„Dr. Steinbrecher!“, rief er. „Kommen Sie aus Ihrer muffigen Bude und werfen Sie einen letzten Blick auf diese Kostbarkeit, die Sie nie besitzen werden.“
Die Tür ging auf.
„Das hier ist nämlich meine Frau, falls Ihnen da etwas entgangen ist. Und die kündigt heute! Fristlos!“
Dr. Steinbrecher sah erst Karl, dann Maggie und dann wieder Karl an. Auch Maggie verstand nichts.
„Das war heute dein letzter Arbeitstag“, jubelte Karl.
„Befördert. Ich bin befördert worden. Du bist jetzt die Frau eines Abteilungsleiters, und die braucht nicht mehr zu arbeiten! Nimm deine Jacke, und dann nichts wie weg hier.“
Karl nahm sie bei der Hand und zog sie aus dem Büro. Maggie durchströmte es heute noch warm, wenn sie an diesen Moment dachte.
Danach nahmen die Dinge ihren Lauf. Erst kam Susanne, und zwei Jahre später Andrea.
„Was duftet denn hier so köstlich?“, fragte Anne, als sie die Küche betrat. Sie lüftete den Topfdeckel.
„Oh mein Gott, Maggie, du übertriffst dich mal wieder selbst. Osso buco – mein Leibgericht!“
Einen winzigen Moment durchfuhr es Maggie, aber das war Unsinn. Anne hatte schwarzes Haar.
„Mit Steinpilzrisotto. Dazu Tomatensalat mit Mozzarella. Und anschließend Zabaione.“
„Lust auf Italien?“
„Keine Ahnung, war einfach so eine Idee.“
„Ist alles in Ordnung?“
„Alles in Ordnung.“
Sie deckten den Tisch. Die beiden Männer standen an der Gartentür und unterhielten sich beim Wein. Ein Abend, wie sie ihn schon oft erlebt hatten. Ein Abend, an dem Maggie normalerweise die Wärme genossen hätte, die das Kaminfeuer verbreitete.
Sie setzten sich zu Tisch.
„Kleines, was ist los mit dir?“ Karl sah sie mit sorgenvollem Blick an. „Sollen wir das Fleisch mit den Fingern essen?“
„Oh, entschuldigt!“ Maggie sprang auf, um Besteck zu holen.
Anne kam hinterher.
„Manchmal kann er wirklich eklig sein“, sagte sie, aber Maggie winkte mit den Messern in der Hand ab.
„Du kennst ihn doch. Er ist halt ein Perfektionist.“
Als sie wieder hereinkamen, referierte Karl über seine neueste Theorie, dass die Summe des Unglücks bei jedem Menschen stets auf gleichem Niveau bleibe. Es käme auf jeden selbst an, wie er das Leben sehe. Ein Optimist würde auch in schlechten Zeiten seine Stimmung über die Wirklichkeit stellen, ein Pessimist auch in guten Zeiten dafür sorgen, dass er genügend Sorgen hatte. Maggie kannte diese These bereits, Karl hatte sie ihr schon mindestens dreimal dargelegt, seitdem er sie kürzlich in einer Zeitschrift gelesen hatte.
Anne war anderer Meinung.
„Wenn deine Theorie stimmen würde, wäre Glück ja eine rein subjektive Empfindung, die durch äußere Faktoren nicht zu beeinflussen wäre.“
„So ist es!“, rief Karl triumphierend. „Aus Glück und Leid wird Mäßigkeit!“
„Woher hast du denn den Satz?“, fragte Theo.
„Habe ich mir eben ausgedacht!“
Maggie musste lachen.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Nichts, nichts. Du hast es nur so komisch gesagt.“
„Also ich schließe mich eher Anne an“, meinte Theo.
„Nehmen wir an, jemand lebt ein sehr glückliches und zufriedenes Leben. Dann hat er einen Unfall und verliert beide Beine. Danach verliert er obendrein, ihr verzeiht mir den in diesem Fall makaberen Ausdruck, den Boden unter den Füßen. Er ist einfach nicht mehr derselbe. Sein ganzes Leben gerät aus den Fugen. Er kann nicht mehr arbeiten, wird ein Pflegefall, hat ständig Streit mit seiner Frau. Am Ende zerbricht seine Ehe, er landet in einem Heim für Behinderte und erhängt sich. War er jetzt Schmied seines eigenen Glückes?“
„Natürlich!“, rief Karl. „Als Optimist hätte er auch aus dieser misslichen Lage das Beste gemacht. Er hätte seine Arme trainiert, wäre zum Sport gegangen oder besser gesagt gefahren, hätte anderen geholfen, mit demselben Schicksal fertigzuwerden und wäre am Ende ein erfüllter Mensch geworden, der jeden Moment seines Lebens genießt.“
„Deiner Meinung nach gibt es also keine Schicksalsschläge oder Ereignisse, die einen Menschen unglücklich machen können?“, fragte Maggie.
„Nein.“
„Und wenn man zum Beispiel merkt, dass sein ganzes Glück, alles, woran man geglaubt hat, nur auf Sand gebaut ist?“
„Es ist doch ganz egal, ob man nur in einem Traum lebt, solange man glücklich ist.“
„Solange man nicht aufwacht“, fügte Maggie hinzu.
Karl schaute sie an, ein kleines Zucken um seine Augen. „Dass Du heute so spitzfindig bist.“ Er stand auf, um eine neue Flasche Wein zu holen.
Der Rest des Abends verlief in gewohnter Heiterkeit und Harmonie, und weil Anne am nächsten Tag früh rausmusste, wurde es nicht spät.
Als sie nebeneinander im Bett lagen und Karl seine Leselampe gelöscht hatte, fragte Maggie in die Dunkelheit:
„Wie ging noch mal der Spruch, den du dir vorhin ausgedacht hast?“
„Aus Glück und Leid wird Mäßigkeit!“
„Komisch, mir ist, als hätte ich den schon irgendwo einmal gehört.“
„Das kann gar nicht sein, Kleines!“, gab Karl schläfrig zurück.
Mitten in der Nacht schrillte das Telefon. Maggie fuhr hoch. Sie blinzelte auf die Uhr. 4.14 Uhr. Sie war erst vor einer Stunde eingeschlafen. Hastig stand sie auf und ging an den Apparat.
„Hallo?“
„Hallo Mama.“
Susanne. Obwohl sie achttausend Kilometer entfernt war, konnte Maggie hören, dass sie weinte.
„Was ist los, mein Schatz?“
„Ach, Mama.“ Ein Schluchzen zog sich durch die Leitung.
Karl drehte sich brummend auf die andere Seite.
„Warte“, flüsterte Maggie. „Ich stelle nach unten durch.“
Sie wählte die Eins, legte den Hörer auf die Gabel und lief durch den dunklen Flur nach unten in die Diele, wo der Apparat leise schnurrte. Sie nahm den Hörer ab.
„Er ist verheiratet. Tom ist verheiratet“, heulte ihre Tochter am anderen Ende.
„Ich bin nur seine Geliebte. Er hat eine ganz reguläre Frau, und ich bin seine Gespielin.“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe es herausgefunden. Als wir neulich für ein paar Tage in Santa Cruz am Meer waren, hat er jeden Abend um dieselbe Zeit unten aus der Zelle telefoniert. Mir hat er gesagt, er gehe joggen. Aber ich habe ihn beobachtet. Er hat immer erst telefoniert und ist dann losgelaufen. Am letzten Abend bin ich runter und habe die Wahlwiederholung gedrückt.“
„Und?“
„Es meldete sich eine Frauenstimme mit seinem Namen. Mrs. Jones. Ich habe nach ihrem Mann gefragt. Sie sagte, er käme erst heute Abend von einer Geschäftsreise zurück. Dann habe ich einfach aufgelegt. Mama?“
„Ja, ich bin noch dran. Das ist ja ein starkes Stück.“
„Was soll ich denn jetzt machen?“
„Und wenn du ihn einfach fragst?“
„Wie denn? ‚Sag mal, gibt es da noch eine andere in Deinem Leben?’ Meinst du, dann sagt er: ‚Ach ja, ich hatte ganz vergessen, dir zu erzählen, dass ich verheiratet bin. Das macht dir doch sicher nichts aus.’ Super Idee, Mama.“
„Du hast ja Recht. Was sagt dir denn dein Gefühl? Liebst du ihn?“
„Natürlich liebe ich ihn, das habe ich zumindest bis gestern Abend geglaubt. Im Moment hasse ich ihn.“
„Vielleicht solltest du ihn dir besser aus dem Kopf schlagen.“
„So schnell gebe ich nicht auf, Mama. Ich doch nicht.“ Langsam schien sie sich wieder zu fassen. „Wer weiß, was für einen Besen der zuhause hat. Wahrscheinlich ist sie genauso alt wie er und schlaff wie eine alte Zitrone. Solche Frauen kennt man doch. Die richten sich in ihrer Ehe gemütlich ein, lassen sich gehen und machen ihren Männern die Hölle heiß. Und im Bett läuft schon lange nichts mehr. Oder kennst du eine Beziehung, in der ein Paar nach zehn oder zwanzig Jahren Ehe noch Sex hat? Mama?“
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