„Miß Burger, es wird mir ein Vergnügen sein, am Montag eine halbe Stunde bei Ihnen und Ihren Freunden zu weilen.“
Sensation, die von Saal zu Saal, von Stockwerk zu Stockwerk rauschte, bis der ganze Wolkenkratzer es wußte: Henry Garrick wird das armselige Hochzeitsfest armseliger kleiner deutscher Clerks in dem schäbigen deutschen Hotel besuchen.
Und Miß Burger erfaßte jetzt erst ganz die Größe ihrer Frechheit und begann hinter ihrer Schreibmaschine vor Glück, Stolz und Angst zu weinen.
Eine schlichte hochzeit
Schweigend saßen die beiden Herren in dem großen grauen Auto, das Garrick und seinen Sekretär nach der Villa am Riverside Drive brachte. Fred mußte mitfahren, da Garrick noch bis in die Nacht hinein arbeiten wollte. Kurz bevor sie das Ziel erreicht hatten, sagte Garrick:
„Fred, heute ist Freitag, und am Montag ist diese alberne Hochzeit. Bitte, besorge bis dahin ein hübsches, kleines, vollkommen eingerichtetes Haus auf Long Island als mein Hochzeitsgeschenk. Keck dieses kleine Frauchen, aber vernünftig!“
Das Hochzeitsmahl im Belvedere-Hotel verlief ein wenig ungemütlich, da alles unter dem Banne der Anwesenheit Garricks stand und dieser recht schweigsam und ernst war. Dazu kam noch, daß es eine total alkoholfreie Hochzeitstafel sein mußte. Champagner und Weine hätte man sich ja trotz des nun schon seit sechs Jahren bestehenden Alkoholverbotes verschaffen können, aber man wagte es nicht, in Gegenwart Garricks das Verbot zu übertreten. Nein, man begnügte sich mit dem ungegorenen Saft von Weintrauben, Erdbeeren, Kirschen, mit den sogenannten „soft drinks“, die zwar vortrefflich schmecken, aber nicht die belebende und erhitzende Wirkung alkoholischer Getränke haben. Und dann, man wagte nicht, in Gegenwart des großen Yankees jene kleinen, geschmacklosen Scherze vorzubringen, die sich auf die Ereignisse der kommenden Brautnacht zu beziehen pflegen und die Braut gewöhnlich erröten, den Bräutigam verlegen werden lassen.
Also ging es recht schweigsam und würdig zu, und Garrick, der das fühlte, empfand sich als Störenfried und war ärgerlich, und Fred Holme war wütend, weil es keinen Alkohol gab und dachte mit Wehmut an den geheimen Wandschrank in seinem Haus und an die hundert Flaschen Whisky, Rheinwein und Bordeaux, die dort in Reih und Glied erwartungsvoll standen.
Peter Möller, der deutsche Abteilungschef, klopfte an sein mit eisgekühltem Bananensaft gefülltes Glas, hielt stotternd eine endlose Ansprache, die in eine Huldigung auf Mister Henry Garrick ausklang, der als bedeutender Mensch, als größter Amerikaner, als väterlicher Freund seiner Angestellten gepriesen wurde.
Garrick mußte natürlich antworten. Er sprach ganz kurz, aber seine Worte hatten Inhalt. Er wies auf die Geißel Europas, die Wohnungsnot, hin:
„Mein Geschenk für das Brautpaar entspricht dem Wunsch, daß in diesem Lande jede Familie ihr eigenes Heim haben soll. Wir haben die furchtbarste Kriegsfolge, die Wohnungsnot, glücklich überwunden, in Europa, ganz besonders aber in Deutschland und Österreich, richtet sie nach wie vor Verheerungen an. Nach vertrauenswürdigen Berichten, die ich eben aus Wien bekommen habe, einer großen Stadt, die ich nicht kenne, die aber als altes Kulturzentrum gepriesen wird, wirkt dort die Wohnungsnot ärger als die Pest. Sie zerstört das Familienglück, treibt die Menschen zur Verzweiflung, führt zu Mord und Selbstmord, untergräbt die Sittlichkeit, verwüstet Existenzen. Man schrieb mir Erstaunliches von Ehepaaren, die voneinander getrennt leben müssen, mit fremden Menschen in einem Zimmer hausen, bis Überdruß und Haß zwischen ihnen entsteht und sie auseinandertreibt. Beweis, daß dort die Energien erlahmt sind, keine treibenden Kräfte herrschen, die fähig wären, aufzubauen, statt zu jammern und zu klagen. Wir Amerikaner aber, die wir die einzigen Sieger geblieben sind, wir bauen und arbeiten, und mein kleines Geschenk soll ein Beweis unserer Gesundung sein. Möge das junge Paar in dem Häuschen auf Long Island nur glückliche Stunden verbringen.“
Allgemeines Hurra, Händeschütteln, Gratulieren. Henry Garrick verabschiedete sich, verließ allein die Hochzeitsgesellschaft, während sein Sekretär Fred Holme auf seinen Wunsch noch blieb.
Kaum hatte sich Garrick entfernt, als Fred Holme den Hoteldirektor rief und ihm auftrug, für ordentlichen „Stoff“ zu sorgen. Der Direktor verstand und wenige Minuten später stand eine Batterie Flaschen auf dem Tisch, deren jede eine die Etikette „Sodawasser“ trug. Es war aber durchaus kein Sodawasser, sondern ordentlicher, guter alter Wein aus den Gebieten der Mosel und des Rheines.
Und jetzt erst wurde es ein ordentliches deutsches Hochzeitsfest!
Der arme reiche
Garrick ging in dem Herrensalon seines Palastes an Riverside Drive auf und ab. Der Schreibtisch war mit Briefen und Akten bedeckt, wichtige Dokumente harrten der Erledigung, er wollte heute nachts noch seine Entscheidung über den Ankauf einer Kupfermine treffen, aber er konnte sich nicht zur Arbeit entschließen, ging ruhelos auf und ab.
Die Stille und Einsamkeit in dem großen, ganz aus Marmor erbauten Palast sprang ihn heute an wie ein wildes Tier, erregte ihm Unbehagen. Immer wieder flogen seine Gedanken zurück zu dem albernen kleinen Hochzeitsfest im deutschen Hotel. Wie glücklich dieser junge Ehemann ausgesehen hatte, wie zufrieden und heiter die anderen. Diese Leutchen kannten das Gefühl des Alleinseins nicht, hatten ihre Frauen und Kinder, die jungen unter ihnen ihren Schatz, ihr „Sweetheart“, wenn sie den Garrickschen Wolkenkratzer verließen, waren sie freie, frohe Menschen, dachten nicht mehr an Geld und Geschäfte, unterhielten sich auf ihre bescheidene Art.
Er aber? Ein von der Arbeit und von Ehrgeiz Besessener war er, für ihn gab es keine Ruhepause, keine Erholung, kein stilles Glück – nichts als Arbeit und wieder Arbeit! Seit zwei, drei Jahren hatte er die halben Nächte hier an diesem Schreibtisch allein oder mit seinen Direktoren verbracht, in seinem kurzen Schlaf drängten sich Ziffern und Pläne, um sieben Uhr morgens duldete es ihn nicht mehr im Bett, bemächtigten sich seiner neue Ideen, schluckte er den heißen Kaffee herunter, hastete er in die City, warf er sich nie endender Arbeit in die gierig ausgestreckten Arme.
Und dabei war er noch jung. Wie alt eigentlich? Siebenunddreißig? Nein, erst sechsunddreißig! Und das Leben lockte ihn oft genug, es gab tausend schöne Frauen, die sich an ihn herandrängten, ihn umwarben, ihn mit schmachtenden Blicken verstricken wollten. Aber er hatte keine Zeit für das Leben und keine für die Frauen.
Ein hartes Lachen unterbrach die Totenstille ringsumher.
Würde man es ihm glauben, daß er seit zwei Jahren kein Weib umarmt hatte? Er, der kraftstrotzende, gesunde Mann von sechsunddreißig Jahren?
Aber wie denn auch? Am Morgen, am Tag, am Abend hatte er keine Zeit, konnte er sich nicht auf eine Stunde von der Arbeit befreien. Und nachts – ja, in seinen einsamen Nächten gab es Stunden, in denen die Wollust ihm das Blut in den Kopf trieb, ihm die Decken zur unerträglichen Last wurden, er sehnsüchtig die Arme ausstreckte, um die nackten Frauenleiber, die ihm die Phantasie vorgaukelte, an sich zu reißen. Bis er aufsprang, in das Badezimmer eilte, das eiskalte Wasser der Brause über den heißen Körper rieseln ließ und dann zentnerschwere Eisenhanteln schwang, um erschöpft und müde wieder in sein Bett zu kriechen und an Transaktionen, Fusionierungen, Neugründungen und Riesengeschäfte zu denken.
Das war sein Leben, das Leben des beneideten, gehaßten, bewunderten, fast schon sagenumsponnenen reichsten Mannes der Welt!
Wozu das alles, warum nicht Schluß machen, sich dem Leben in die Arme werfen, nach Europa fahren, diesem jauchzenden, den Frauen und dem Genuß lebenden Europa? Zu welchem Zweck weitere Millionen auf Millionen häufen, zu welchem Ende arbeiten und schuften, wie keiner seiner Angestellten, kein Erdarbeiter, kein Kohlengräber arbeitet?
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