„Mein lieber Alfred,“ unterbrach ihn der Kommerzienrat und schlürfte seine Suppe, „ich bin bei Tisch und will meine Ruhe! Wir haben oft genug davon gesprochen. Wenn du einmal so alt bist wie ich, wirst du einsehen, dass oft in dem scheinbar Törichten die tiefste Weisheit liegt. So ist’s auch mit dem Wahlrecht.“
„Schön!“ sagte Alfred, und lehnte sich resigniert zurück. „Aber mich sieht keiner im Reichstag!“
Eine kurze, etwas unbehagliche Pause trat ein. Der alte Herr warf einen missbilligenden Blick auf das einzige leere Kuvert am Tisch.
„Oskar muss doch immer auf sich warten lassen!“ sagte er, „wo steckt dein Mann denn nur wieder, Mary?“
Mary zuckte lässig die Schultern. „Ich weiss nicht. Heute nacht kam er um vier aus dem Klub, erklärte, während er den Paletot auszog, er und der kleine Meier seien die Creme der Erde, und schlief sofort ein wie ein Toter. In aller Gottesfrühe ist er wieder weg — zur Schafschur, wie er sagte —, die Lämmlein blökten schon nach ihm und seiner Kuponschere — und seitdem hab’ ich ihn nicht mehr gesehen!“
„Jetzt schimpfen sie doch wieder alle über mich!“ sagte ein wohlbeleibter, kaum mittelgrosser Herr mit starker Glatze und jovial lächelndem, vollem Gesicht, in dem über einem stattlichen Schnurrbart die Äuglein heiter und listig blinzelten, während er an den Tisch herantrat, „die Geschäfte, lieber Schwiegerpapa ... die Geschäfte! ... Es gibt so böse Menschen auf der Börse! Ein blondlockiger Jüngling, wie ich, muss sich da vorsehen — sonst sitzt er da mit dem Schlussschein, er weiss nicht wie — Israel aber spottet seiner, und die Mäkler lachen! ‚Tag Schatz!‘“ Er klopfte seiner Frau auf die Schulter und reichte über den Tisch hinüber Ellen und Alfred die Hand. Dann wandte er sich zu Herbert: „Na ... sehen wir uns auch mal wieder, Schwager!“ sagte er kühl, und die beiden Männer wechselten einen förmlichen Händedruck, ohne sich erst zu einem Lächeln der Begrüssung zu bemühen.
Der Graf de Grain setzte sich, schob die Schösse seines Fracks, den er jeden Abend nach englischer Sitte trug, zurecht und winkte dem Oberkellner. „Sind Sie mein Freund?“ forschte er vertraulich.
„Zu Befehl, Herr Graf!“ Der Kellner, der einem hageren englischen Lord glich, lächelte diskret.
„Das ist recht!“ sagte Oskar. „Bleiben Sie dabei und Sie werden bei meinem Aufbruch tanzen und springen. Denn ich verweise meine Wohltäter nicht auf den himmlischen Lohn, sondern zahle die Trinkgelder hienieden bar! Und nun ... Hand aufs Herz ... ist eine Möglichkeit ... ich betone: eine entfernte Möglichkeit vorhanden, hier etwas zu essen zu bekommen?“
„Vielleicht vorerst ein Dutzend gemästete Austern und etwas Yquem? Inzwischen spreche ich mit dem Chef de Cuisine!“
„Hm! ...“ Oskar runzelte die Stirne. „Heben Sie die Hand auf, alter Freund, und schwören Sie ...“
„Was denn, Herr Graf?“
„Dass die Austern frisch sind!“
„Aber, Herr Graf!“ Der Frackträger machte eine beschwörende Gebärde, und ein Zug edler Entrüstung erschien auf seinem verwitterten Gesicht.
„Dann her damit!“ Oskar versank in tiefes Grübeln. „Den Karpfen will ich!“ rief er dann plötzlich laut, als der Kellner in unhörbaren Schritten schon fast bis zur Türe geglitten war. „Einen grossen Karpfen, blau! ... melden Sie das dem Chef! ... Den Karpfen, den ich nachmittags telephonisch bestellt hätte!“
„Sehr wohl, Herr Graf!“
„Und zu trinken? ... Füllen Sie immer noch Leonhardis Tinten in Ihre Bordeauxflaschen, wie neulich, oder welche Substanz ist jetzt darin ...?“
„Herr Graf ... unser Mouton-Rothschild ...“ Der Oberkellner blinzelte verzückt lächelnd, mit dem schwärmerischen Augenaufschlag eines Verliebten, zur Decke.
„Gut! Ich will es noch einmal probieren!“ entschied der dicke Graf, „aber wenn es wieder eiskalte Tinte ist ... sagen Sie, es sei für einen Kranken!“ rief er dem enteilenden Frackträger nach, „... für einen armen Mann, mit dem sie an der Börse ein unschönes Spiel treiben!“
„Ist das wirklich wahr?“ fragte der Kommerzienrat, der die ganze Zeit zwischen Lachen und Ärger dagesessen hatte.
„Ach nein!“ Graf Oskar tätschelte zerstreut die Hand seiner Frau. „Es macht sich so weit! Ich bin mit dem deutschen Volk zufrieden. Es arbeitet ordentlich für mich. Ich muss ihm das lassen. Es ist ein gutes und emsiges Volk. Wenn ich so morgens aus dem Klub komme und sehe diese braven Leute im Morgendämmern zur Arbeit gehen, das Handwerkszeug im Arm und mit hochgeklapptem Rockkragen, dann wird’s mir ganz weich ums Herz und ich zerdrücke eine Träne. Ganz zerknirscht komm’ ich zu Hause an und taste nach der Kuponschere. Mary kann’s bezeugen!“
Aber seine Frau sagte nur: „Du weisst, dass ich diesen Ton nicht ausstehen kann!“ und starrte auf das Tischtuch.
„Ja ... ich selber auch nicht!“ bestätigte der Graf. „Im Grunde bin ich eine tiefernste Natur. Man merkt’s bloss nicht, weil mir der Deubel immer im Nacken sitzt, und dann muss ich faule Witze machen. Aber ich gräme mich innerlich darüber — glaub’ mir’s! Die Verhältnisse bringen es eben so mit sich. Wie oft habe ich schon zu meinem Geschäftsfreund, dem kleinen Meier, gesagt: ‚Mann ... haben Sie denn gar keinen Idealismus? Sehen Sie mich an ... da lernen Sie’s!‘ Aber bei diesen Leuten ist Hopfen und Malz verloren!“
Er brach bekümmert ab, und der Kellner brachte die Milchaustern, die dickgemästet wie kleine Säcke in ihren Schalen ruhten. Bezüglich des Karpfens sei alles in Ordnung. Der Chef habe selbst die Zubereitung überwacht. Was der Herr Graf nachher ...
„Eine Omelette à surprise!“ sagte der Graf und schickte ihn fort.
„Es ist schwer, Mensch zu sein!“ plauderte er weiter, die Austern kunstgerecht lostrennend und aus der Schale schlürfend, „und dass nächstens in Berlin W eine Hungersnot unter uns oberen Zehntausend ausbricht, steht ganz ausser Zweifel. Die Austern sind auch wieder unter aller Würde — sonst hätte ich dir natürlich davon angeboten, Mary; aber so esse ich sie als selbstverleugnender Ehegatte allein. Es gibt einfach keinen Ort mehr, wo man menschenwürdig speisen kann. Die hungernden Millionäre irren schon in Rudeln durch die Tiergartenstrasse und fallen schliesslich blindlings in einer Kutscherkneipe ein — es herrschen trostlose Zustände ... trostlos,“ wiederholte er, goss sich ein Glas Bordeaux ein und schlürfte es in kleinen Schlücken, während seine Augen zwinkernd durch den ganzen Raum gingen.
„Es gibt ein schönes Bild, ‚Schafschur in Oberhessen‘,“ sagte er dann absetzend, „das könntest du eigentlich für mich als Sachverständiger kaufen, Alfred! Ich will es in mein Arbeitszimmer hängen. Es wird mir neuen Mut geben, wenn ich an eine Emission nicht recht ’ran will oder der kleine Meier mich geärgert hat. Dann blicke ich andächtig zu dem Bilde empor und ...“
Mary wandte sich ihm plötzlich zu. „Bitte, höre jetzt auf!“ sagte sie bestimmt. „Es ist langweilig, wie du dich immer verstellst und den Spassmacher spielst! Du bist gar nicht so! ... Das wissen wir hier doch alle!“
„Das ist eine Frau!“ Der Lebemann schüttelte bekümmert den Kopf. „Aber bloss der Ärger, weil sie keine Austern gekriegt hat.“ Er schob den Teller mit den Schalen von sich. „Schön. Ich werde ernsthaft sein. Also heute habt ihr das neue Reichshaus eingeweiht, Schwiegerpapa?“
„Ja,“ erwiderte der alte Herr kurz. Die ganze Art des Börsengrafen war ihm mehr denn je ein Greuel.
„Habt ihr denn auch schon ’ne Inschrift oben an das Gebäude?“ forschte der unbekümmert weiter, „nachdem’s mit ‚Dem deutschen Volke‘ nichts ist? Ich würde was Biblisches nehmen: ‚Eure Rede sei Ja — Ja!‘ das ‚Nein — Nein!‘ lassen wir weg! Das liebt die Regierung nicht. Der kleine Meier freilich meinte, man solle für die Abgeordneten lieber einen Kernspruch aus dem täglichen Leben wählen. Etwa: ‚Quatsch’ nicht, Krause!‘ in flammenden gotischen Riesenlettern über dem Hauptportal! Das wäre ...“
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