Nacht lag diese riesige postindustrielle Fläche mit ihren Wohnsiedlungen, Einkaufszentren und Schrottplätzen geheimnisvoll hinter unzähligen Lichtern; tagsüber wirkte sie verlassen, als flösse der Verkehr durch einen leeren Raum.
Er empfand nichts in dem Versteck seiner Mutter, konnte das Gefühl ihrer Nähe, das er in der Nacht zuvor gespürt hatte, nicht zurückholen; es war sinnlos gewesen, Mrs Phipps damit zu behelligen, ihn hierherzuführen. Am Nachmittag jedoch, auf der Rückfahrt zu seinem Wohnort im Monnow Valley in Wales, war er irgendwann auf der M50 fast nicht imstande, sich umzudrehen, so sicher war er, dass sich die Schachteln mit Evelyns Sachen auf der Rückbank in ihr physisches Ich verwandelt hatten. Er meinte, ihr vertrautes Rascheln und Ausatmen zu hören, während sie es sich bequem machte, erwartungsvoll spannte er sich an, als könnte sie gleich sprechen. Sein Wissen um ihren unumstößlichen Tod schuf eine Befangenheit zwischen ihnen, für die er sich schämte. Er war diese Strecke so oft gefahren, um sie übers Wochenende nach Hause zu holen, bevor sie zu verwirrt wurde, um es noch zu wollen. Ihr gefiel die Vorstellung, dass ihr Sohn seine Kinder auf dem Land großzog: Sie hatte zwar ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht, sich aber einen geschätzten Vorrat an altmodischen Träumen vom Landleben bewahrt.
In Evelyns Zimmer schien ihm das Sammelsurium ihrer Habseligkeiten mit Bedeutung aufgeladen; jetzt, zurück in Tre Rhiw, fürchtete er, alles könnte sich als bloßer Plunder erweisen. Er konnte sich nicht vorstellen, wo sie die hässliche Obstschale oder den Rauchertisch hinstellen sollten. In diesem Haus wurde nicht geraucht. Seine Töchter waren fanatische Gegnerinnen, in der Schule wurde ihnen eingebläut, Rauchen für ein mit Messerattacken oder Kindesmissbrauch vergleichbares Übel zu halten. Paul hatte es sowieso aufgegeben, aber wenn sein Freund Gerald abends vorbeischaute, behielten sie ihn im Auge und jagten ihn sogar bei Wind und Regen zum Rauchen nach hinten in den Garten; aus Rache fütterte Gerald ihre Ziegen mit seinen Kippen.
Die Mädchen waren noch in der Schule; vor halb vier setzte sie der Bus nicht ab. Elise war in ihrer Werkstatt, kam aber sofort in die Küche herüber, als sie ihn hörte. Sie trug nur Socken, um ihren Hals hing ein Messband, an ihrem schwarzen T-Shirt und ihren Leggings hafteten rote und goldene Fäden von dem Stoff, mit dem sie gerade arbeitete. Mit einer Freundin zusammen betrieb sie ein Geschäft, restaurierte und verkaufte Antiquitäten. Wegen ihrer breiten Wangenknochen nannte Paul sie oft eine Kalmückin. Ihr Teint war ein vornehmes blasses Gold, sie hatte gesprenkelte haselnussbraune Augen; ihr Mund war breit, mit schönen roten Lippen, die sich perfekt schlossen. Sie war drei Jahre älter als er, und die Haut unter ihren Augen zeigte faltige Verdickungen. Seit einiger Zeit färbte sie ihr Haar in einem kräftigen Honigton, der dunkler war als ihr ursprüngliches Blond.
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