„Du bist doch gar nicht allein. Du triffst deine alten Kollegen. Ich stehe nur daneben.“
„Ich will nichts mehr hören – zieh dir etwas Schickes an und mach dich zurecht. Um acht müssen wir da sein.“
Er hatte sie unters Kinn gefasst und ihr in die Augen geschaut. „Ich brauch’ dich – das weißt du doch.“
Zwei Stunden später lehnte sie in einer Ecke des riesigen und für Maggies Empfinden viel zu schwarz-weißen Wohnzimmers von Frau Mertens, besser gesagt Fräulein Mertens – Karls Sekretärin hatte nie geheiratet – und nippte an ihrem Weißwein.
Ihr Mann lachte, umrundet von vier oder fünf seiner früheren Mitarbeiter.
Die Mitarbeiter lachten ebenfalls. Es war schon reichlich Alkohol geflossen. Fräulein Mertens steuerte freundlich auf sie zu.
„Frau Nienstetten. Sie stehen hier so allein. Kommen Sie doch zu uns an den Tisch.“ Maggie folgte ihr. Ihr Kopf schmerzte, endlich sitzen. Sie nahm neben einer elegant gekleideten Dame gleichen Alters Platz und schlug die Beine übereinander.
„Guten Abend“, begrüßte sie die Dame. „Ganz schön anstrengend, so ein Haufen alter Haudegen, nicht wahr? Ich heiße Bettina von Bettstein und bin die Frau von Armin von Bettstein. Und Sie?“
„Maggie Nienstetten“, hatte Maggie geantwortet. „Die Frau von Karl Nienstetten.“
Die Dame namens Bettina von Bettstein stutzte für einen Moment. „Dem Karl Nienstetten dort drüben?“
„Genau dem.“
„Ach nein. Dann sind wir uns doch schon mal begegnet, warten Sie mal, so vor etwa zwei Jahren! Beim Italiener – wie hieß er noch gleich? Erinnern Sie sich? Sie saßen mit Ihrem Mann in der Ecke beim Aquarium, als wir reinkamen, und es war ganz deutlich, dass Sie an diesem Abend unter sich bleiben wollten. Ich war fast ein bisschen neidisch, Sie wirkten so, wie soll ich sagen, so liebevoll miteinander. Aber ich muss zugeben, ich hätte Sie nicht wiedererkannt. Waren Sie beim Friseur? Sie waren doch blond!“
Maggie lachte. „Nein, nein, das müssen Sie verwechseln. Ich war schon immer brünett.“
„Tatsächlich? Dann muss ich mich vertan haben. Wir sind so viel unterwegs. Man verliert den Überblick.“
„Das kann passieren. Ich habe auch ein schlechtes Personengedächtnis.“
An dieser Stelle endete die Unterhaltung, denn Frau von Bettstein wurde plötzlich müde. Sie gähnte, verabschiedete sich und zog ihren Mann am Ärmel aus seiner Männerrunde. Ein letzter Blick, ein Lächeln, kurz darauf verließen beide das Fest.
‚Was für eine dämliche Geschichte’, dachte Maggie auf dem Badewannenrand. Die Klinke ging.
„Bist du da drin, Maggie?“
„Ich bin auf der Toilette.“ Sie sprang auf und zog die Spülung.
„Seit wann schließt du ab? Wieso bist du überhaupt zuhause?“
„Der Kurs ist ausgefallen.“
„Warum sagst du keinen Ton, wenn du zurück bist?“
„Ich wollte dich nicht stören. Du warst ja an der Steuer.“
„Sag Bescheid, wenn du fertig bist.“
Karls Schritte entfernten sich. Maggie drehte den Wasserhahn auf, versuchte, ihre glühenden Wangen mit Wasser zu kühlen, bürstete sich das Haar (zwecklos), trug ein wenig Lippenstift auf (etwas besser) und drehte den Schlüssel im Schloss.
„Diese Steuererklärungen machen mich fertig.“
Karl kam mit einer Flasche Rotwein in der linken und dem Korkenzieher in der rechten Hand in die Küche.
„Was das angeht, kostet mich diese freiberufliche Arbeit der letzten Jahre mehr Nerven als 40 Jahre Festanstellung.“
Das heiße Teewasser dampfte in Maggies Tasse mit dem Aufdruck: „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab.“
Susanne hatte sie vor Jahren mit nach Hause gebracht, ein Werbegeschenk einer Autofirma.
„Hat jemand angerufen?“, wollte Maggie wissen.
„Niemand.“ Karl entkorkte den Wein.
Maggie schaute ihn an, er lächelte.
„Sehen wir uns den Rest des Krimis an, Kleines“, schlug er vor.
„Ich habe keine Lust mehr auf Steuern. Ach übrigens – ich hab meinen Saunaabend auf Donnerstag verschoben.“
„Hat’s doch noch geklappt.“
„Ja, aber nur mit viel Überredungskunst!“
Am nächsten Morgen erwachte Maggie früh. Sie stand immer vor Karl auf, um das Frühstück vorzubereiten. Aber heute war es besonders früh. Sie schlüpfte in ihre Fellpantoffeln und den chinesischen Morgenmantel, den Karl ihr von einer Dienstreise aus Shanghai mitgebracht hatte, und schlich aus dem Zimmer. Im Wohnzimmer drückte sie den elektrischen Rollladenheber. Das leise Summen des Motors noch im Ohr, setzte sie den Kaffee auf. Träge tröpfelte das Wasser durch den Filter, bevor es kurz vor Ende zischte und gurgelte. Maggie nahm ihren Teebecher vom Vorabend, spülte ihn aus, füllte Kaffee hinein und ging in den Garten. Ein paar Krähen pickten im Rasen. Normalerweise hätte sie in die Hände geklatscht, um die Vögel zu verjagen, aber sie wollte nicht, dass Karl aufwachte. Ein paar der Rosen, die sie erst in diesem Frühjahr an den linken Terrassenrand gepflanzt hatte, ließen die Köpfe hängen. Blattläuse! Sie würde ein neues Ungeziefervernichtungsmittel kaufen müssen. Wo gab’s das kürzlich noch im Angebot? Es wollte ihr nicht einfallen. Sie stellte den Kaffeebecher auf den weißen Gartentisch und ging in den Schuppen hinten im Garten, holte die Rosenschere und begann, die morbiden Blüten abzuschneiden. Ein Dorn ratschte ihr den Zeigefinger auf.
Sie schaute zu, wie das Blut aus der Wunde quoll. „Du hast die schönsten Hände der Welt, Kleines“, hatte Karl früher immer gesagt.
KLEINES!
Hatte sie sich verhört?
Stimmte etwas mit ihrem Kopf nicht? Das sollte es geben. Sie hatte einmal von einer Frau gelesen, die gleichzeitig vier verschiedene Personen war, und keine wusste von der anderen. Aber sie war sich mehr als im Klaren darüber, dass sie es war, die gestern vor Karls Bürotür gestanden hatte. Vielleicht hatte er mit ihrer Tochter Susanne in Amerika gesprochen. Das wäre die Erklärung.
Quatsch! „Ich hole dich Donnerstag ab“ – aus Amerika? Sehr witzig!
Maggie brachte die Gartenschere zurück in den Schuppen und ging ins Haus, um die Wunde zu desinfizieren.
Oben rumorte Karl im Badezimmer. Sie schaute auf die Uhr. Schon halb neun. Eilig steckte sie das Brot in den Toaster und begann, den Tisch zu decken. Karl liebte ein perfektes Frühstück. „Das ist der Grundstein für einen erfolgreichen Tag!“
Früher, als er noch festangestellt gewesen war, hatte er meistens nur hektisch eine Tasse Kaffee hinuntergekippt, sich eine Banane oder einen Apfel geschnappt und weg war er. Aber seitdem er von seinem Managerposten in dem Pharmaunternehmen zurückgetreten war, „um dem Nachwuchs nur noch beratend zur Seite zu stehen, sofern das denn überhaupt erwünscht ist“, wurde das Frühstück im immer gleichen Rhythmus zelebriert. Maggie war für das leibliche Wohl zuständig, und Karl wertete die Tageszeitung aus. In der Regel überließ er ihr den Regionalteil, während er sich den großen Themen Weltpolitik und Wirtschaft widmete. Wenn er auf etwas Besonderes stieß, las er es laut vor. Ansonsten schwiegen sie den längsten Teil des Morgens und genossen die Ruhe, die in ihr Leben eingekehrt war, seitdem die beiden Mädchen aus dem Haus waren. Bevor Maggie nach etwa einer Dreiviertelstunde wieder abräumte, besprachen sie kurz den Tagesplan. Wenn Karl keine Termine hatte, hielt er sich vormittags in seinem Büro auf, um seinen Geschäften nachzugehen: Telefonate führen, Briefe lesen, Rechnungen schreiben. Sagte er zumindest. Maggie glaubte, dass er hauptsächlich Zeitung las. Und warum auch nicht? Er hatte in seinem Leben genug gearbeitet. Sie machte erst die Küche, dann die Betten. Danach putzte sie das Bad. Karl mochte es, wenn jeden Tag frische Handtücher an den Haken hingen und die Becken sauber glänzten. Er hatte viel Zeit seines Managerlebens in Hotels verbracht, und sie wollte nie, dass er sich dort wohler fühlte als zuhause. Was sie anging, so liebte sie ihr Heim und ihren strukturierten Tagesablauf, und es erfüllte sie mit Stolz, wenn sie ihre Haushaltsplanung am Ende des Monats mit Gewinn abschloss.
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